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Hektarweise zerwühlte Wiesen

Stalltür auf – mit wehenden Mähnen galoppieren fünf, sechs Pferde durchs offene Gatter auf die Koppel. Bert Siegwart steckt den Elek trozaun um, lässt eine zweite Stalltür aufschwingen – ein weiteres halbes Dutzend Pferde donnert vorbei, dieses Mal nach rechts, Siegwarts Hund tanzt ausgelassen bellend um sie herum. Von hier oben auf der Kuppe verläuft Wiesengrün in sanfter Welle talwärts, zum Wald gegenüber, zum Ort links. Ländliches Idyll? Siegwart verzieht das Gesicht, weist dorthin, wo die Pferde die Köpfe ins Gras stecken: Von geschlossenem Grün keine Spur, der Boden wirkt wie aufgepflügt. Wildschweine haben Wiesen und Koppeln zerwühlt, „hektarweise“, sagt Siegwart zornig.

Er übertreibt nicht. Ein Stück bergab, jenseits des Koppelzauns, sieht man breite Wühlstreifen über mehrere hundert Meter. „Wie soll man da noch mähen?“, fragt Siegwart. Als Nebenerwerbslandwirt mit 20 Pferden im Stall brauche er das Gras als Futter – Silage, große Ballen türmen sich entlang der Zufahrt, und Heu. Aber die Fläche glattzuziehen und neu einzusäen, sei derzeit sinnlos: „Die Schweine kommen immer wieder.“ Er bückt sich, hebt lose Soden auf: „Das ist frisch, letzte Nacht waren sie wieder da.“
 

Nöte mit Naturschutz-Flächen

Probleme mit Schwarzwild kenne Lauterbach seit jeher, sagt Siegwart nüchtern. Die Waldnähe halt. Aber früher – er ist Jahrgang 1943 und seit über 40 Jahren Pferdehalter und –züchter – habe es noch überall Landwirtschaft gegeben, ein Zaun um den Wald habe die Äcker geschützt. Heute hätten viele Bauern aufgegeben. Das Land fiel brach, verbuschte, der Wald rückte näher. Und damit die Wildsauen. „Die Jäger müssten was tun“, sagt er. Vor zwei Jahren habe Jagd die Wühlereien beendet.

Anders als Privatleute bekommen Landwirte wie Siegwart Wildschäden ersetzt (siehe „Auf einen Blick“). Doch um Geld gehe es ihm nicht, sagt er. Was zähle, sei das Futter für seine Tiere. Und: „Ich mache hier seit über 40 Jahren Landschaftspflege“, und wann immer es gelte, Lauterbachs schöne Seiten vorzuzeigen, komme Besuch ins Flachstal. „Aber bei dem, was im Moment passiert, weiß ich mir keinen Rat mehr.“

Vor allem mit Blick auf die Magerwiesen, die einen Teil seiner 22 Hektar Wirtschaftsfläche ausmachen. Seltene Biotope – Siegwart bewirtschaftet sie im so genannten Vertrags-Naturschutz (siehe „Hintergrund“): „Da kann ich nicht normal einsäen, dann hätte ich die falschen Pflanzen drauf.“
 

Reparatur im Frühjahr

Vor ein paar Tagen war Schadensbesichtigung. Vertreter der Stadt – sie ist Haupt-Mitglied der Jagdgenossenschaft – waren da und ein Landwirt, der Spezialgerät zur Flächenreparatur besitzt. Man habe sich verständigt, Glattziehen und Neusaat aufs Frühjahr zu vertagen, fürs Säen sei es ohnehin schon zu kalt, berichtet Siegwart mit einem Seufzer.

