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Immer mehr "Zappelphilippe" auch im Saarland

Saarbrücken. Der neunjährige Jason Antonik merkt sich Namen nur schwer, verdreht ständig Zahlen und kann sich nicht richtig auf eine Sache konzentrieren. Deutlich schwerer fällt ihm allerdings, eine längere Zeit ruhig zu sitzen – egal ob im Unterricht oder zu Hause. Der Grund: Jason leidet unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Die anerkannte Krankheit hat er von seiner Mutter Uschi (31) geerbt, was nicht selten bei ADHS-Patienten der Fall ist. Ebenfalls typisch ist: Die Krankheit macht den jungen Grundschüler aus Wadgassen mitunter zum Außenseiter. „Seine Mitschüler wissen oft nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen“, sagt seine Mutter.

Jason ist nur eines von vielen Kindern, meist Grundschülern, die in Deutschland an krankhaften Aufmerksamkeitsstörungen leiden. Der Homburger Kinderarzt Dr. Joachim Richter schätzt, dass heute sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen in der Republik an ADHS leiden. Und die Zahl der Patienten steigt, sagt das saarländische Bildungsministerium. Warum? „Ganz einfach: Früher kannte man die Krankheit nicht. Kinder mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom hießen damals einfach Zappelphilipp“, so Richter. Dass die Krankheit in der Gesellschaft richtig angekommen sei, bezweifelt zumindest Jasons Mutter, eine ausgebildete Pädagogin. Gerade in ihrem engsten Bekanntenkreis fühlt sie sich allzu oft missverstanden.

Immer wieder hört sie den Satz: „Jason ist nicht krank. Er muss sich nur mal richtig austoben.“ Solche Aussagen seien „absoluter Unsinn“, halten Mediziner, wie der Homburger Arzt Dr. Karl Stiller, entschieden dagegen. Durch Bewegung alleine verschwinde die Krankheit nicht. Der Vorsitzende des saarländischen Verbands der Kinder- und Jugendärzte behandelt täglich Jungen und Mädchen mit ADH-Syndrom. Die psychische Störung sei real, sie beginne meist im Kleinkindalter und zeichne sich generell durch leichte Ablenkbarkeit und geringes Durchhaltevermögen aus, sowie ein leicht aufbrausendes Wesen mit der Neigung zum Handeln ohne nachzudenken. Bei etwa einem Drittel der Patienten sei die Krankheit sogar nur mittels Medikamenten wie dem bekannten Ritalin in den Griff zu bekommen, stimmt ihm Kollege Richter zu.

Bei allen Erkrankten sei die Zusammenarbeit mit Psychologen unausweichlich. Sie helfen den Ärzten nicht nur bei der Diagnose, sondern den Kindern auch, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wichtig sei auch: „Die Krankheit wächst sich nicht aus. Bis sie erwachsen sind, haben Betroffene aber meist gelernt, mit der Krankheit umzugehen“, sagt Richter. Bei der Therapie und Erziehung spielen auch die Lehrer eine wichtige Rolle, meint Annette Lang-Rech. Die Rektorin der Abteischule Wadgassen, die Schule auf die Jason Antonik geht, hat sich in Fortbildungen zum Thema ADHS weitergebildet. Auch in der Referendarausbildung würde die Krankheit in mehreren Modulen behandelt. Bewährt habe sich im Unterricht, alle ADHS-Schüler individuell anzusprechen. „Bei manchen Kindern hilft es, ständig Augenkontakt mit ihnen zu suchen. Anderen lege ich mehrmals meine Hand kurz auf die Schultern, um sie auf mich zu fokussieren.“
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