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Immer mehr Junge auf der Straße: Saarbrücker SOS-Kinderdorf hilft

Die Zahl der Jugendlichen, die auf der Straße stehen und im SOS Kinderdorf Saarbrücken Hilfe suchen, nimmt zu. „Bei uns melden sich immer mehr Jugendliche, die Krach mit den Eltern hatten, die täglich erlebten, wie sich die Eltern stritten, einen neuen Lebensabschnitt planten, vielleicht sogar eigene Kinder in eine neue Beziehung miteinbringen“, erzählt Christel Kohls vom SOS-Kinderdorf, Projekt Jugenddienst in Saarbrücken. „Die Teenager, oft ohne Ausbildung, ziehen aus und vielleicht bei einem Freund ein. Ein paar Wochen geht das gut, dann reicht das Geld nicht mehr. Sie haben keine Ausbildung, finden keinen Job.“ Vor Jahren seien es noch 30 oder 40 gewesen, die im SOS-Kinderdorf Hilfe suchten, weil sie nicht mehr weiter wussten. „Wenn sie wieder nach Hause wollen, machen viele Eltern einfach die Tür nicht mehr auf. Jetzt sind es schon 80 bis 90 im Monat, die bei uns Hilfe suchen“, sagt Kohls.

Und wie kann man helfen? ,,Sie denken, sie mieten eine Wohnung, melden sich arbeitslos und bekommen Hartz IV. Doch so einfach geht das nicht. Sie finden keine Wohnung, können die Miete nicht zahlen“, erklärt Kohls. Oftmals dächten die Jugendlichen, dass sie eine Adresse bräuchten, wo sie polizeilich gemeldet sind, doch das stimme nicht, betont sie: „Man muss nicht in einer eigenen Wohnung polizeilich gemeldet sein, um Hartz IV zu bekommen, sondern kann auch bei einer sozialen Einrichtung eine Postadresse haben.“ Deshalb gäben viele mit Einverständnis des SOS-Jugenddienstes dessen Adresse an und wohnten irgendwo.

„Eine Auflage der Hartz-IVVorschriften ist, dass die Eltern, wenn die Kinder noch minderjährig sind, die Miete für die Wohnung zahlen sollen. Die Eltern aber lehnen meistens ab“, fährt Kohls fort. Und was dann? „Bei unter 25-Jährigen wird die Miete für die Wohnung von der ARGE nur in Ausnahmefällen finanziert. Dann nehmen wir den Kampf auf mit der Bürokratie. Die Kaltmiete darf für eine 45 Quadratmeter große Einzimmer- Wohnung nicht mehr als 250 Euro betragen.“ Manchmal gingen auch noch 270 Euro durch. Aber oft seien die Sachbearbeiter beim Jobcenter stur. „Die heimatlosen Kids auf der Straße – das ist unsere neue Aufgabe“, sagt Kohls.

Während wir reden, wird von einer jungen Frau der Frühstückstisch im Nachbarzimmer gedeckt. Sie heißt Mandy, ist 29 Jahre alt und hat einen Arbeitsvertrag als ,,Bürgerarbeiterin“ mit dem SOSKinderdorf als Küchenhilfe, der am 30. September ausläuft. Sie verdient 728 Euro brutto im Monat: ,,Das sind rund 600 Euro netto.“ Und was ist, wenn der Vertrag ausgelaufen ist? Sie zuckt die Schultern: ,,Dann bekomme ich hoffentlich wieder Hartz IV.“

Sie erzählt, dass sie in Köln lebte und ihr sieben Jahre jüngerer Bruder ,,zu Hause alles bekam. Ich bekam nichts, höchstens Schläge. Ich sollte eigentlich ein Junge werden. Mein Vater war sauer, dass er das nicht geschafft hat“. Sie besuchte eine Sonderschule, hatte Schwierigkeiten in Mathematik. Ihre Eltern wollten, dass sie eine Lehre als Friseurin macht: ,,Das wollte ich nicht. Ich machte ein Praktikum im Kindergarten, in einem Blumenladen, fand keine Lehrstelle, arbeitete dann als Lageristin.“ Als sie 18 Jahre alt war, lernte sie Achim kennen. Er war vier Jahre älter, hatte einen 400-Euro-Job in derselben Firma wie Mandy. „Meine Eltern waren gegen die Beziehung und haben mich rausgeschmissen.“

Sie zog in Achims Einzimmer- Wohnung. 2005 kam das Paar nach Saarbrücken. „Wir waren beide arbeitslos, fanden eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Dudweiler, leben seitdem dort, mal von Hartz IV, mal von schlecht bezahlten Mini-Jobs. Die 430 Euro Miete zahlt die ARGE. Wir sind eine Bedarfsgemeinschaft, so nennt die ARGE unsere Beziehung. Mein Freund arbeitet als Ein-Euro- Jobber in einem Lager.“

Das Paar hat Probleme mit seiner Wohnung, alles ist feucht. „Wir müssen da raus, aber wie? Der Vermieter sagt, wir wären schuld, weil wir nicht richtig lüften und lehnt es ab, die Reparatur zu bezahlen.“ Dann erzählt sie, dass ihr Freund wegen einer Wirbelverletzung nach einem Unfall erwerbsunfähig sei, aber sagt, er müsse arbeiten, sonst fühle er sich nicht wohl, auch wenn es nur ein Ein-Euro Job sei. „Mir geht es ähnlich“, sagt die junge Frau. „Ich brauche Arbeit.“

HINTERGRUND

Das SOS-Kinderdorf Saarbrücken bietet Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in schwierigen Lebenssituationen Hilfe und Betreuung. Die Angebote reichen von Hilfestellungen für junge Mütter mit Kleinkindern über Tagesbetreuung von Grundschulkindern bis zu speziellen Angeboten zur Ausbildung junger Menschen.

SOS-Kinderdorf, Projekt Jugenddienst, Karcherstraße 18 in Saarbrücken, Tel. (06 81) 9 10 07. gräb

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