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"Ich bin eher ein Penner de Luxe"

Saarbrücken. Der hagere Mann mit dem blonden Stoppelbart und der dunklen Baseballmütze geht zielstrebig und unauffällig durch die Saarbrücker Bahnhofstraße. Die Abfalltonnen entlang der Flaniermeile hat Heiko Sch. immer im Blick. Er sucht nach weggeworfenen Flaschen. Mit dem Pfand finanziert er teilweise seinen kargen Lebensunterhalt. Heiko Sch. ist 38 Jahre. Er sieht deutlich älter aus. Das Leben auf der Straße und der Alkohol haben Spuren im Gesicht des Saarländers hinterlassen. Seit drei Jahren macht der gelernte Kaufmann und Grafiker "Platte". Wo genau in der Innenstadt er abends Isomatte und Schlafsack auspackt, darf nicht berichtet werden. "Ich habe einen trockenen, aber windigen Stammplatz. Gelegentlich kommen auch nette Leute vorbei und bringen mir etwas zum Essen," sagt er. Doch Heiko hat Angst vor ungebetenen Gästen, vor Dieben, die ihm im Schlaf seine letzten verbliebenen Sachen klauen könnten. Was ihm noch gehört, trägt er am Leib und in einem alten Rucksack auf den Schultern.

Diplom-Sozialpädagoge Thomas Braun vom Diakonischen Zentrum in Saarbrücken hat uns mit Heiko Sch. bekannt gemacht. Braun kennt die Nöte der Obdach- und Wohnungslosen in der City. Gegenüber Behörden ist er ihr Anwalt und Fürsprecher, bemüht sich, den Betroffenen wieder ein Dach über dem Kopf zu beschaffen - ein Zimmer, eine kleine Wohnung oder ein Bett in einer stationären Einrichtung. Heiko will aber zumindest vorerst weiter "Platte machen", die Freiheit genießen, vielleicht auch wieder in Paris überwintern. An der Seine war er bis Mai. Er erzählt von den besseren Sozialleistungen dort und einem Bekannten, der ihm spät abends eine Fahrkarte nach Saarbrücken geschenkt hat: "Fahr mal wieder heim, hat der zu mir gesagt." Zurück im Saarland hatte er dann Stress mit der "Arge": Der Hartz-IV-Scheck an die offizielle Meldeadresse bei der Diakonie in der Evangelisch-Kirch-Straße kam nicht. Mit Hilfe und Anleitung Brauns wurde die Sache geregelt. 11,97 Euro bekommt Heiko jetzt wieder durchschnittlich pro Tag als Hilfe zum Leben, 359 Euro im Monat. Deshalb hat er sich ein Päckchen Filterzigaretten gegönnt, sonst dreht er, oder sammelt, wenn die Not zu groß ist, Kippen von der Straße. Betteln geht der 38-Jährige aus Prinzip nicht: "Das verstößt gegen meine Ehre. Ich bin anders als die anderen. Ich bin eher der Penner de Luxe!"

Beim Kaffee erzählt Heiko aus seinem Leben und von seinem Alltag auf der Straße: "Ich bin nicht als Assi (gemeint ist Asozialer) auf die Welt gekommen." Was hat den einst gut verdienenden, schwulen Werbegrafiker aus der Bahn geworfen? 2004 verlor er seinen Job bei einer Firma in Troisdorf. "Das war verhängnisvoll!" Nach dem Arbeitslosengeld kamen mit Hartz IV die Schulden. 2006 flog er aus seiner Wohnung. Die eingetragene Lebenspartnerschaft ging in die Brüche. Dazu kam und kommt der Alkohol. Mehrere Entgiftungen und eine Langzeittherapie hat er schon hinter sich. Heiko spricht über seine Krankheit, die Sucht: "Ich bin ein Spiegeltrinker." Alkohol gehört zu seinem Leben. Über den Tag hinweg müsse er einen bestimmten Pegelstand halten. Aus Kostengründen trinkt er meist Rotwein. 1.39 Euro kosten 1,5-Liter Rotwein im Tetrapack bei Lidl. Bier ist zu teuer.

