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„Ich gehe jetzt sorgsamer mit mir um“

Seit vier Jahren ist er trocken. Dabei war es nicht allein die mehrmonatige Entzugstherapie in der Klinik, die Peter Neuhaus (Name geändert) aus Neunkirchen zum trockenen Alkoholiker machten. „Es waren vor allem die Gespräche hier mit den Leuten von der Caritas“, sagt der 47-Jährige. Hier fühlt er sich verstanden, als trockener Alkoholiker, aber auch als Persönlichkeit. Esther Reis ist eine der beiden Betreuerinnen der Caritas in Neunkirchen, die Neuhaus vor vier Jahren bei der Suchtnachsorge begleiteten – in insgesamt vierzig Therapieeinheiten innerhalb eines Jahres. Noch heute trifft sie sich mit ihm, etwa drei bis vier Mal im Jahr.

„Viele gehen davon aus, dass eine stationäre Therapie nach dem Prinzip Waschstraße läuft: einmal drin und schon ist er sauber. Das stimmt aber nicht“, sagt Reis, die für die Nachsorge der über 30-Jährigen zuständig ist. „Die große Bewährungsprobe besteht darin, sich wieder im Alltag zurechtzufinden.“ Vor allem Angehörige, aber auch Arbeitgeber wollen Beratungseinrichtungen wie die Caritas sensibilisieren, was es für den Betroffenen an Kraft kostet, ohne Alkohol im Alltag zu bestehen. Viele Alkoholabhängige überschätzen sich laut Reis, weil während der Therapie alles so gut lief. Dabei gelte es, den ständigen Reizen des Alkohols auf Dauer widerstehen zu lernen. „Das ist ein langwieriger Lernprozess, bei dem Rückfälle die Regel und nicht die Ausnahme sind“, erklärt Reis. Je früher aber der Rückfall gestoppt und aufgearbeitet werde, desto größer sei die Chance für eine stabile Abstinenz – das Hauptziel der Therapie eines Alkoholikers.

Auch Neuhaus war mehrfach rückfällig. Drei Therapien hat er bereits hinter sich. Neben Spirituosen nahm er „so ziemlich alles an Drogen, was mir in die Hände kam – Hauptsache, es hat gedröhnt“, wie er sagt. Als Folge seiner Sucht ist er an Hepatitis erkrankt. „Anfangs hat sich noch alles gut angefühlt, Alkohol war nichts anderes als Party“, erzählt er. Mit neun hatte er seinen ersten Rausch. An Alkohol war er über die Kneipe seiner Eltern gekommen. Viele Jahre lief alles gut, Neuhaus hatte eine leitende Funktion in seinem Job, verdiente gutes Geld, hatte Familie und ein Haus. Getrunken hat er immer.

Mit Ende 20 aber kam er an einen Punkt, an dem er sich gefragt habe, was er da eigentlich mache. Wenn er schon morgens Alkohol brauchte, um überhaupt arbeiten zu können. „Ich war nur noch ein Sklave des Alkohols“, so der Vater einer Tochter. Er trank, um zu funktionieren, um die Symptome des Entzugs auszuschalten. In der Folge verlor er seine Frau, seinen Job, das Haus. „Zu dem Zeitpunkt war ich so tief drin, dass es mir egal war“, gesteht Neuhaus. Von seinem Umfeld verstanden fühlte er sich nie. „Alkoholiker werden dafür verurteilt, wenn sie Alkohol kaufen. Dass sie das müssen, weil sie krank sind, versteht niemand“, meint Neuhaus. „Sucht wird oft als fehlende Willensstärke oder Charakterschwäche betrachtet“, ergänzt Reis. Umso größer sei die Scham bei den Betroffenen, ihre Erkrankung als solche anzunehmen und daraufhin eine Bereitschaft zur Veränderung zu entwickeln.

Auch Neuhaus musste nach der Therapie lernen, „neu zu leben“. Dem Alkohol und den Drogen hat er abgeschworen, weil er erkannt hat: „Wenn ich so weitermache, sterbe ich.“ Heute sind der 47-jährige Frührentner und seine Ex-Frau wieder ein Paar. „Ich gehe jetzt sorgsamer mit mir um“, sagt er. Und lächelt.

Hintergrund

Im Saarland waren im Jahr 2011 knapp 1800 Menschen aufgrund einer Alkoholsucht in stationärer Therapie, davon waren mehr als 1200 männlich. Laut Statistischem Landesamt waren die meisten der aus der Therapie entlassenen Alkoholkranken zwischen 15 und 20 Jahre alt. Deutschlandweit war im Jahr 2010 nach Angaben des Fachverbands Sucht die Hälfte der aus der Klinik Entlassenen ein Jahr später abstinent beziehungsweise abstinent nach einem Rückfall. Von den Rückfälligen gaben 80 Prozent an, innerhalb der ersten sechs Monate wieder getrunken zu haben. jeb

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