A6 Metz/Saarbrücken Richtung Kaiserslautern Zwischen AS Sankt Ingbert-Mitte und AS Waldmohr Gefahr durch defektes Fahrzeug, gefährliche Situation in der Ausfahrt (06:25)

A6

Priorität: Sehr dringend

3°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
3°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

Heroingesetz weckt neue Hoffnung

Wuppertal/Bonn. Er ist schon pitschnass geworden, hat gefroren und geschwitzt. Doch ganz egal, wie das Wetter aussieht – Jürgen Heimchen steht seit elf Jahren am 21. Juli auf der „Platte“ vor dem Wuppertaler Hauptbahnhof und wirbt für die kontrollierte Freigabe von Heroin. „Hätte ein Arzt meinem Sohn Heroin verschreiben dürfen, wäre er heute noch am Leben“, ist der 66-jährige Rentner überzeugt. Doch der ständige Druck, sich den nächsten Schuss erbetteln oder dafür stehlen zu müssen, habe Thorsten kaputtgemacht. Mit 21 Jahren erhängte er sich 1992 in einer Gefängniszelle.

Seitdem kämpft Heimchen dafür, dass Drogenabhängige die Chance auf ein menschenwürdiges Leben erhalten, und dass diejenigen, die bereits an ihrer Sucht zugrunde gegangen sind, nicht vergessen werden. Dafür hat er als Vorsitzender des „Bundesverbands der Eltern und Angehörigen für akzeptierende Drogenarbeit“ 1998 den Gedenktag für die verstorbenen Drogenabhängigen ins Leben gerufen. Jedes Jahr beteiligen sich am 21. Juli rund 40 Städte an dem Aktionstag. „Wir haben dazu beigetragen, dass sich die Drogenpolitik in Deutschland verändert hat“, sagt Heimchen selbstbewusst und nennt die Drogenkonsumräume, die Methadonprogramme und das neue Gesetz zur geregelten Abgabe von künstlichem Heroin an Schwerstabhängige, das heute in Kraft tritt. Eine politische Entscheidung, für die Heimchen und die anderen Eltern aus den 14 Selbsthilfegruppen des Verbands jahrelang gekämpft haben. Sie seien glücklich über das Gesetz, betont Heimchen, „aber auch skeptisch“.

Denn ob es tatsächlich zur flächendeckenden Einführung einer heroingestützten Behandlung kommt, hängt vor allem vom Geld ab. Bund, Länder und Kassen müssen sich über die genaue Finanzierung noch einigen und die Bundesärztekammer Richtlinien für die Vergabe des Heroin erlassen.

Das pharmazeutisch hergestellte Heroin, das so genannte Diamorphin, wird als Betäubungsmittel verschreibungspflichtig und soll von den Krankenkassen bezahlt werden. An die Behandlung knüpfen sich strenge Auflagen, die in einem erfolgreichen Modellprojekt in sieben deutschen Städten, darunter in Bonn und Köln, erprobt wurden. Danach müssen die Heroinkonsumenten unter medizinischer Beobachtung stehen, über 23 Jahre alt und seit mindestens fünf Jahren drogenabhängig sein sowie zwei erfolglose Therapien hinter sich haben.

Im Modellprojekt erhielten sie in Heroinambulanzen zweimal am Tag das Diamorphin und wurden dort auch psychosozial betreut. Mit dem Ergebnis, dass die Beschaffungskriminalität deutlich zurückging, sich der Gesundheitszustand der Drogenabhängigen verbesserte und fast 30 Prozent nach zwei Jahren wieder einer Beschäftigung nachgingen. „Gerade die psychosoziale Begleitung hat dazu geführt, dass ein Großteil unserer Probanden in ein gesellschaftlich akzeptiertes Leben zurückfinden konnte“, sagt die Bonner Sozialdezernentin Angelika Maria Wahrheit. Sie hält diesen Baustein der heroingestützten Behandlung daher für unverzichtbar. „Doch die Begleitung kostet“, betont Jürgen Heimchen. In den sieben Modellprojekten wurden für die Heroinkonsumenten rund 18 000 Euro pro Patient und Jahr aufgewendet. „Wenn die Kommunen die Finanzierung der Diamorphin-Vergabe stemmen müssen, werden viele einen Rückzieher machen“, befürchtet der Vorsitzende des Elternverbands. „Denn viele Städte sind pleite.“

Unklar ist auch noch, wer langfristig an der Behandlung teilnehmen darf. Von den rund 120 000 Heroinsüchtigen in Deutschland werden laut Heimchen 40 000 überhaupt nicht durch Substitutionsbehandlungen erreicht, obwohl sie dringend behandlungsbedürftig seien: „Vielen von ihnen könnte mit einer kontrollierten Heroinabgabe geholfen werden.“ Heimchen wird deshalb auch weiterhin am 21. Juli vor dem Wuppertaler Hauptbahnhof stehen und für die medizinische Heroinverschreibung leidenschaftlich werben. Egal bei welchem Wetter. Sabine Damaschke 
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein