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,,Ich bin arbeitslos und obdachlos“

Jürgen Reichmann (42) steht in der Saarbrücker Bahnhofstraße und bettelt. Er ist nur etwa 1,60 Meter groß, aber nicht zu übersehen: strubbeliger Bart, lange graue Haare, und wenn Passanten vorbeikommen, hält er seine Mütze hin, bittet um eine Spende: ,,Ich bin arbeitslos und obdachlos.“ Ich frage ihn, ob wir mal miteinander reden können, über ihn, wie er lebt und was er denkt. Wir kennen uns von früher. Da verkaufte er die Szene-Zeitung ,,Guddzje“, ein Sprachrohr der Obdach- und Arbeitslosen. Wir verabreden uns in der ,,Wärmestube“ in der Trierer Straße, ein angesagter Treff, ,,ein Stück Heimat“ für Obdachlose.

Es ist zehn Uhr. Er sitzt allein, trinkt Kaffee, erzählt: ,,Ich bin Baujahr 1972, habe zwei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Mein Vater ist abgehauen, hat uns sitzengelassen. Ich kam ins Kinderheim, habe einen Hauptschulabschluss. Meine Lieblingsfächer waren die Pausen.“ Und dann? ,,Dann habe ich eine Bäckerlehre angefangen, bekam 200 Mark im Monat – aber immer das frühe Aufstehen. Nach einem halben Jahr habe ich die Lehre geschmissen und auf dem Bau angefangen. Ich bekam zehn bis zwölf Mark in der Stunde. 1997 ging die Firma pleite. Von da an war ich arbeitslos und wohnungslos, lebte auf der Straße. Dort lernte ich Ulrike kennen. Sie war meine Liebe. Wir lebten zusammen, auch auf der Straße. Sie war drogenabhängig, starb 2001 an einer Überdosis.“ Nach einer kurzen Pause sagt er: „Ich bin auch auf Drogen, brauche täglich 20 Euro für einen Schuss Heroin morgens und abends. Es gibt Tage, da trinke ich morgens eine Flasche Schnaps, um zu mir zu kommen und abends eine Flasche, um schlafen zu können.“ Wenn es richtig kalt ist, schläft er im windgeschützten Eingang eines Kaufhauses oder im Vorraum einer Bank, manchmal auch bei seinem Bruder.

Wovon lebt er? ,,Ich bekomme die Grundversorgung. Das sind 301 Euro im Monat. Ich bin Diabetiker. Wenn ich krank bin, gehe ich in die Diakonie. Die behandeln mich ohne Krankenversicherung.“ Und sonst? „Die Tage gehen rum, einer wie der andere.“

Ein großer schlanker Mann, Mitte 50, sonnengebräunt, gut sitzendes Jackett, hellblaues Hemd, Krawatte, kommt auf mich zu: ,,Hallo, wir kennen uns.“ ,,Woher?“, frage ich erstaunt. ,,Ich bin viel unterwegs in Saarbrücken. Im Theater, auch in der Oper. Ich habe einen so genannten ,Kunst-umsonst-Ausweis’ von der Stadt.“

Der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, erzählt, dass er eigentlich Steuerfachgehilfe ist, einen guten Job hatte, Französisch und Englisch spricht, in einer Unternehmensberatung gearbeitet hat, bis die Firma vor 20 Jahren in den Konkurs ging: ,,Seitdem bin ich arbeitslos und lebe von Hartz IV.“

Und weil er ,,nicht im Alkohol versinken will“ und sich für Kunst und Kultur interessiert, geht er abends in die Oper, ins Theater oder auf Lesungen. Er hat eine „Social Card“, die man mit dem Hartz-IV-Bescheid erhält und mit der man pro Monat eine Saarbahn-Dauerkarte für 33,40 Euro kaufen kann. Als ich nach seinem schicken Outfit frage, sagt er: ,,Die Kleider hole ich mir aus der Kleiderkammer. Da findet man immer was Passendes.“

Er ist geschieden, hat keine Kinder, erhält 364 Euro plus 100 Euro für Strom und Heizung, lebt in einer Einliegerwohnung im Haus seiner Mutter und muss keine Miete bezahlen. Gelegentlich sammelt er Pfandflaschen: ,,Da kommen an manchen Tagen zehn Euro zusammen.“ Natürlich hat er versucht, zurück ins Arbeitsleben zu finden: ,,Im Weltkulturerbe Völklinger Hütte haben wir als Ein-Euro-Jobber Wege saniert. Aber lange ging das nicht.“ Auch bei einem Theaterprojekt für Hartz IV-Empfänger des Zentrums für Bildung und Beruf Saar arbeitete er mit: ,,Wir haben das Theaterstück ,Der eingebildete Kranke’ von Molière aufgeführt.“

Und was macht er heute? ,,Mal sehen. Vielleicht gehe ich in die Bibliothek und hole mir was zu lesen.

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