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Im Saarland boomen Sozial-Kaufhäuser

Saarbrücken. Gerhard Schröder brach ihm das Genick: Zu oft hörte Manfred Quint seinerzeit weg, wenn der Kanzler von der Abschaffung der Eigenheimzulage sprach. Als es 2006 soweit ist, der Staat keine Unterstützung mehr für Häuslebauer zahlt, laufen dem Fertighaus-Vertreter die Kunden davon. Doch Quint verkennt die Zeichen der Zeit, bleibt seinem Job treu. Er arbeitet immer mehr, kann kaum schlafen, Frau und Kinder leiden. Schließlich der Zusammenbruch: Pleite, Scheidung, Hartz IV.

„Jammern kann ich nicht mehr haben“

„Wenn dies hier mein Leben ist“ – der 58-Jährige zeichnet mit der Hand eine U-Kurve in die Luft –, „dann stehe ich jetzt ungefähr hier“. Er deutet auf einen imaginären Punkt kurz hinter der Kurve, dort, wo das U wieder nach oben geht. Quint steht im Erdgeschoss des Riegelsberger Sozialkaufhauses „Guddes“. In der Möbelabteilung, die seit einigen Wochen seine neue Arbeitsstelle ist. Hier kümmert sich der frühere Vertreter um die Warenannahme. Er schätzt den Wert der Sofas, Schränke und Regale, setzt Preise fest. Erstmals seit langer Zeit, sagt er, sei er wieder bereit, regelmäßig einer Arbeit nachzugehen, Verantwortung zu übernehmen. „Jammern kann ich nicht mehr haben“, sagt er.

Hinter „Guddes“ steht eine von den Gemeinden Heusweiler und Riegelsberg getragene gemeinnützige „Ausbildungs- und Beschäftigungsförderungsgesellschaft“ (ABG), derzeit sind in dem Projekt 20 Mitarbeiter beschäftigt. Das Prinzip Sozialkaufhaus ist nicht neu: Die Mitarbeiter – meist ehemalige Langzeitarbeitslose – nehmen Gebrauchtwaren als Spenden entgegen. Was noch verwendbar ist, wird zu Niedrigpreisen weiterkauft – an Hartz IV-Empfänger, Rentner, Alleinerziehende. Neu ist allerdings der Boom, den die Gebrauchtwarenhäuser in den vergangenen Jahren erleben. Ausgelöst wurde er durch das Inkrafttreten der Hartz IV-Gesetze am 1. Januar 2005. Seither haben auch im Saarland in nahezu jeder größeren Gemeinde Geschäfte dieser Art geöffnet.

Viel Zulauf

Während der Einzelhandel unter der Wirtschaftskrise ächzte, konnten die Gebrauchtwarenhäuser über mangelnde Kundschaft nicht klagen. Zwar dürfen sie wegen ihres gemeinnützigen Status nicht gewinnorientiert arbeiten. Doch sind sie mittlerweile selbstverständlicher Bestandteil kommunaler Infrastruktur geworden. Je mehr es von ihnen gibt, desto schlechter geht es der Gesellschaft. Für Armutsforscher wie den Kölner Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge ein absurder Zustand: „Unsere Gesellschaft zerfällt in Parallelgesellschaften. Es hat sich eine abgeschottete Welt der Tafeln, Sozialkaufhäuser und Kleiderkammern etabliert.“ Dort blieben Arme unter sich, mit zunehmend geringeren Chancen der Re-Integration.

Ein Großteil des Geldes sind EU-Mittel

Statt der Etablierung eines Wohltätigkeitsstaates mit öffentlich subventionierten Parallelstrukturen zum eigentlichen Arbeitsmarkt fordert er die Rückkehr zu einer aktiven Arbeitsmarktpolitik. Zu der gehört vor allem berufliche Weiterbildung und Umschulung. Gerade das jedoch leiste man mit den Sozialkaufhäusern, argumentieren Wohlfahrtsverbände wie die Gemeinnützige Gesellschaft für Sozialeinrichtungen (GSE) des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Die GSE betreibt alleine sechs der 20 vom Land mit 1,8 Millionen Euro subventionierten Gebrauchtwarenhäuser – ein Großteil des Geldes sind EU-Mittel. GSE und Land sehen in ihnen in erster Linie eine beschäftigungspolitische Maßnahme, um Mitarbeiter in den ersten Arbeits- und Ausbildungsmarkt einzugliedern. Wie hoch jedoch die „Erfolgsquote“ ist, wie viele Mitarbeiter der Warenhäuser also nach einer Maßnahme wieder in einen sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Job kommen, darüber schweigt man sich bei der GSE ebenso wie bei anderen Verbänden aus. Es gebe keine Bemessungsgrundlage für eine Erfolgsquote, heißt es. Manche Teilnehmer würden zwar nicht in einen Job, wohl aber in ein Ausbildungsverhältnis kommen, andere vielleicht erst Monate später einen Job finden, bis dahin verfolge man die Lebenswege jedoch nicht mehr.

Er sei jetzt erstmal froh, sich mit seinen handwerklichen Fähigkeiten wieder gebraucht zu fühlen, sagt Manfred Quint von „Guddes“. „Das erste Mal seit Langem bin ich wieder in der Öffentlichkeit sichtbar, spreche mit Menschen“. Jahre habe es gedauert, bis er sich an die Arge gewandt habe. Er habe einfach zu große Hemmungen gehabt, Hartz IV zu beantragen. „Langfristig“, sagt er, „will ich auf meiner U-Kurve noch weiter nach oben kommen, einen richtigen Job ausüben oder als Selbstständiger wieder Fuß fassen“. Quint wäre einer der wenigen, denen dies gelänge. 2009 waren es in diesem Sozialkaufhaus zwölf Prozent. Die Macher von „Guddes“ hatten den Mut, eine Zahl zu nennen.

Hintergrund

Der Einzelhandel warnt vor „Schnäppchenparadiesen“. Trotz der flächendeckenden Ausbreitung von Sozialkaufhäusern im Saarland, habe er bislang keine Klagen über Wettbewerbsverzerrung gehört, sagt Christoph Kleer, Hauptgeschäftsführer des saarländischen Einzelhandelsverbands. „Die Kritik kann aber schnell aufflammen, sollte sich das Netz der Gebrauchtwarenhäuser im Saarland weiter ausbreiten“, sagt Kleer. Wichtig sei, dass sich die Angebote strikt an Bedürftige richteten. Entwickelten sich die Geschäfte – wie in Nordrhein-Westfalen zum Teil geschehen – zu Schnäppchenparadiesen für Mittelständler, dann sei dies höchst problematisch. jkl

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