Wie schlägt sich der Obdachlose, der "sozial integrierte Einzelgänger" - so bezeichnet er sich selbst - durch? "Ich kann mir morgens, wenn ich aufstehe, nicht einfach Kaffee kochen, ins Bad gehen. Ich habe keinen Herd, weder Waschmaschine noch Heizung." Den Kaffee holt er sich bei der Bahnhofsmission oder in der Wärmestube. Regelmäßig besucht er das Diakonische Zentrum. Dort hat er - wie viele andere - eine Post- und Meldeadresse. Die Klamotten sind aus der Kleiderkammer. Um die Mittagszeit wandert Heiko mitunter in die Brückenstraße nach Malstatt. In der Notschlafstelle der Arbeiterwohlfahrt (Awo), bekommen Menschen in besonderen sozialen Lagen, wie es im Amtsdeutsch heißt, ein warmes Essen. Hier arbeitet Jürgen J. (54). Der Ex-Maschinist und ehemalige Hüttenarbeiter hat in der Hilfseinrichtung wieder einen Job gefunden. Jürgen, vor Jahren selbst obdachlos, ist heute angestellter Hausmeister der Notschlafstelle. Im gleichen Haus hat er eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Wenn nachts jemand ein Dach über dem Kopf benötigt, die Bahnhofsmission oder die Polizei anruft, kümmert sich Jürgen darum. Für ihn ist es selbstverständlich, dem Gast dann bei Bedarf auch etwas zum Essen auf den Tisch zu stellen. "Das ist doch meine Pflicht."

Als Obdachloser hat er selbst vor Jahren oft in der Notschlafstelle genächtigt. "Ich habe damals auch unter der Brücke oder auf der Bank an der Saar geschlafen", erzählt der Mann mit dem vernarbten Gesicht. Eine gescheiterte Ehe führte ihn in den Ruin und auf die Straße. Die Frau sei mit dem gesamten Hab und Gut abgehauen, außer einem Berg Schulden sei ihm nichts geblieben. "Es war wirklich schlimm!" Und dann kommt das Dankeschön an Oliver-Marc Bungert und das Beraterteam von der Awo: "Die haben mich wieder aufgepäppelt!" Diese Erfahrung ist es vielleicht, die den 54-Jährigen motiviert Obdach- und Wohnungslosen zu helfen. Mit anderen holt er gespendete Möbel ab, packt bei Umzügen an. Vielleicht hilft er demnächst auch Heiko Sch. beim Weg zurück in eigene vier Wände. "Möbel habe ich genug im Lager", sagt der Hausmeister. Heiko aber will noch warten. Paris ruft. Aus seinem kleinen Gepäck zaubert er ein altes Taschenbuch mit dem Titel: "Ich bin ein Pariser".

Saarbrücken. Etwa 1000 Menschen sind nach Angaben des Sozialministeriums im Saarland obdachlos. Eine genaue Statistik wird nicht geführt. "Diese Zahl halten wir von der Dimension her nicht für falsch", sagt Martin Kunz von der Fachberatung für Wohnungslose beim Diakonischen Werk in Saarbrücken. Die Betroffenen kommen "aus allen Berufsgruppen und Schichten". Schulden, Sucht und Trennungen sind oftmals die Ursachen für die Krisen. Die Diakonie-Mitarbeiter kennen Beispiele von Berufstätigen, die nicht wissen, wo sie die nächste Nacht verbringen. Viele Wohnungslose werden von den Kommunen untergebracht oder finden bei Bekannten vorübergehend eine Bleibe. Nur die wenigsten leben tatsächlich auf der Straße. In Saarbrücken haben Diakonisches Werk, Caritas und die Stiftung "Herberge zur Heimat" seit Jahren ein Verbundsystem der Wohnungslosenhilfe eingerichtet. Dazu gehören auch regelmäßige Arzt-Sprechstunden.

500 Übernachtungen zählte die Notschlafstelle der Arbeiterwohlfahrt 2008 in der Saarbrücker Brückenstraße. Sieben Betten stehen zur Verfügung. Einrichtungsleiter Oliver-Marc Bungert berichtet von einer Hochschwangeren mit vier Kindern, die hier zehn Tage lang Zuflucht fand. Täglich wird bei der Arbeiterwohlfahrt, die auch Wohnraum vermittelt, gekocht. Insgesamt 13 000 Mittagessen wurden 2008 ausgegeben. mju

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