Auf dem Rückweg zum Stall kommen die Pferde neugierig näher, Siegwart streicht ihnen über die Nüstern. „Die da mit der Decke ist mein Stolz“, sagt er: Die Stute, noch jung, habe bereits Erfolg im Turniersport – wie auch schon ihre Mutter und Großmutter. „25 Fohlen aus meiner eigenen Zucht sind hier zur Welt gekommen“, im Stall, den er 1972 selbst gebaut hat. 43 Jahre im Flachstal. Jetzt hofft Siegwart auf die Jäger. Der Geislauterner Wolfgang Höhn, 64, war früher schon mal Pächter der Lauterbacher Jagd, seit Juli ist er es wieder. Auf die Frage, ob die Jäger mehr tun müssten, antwortet er erstmal mit einer Situationsbeschreibung. 344 Hektar umfasse der Jagdbezirk, davon 210 Hektar bejagbar (der Rest ist Siedlung, „befriedeter Bezirk“). Gut 4,5 Kilometer lang sei die Grenze zum Wald. Und: Weil das Jagdgesetz eine Mindestfläche pro Jäger vorschreibe, könne er nur zwei Jagdberechtigungsscheine ausgeben. Drei Jäger setzen sich also mit den Wildschweinen auseinander.

Das sind viele: 60 bis 70 Tiere in mehreren Rotten hat Höhn gezählt, „so viele wie noch nie“. Die Population sei enorm gewachsen, seit die Jagdschule auf dem Linslerhof nach Tierschützer-Protesten keine Drück- und Treibjagden mehr veranstalte. Im eigenen Bezirk sei so etwas sinnlos, sagt Höhn: „Bei uns gibt es keinen Einstand“, ihr Nachtlager haben die Tiere auf Saarforst-Gebiet.

Fast täglich seien seine Mitstreiter und er auf dem Ansitz, sagt Höhn. Mehr als einmal „haben wir die Rotte gehört – und dann kam der Bodennebel“: ohne Sicht kein Schuss.

Unter der Grasnarbe suchen Wildschweine nur Eiweißnahrung, Engerlinge, Regenwürmer. Ansonsten – es sei ein Eichelmastjahr – fänden im Wald sehr viele Schweine Futter. Und diese enorme Zahl der Tiere lässt Höhn zweifeln, ob Abschüsse sie auf lange Sicht abschrecken: „Der Lerneffekt ist wahrscheinlich kurzfristig.“

Immerhin, fünf Tiere hat Höhn seit August erlegt, zwei davon erst kürzlich. Und er und seine Kollegen machen weiter: „Wir tun, was wir können.“

 

Zum Thema:

Auf einen BlickJagd ist nur auf offenem Gelände erlaubt. Dort bilden die Grundeigentümer eine Jagdgenossenschaft. Sie verpachtet in der Regel das Jagdrecht im Bezirk. Der Pächter ist dann alleiniger „Jagdausübungsberechtigter“. Er hat aber auch die Pflicht zur Jagd, damit Landwirte im Bezirk ungestört arbeiten können. Schädigen Wildtiere Äcker oder Wiesen, haben die Landwirte Anspruch auf Schadensersatz – entweder vom Jagdpächter oder, je nach Vertragslage, von der Genossenschaft. Im Siedlungsbereich gelten andere Regeln. Siedlungen sind „befriedete Bezirke“, dort darf nicht gejagt werden. Daher erhalten die Bewohner auch keinen Ersatz für Wildschäden. Ihnen bleibt nur, ihre privaten Flächen durch wirksame Zäune gegen Wild zu schützen. dd

 

Zum Thema:

 Magere Flachland-Mähwiese: So nennen Fachleute die Flächen, die Bert Siegwart im „Vertrags-Naturschutz“ bewirtschaftet. Solche Wiesen, selten geworden, stehen nach der Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Richtlinie der EU unter Schutz, erläutert Dieter Ullrich vom Umweltministerium. Typische Pflanzen dort sind Wiesen-Salbei, Futter-Esparsette, Kleine Teufelskralle, Knauel-Gras oder Wiesen-Pippau. Wer solche Wiesen per Vertrag mit dem Ministerium pflegt, darf erst ab Juli mähen (damit die Pflanzen aussamen können) und muss das Mähgut abräumen (damit die Fläche mager bleibt); dafür gibt es eine finanzielle Entschädigung. Für Reparaturen, sagt Ullrich, sei im Handel spezielles, sogar „herkunftsgesichertes“ Saatgut zu haben. dd
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