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„Ich habe Krebs“

Der kahlgeschorene Kopf, die mächtige Statur: Der junge Mann, der an diesem Sommermorgen in einem ruhigen Wohngebiet in Saarwellingen die Haustür öffnet, ist eine brutale Erscheinung. Er könnte Türsteher einer Disko sein, Personenschützer vielleicht. „Hallo“, sagt Peer und lächelt. Zuvorkommend weist er den Weg ins Wohnzimmer, bietet ein Glas Multisaft an. Wie er spricht, seine freundliche Art, das passt nicht zu dem Peer, der vor einem steht in diesem giftgrünen T-Shirt. Es ist auch nicht der echte Peer. Der wahre Peer Landen, 19 Jahre alt, Auszubildender zum Anlagenmechaniker, ist ein cooler Junge, er mag Reggae-Musik, Hip-Hop, er mag Filme, Playstation, er schläft gern und viel und feiert Partys.

Es gibt Fotos, bevor das alles begann, da steht Peer mit bunter Mütze da, ein Bier in der Hand und ein Mädchen, Faxen machend, ausgelassen. Das ist jetzt erst einmal vorbei. Der Morgen, der Peers Leben auf einen Schlag verändern sollte, war ein Mittwochmorgen. Mittwoch, der 25. Februar 2009. Aschermittwoch. Peer hatte am Abend vorher Fastnacht gefeiert, schöne Party, nette Leute, gute Musik. Als er am Morgen danach aufwachte, war da dieser „krasse Schmerz“ im Arm. Peer dachte, er hätte „zuviel Halligalli gemacht“. Hätte sich irgendwo gestoßen, hätte einen Schlag bekommen auf den rechten Oberarm, beim Tanzen oder so. Der Arm tat weh an diesem Morgen, mehr nicht. Sowas wirft einen wie ihn, 1,73 Meter groß, über 100 Kilo schwer, nicht um. Dachte Peer. Doch die Schmerzen blieben. Jeden Tag kamen sie wieder. Jeden Tag. Und nach zwei Wochen hatte Peer dann genug, ein Arzt sollte sich den Arm anschauen. Der erste Arzt, bei dem er Rat suchte, sprach von einer Muskelentzündung. Nichts Schlimmes, ein paar Wochen Stromtherapie und dann wird das wieder.

Dachte der Arzt, dachte dann auch Peer. Fünf, sechs Mal war Peer morgens vor der Arbeit bei der Stromtherapie, doch es wurde nicht besser, kein Stück besser. Also versuchte er es bei einem anderen Doktor, der erst einmal ein Röntgenbild machte. Wenige Minuten später tauchte zum ersten Mal das K-Wort im Leben von Peer Landen auf: K-r-e-b-s. Er hätte möglicherweise, genau ließe sich das noch nicht sagen, einen Tumor im Oberarm. „Im Arm?“, so erzählt es Peer heute, „das hatte ich noch nie gehört. In der Brust, im Kopf, ja, aber im Arm?“ Peer konnte es nicht fassen. Als er aus der Praxis raus war, sei er in der Stadt „rumgelaufen wie in einem Film“. An einer Bushaltestelle kam er wieder zu sich und begann sich die immer gleichen Fragen zu stellen: Was soll das? Warum ich? Warum ich? Dann rief Peer seine Mutter an, die gerade auf der Heimfahrt von ihrer Arbeitsstelle in Luxemburg war. Mit zittriger Stimme meinte er zu ihr: „Mama, ich muss dir was Schlimmes sagen.“

Iris Landen, 50, dachte zuerst, der Arzt hätte ihren Sohn lange krank geschrieben, was wieder Probleme mit seinem Arbeitgeber geben würde. Doch mit einem Satz wurden diese Gedanken vollkommen nebensächlich: „Mama, ich habe einen Tumor im Arm, ich habe Krebs.“ Iris Landen wurde heiß und kalt, „das kann nicht sein, das muss ein Irrtum sein!“ Sie zitterte am ganzen Körper. So wie Peer von einem Film spricht, den er nach der Diagnose durchlebt, spricht seine Mutter noch immer von einem „bösen Traum, aus dem man nicht erwacht“. Die Gefühlslage der beiden unterscheidet sich auch in den Wochen danach – als aus der Befürchtung Gewissheit wird, als die Chemotherapie beginnt – kaum. „Es gibt Tage, da kommt man relativ gut klar“, sagt Iris Landen, „und dann gibt es immer wieder Momente, da bricht man innerlich zusammen.“ Es sind Tage, an denen Tränen fließen, viele Tränen, auch bei Peer. Grundsätzlich aber bietet Peer dem Feind in seinem Körper, diesem Osteosarkom, der häufigste bösartige Tumor der Jugend, optimistisch die Stirn. Panik? Angst vor dem Sterben? „Nein“, sagt Peer, „das ist alles einfach nur krass.“ Er gehe einigermaßen „locker“damit um, erklärt er: „Es bringt doch nichts, in Selbstmitleid zu verfallen.“ Und doch, nach all dem Pech, das er in seinem Leben schon hatte, wie er erzählt, in der Schule, mit Freunden, während seiner Ausbildung, schwirrt wieder und wieder die Frage durch seinen Kopf, „was ich dem lieben Gott bloß getan habe“.

Jetzt, nach vielen Wochen im Krankenhaus, das er inzwischen wie einen „Knast“ empfindet, sei das Ziel aber zum Greifen nah. Nächste Woche wird Peer operiert, der Tumor wird entfernt, er bekommt eine acht Zentimeter lange Prothese eingesetzt. Drei Stunden soll die OP dauern, danach muss er wieder eine Chemo über sich ergehen lassen. Die Chancen sind gut, dass Peer wieder gesund wird, auch wenn die Ungewissheit bleiben wird, ob der Krebs zurückkehrt. Auch die Rückkehr in sein altes Leben wird nicht leicht, Peer weiß das. Seine Ausbildung kann er nicht zu Ende machen mit dem lädierten Arm, er muss eine neue Arbeit finden, was ihm Sorge bereitet: „Ich hab’ nicht gerade einen Bomben-Abschluss gemacht.“ Doch vielleicht gibt ihm der große Kampf gegen seine Krankheit auch die Kraft, die er braucht für einen Neuanfang. Für das Leben nach dem Krebs.
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