A6 Metz/Saarbrücken Richtung Kaiserslautern AS Rohrbach Bauarbeiten, Ausfahrt gesperrt, Einfahrt gesperrt bis 16.10.2017 06:00 Uhr (18.09.2017, 06:59)

A6

Priorität: Dringend

15°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken
15°C
Saarbrücken
weather-Saarbrücken

Junge Musiker aus dem Warndt wollen Messe in Völklingen aufführen



Völklingen. Wo, bitte, geht es zum Filmsaal? Samstagmittag, die Flure der Schlossparkschule im Völklinger Stadtteil Geislautern sind verwaist, niemand da, den man fragen könnte. Im nächsten Moment aber ist die Antwort klar: Es geht den Ohren nach. Aus der ersten Etage erklingt Musik. Orchesterprobe. „Junges Philharmonisches Kammerorchester Warndt“, steht auf einem Plakat an der Wand. Sehr jung: Die Musiker, deren konzentrierte Blicke hin- und herwandern zwischen den Noten auf ihrem Pult und Dirigent Bernhard Hayo, sind teilweise noch Grundschüler.

Die Jüngsten sind neun, erklärt Hayo später. Die Ältesten, 14, 15 Jahre alt, sind aus den Grundschulmöbeln längst herausgewachsen. Egal, viele sitzen sowieso auf der Stuhlkante; das hilft, lange Beine unterm zu niedrigen Sitz zu verstauen. Und aufmerksam zu bleiben. Denn was sie üben, ist kein Kinderkram: ein Stück des Komponisten Shane Woodburne, eigens für die jungen Musiker geschrieben. Am 26. Januar, 19 Uhr, werden sie die „Missa in honorem Sancti Sebastiani“ in der Völklinger Kirche St. Eligius uraufführen. Gemeinsam mit dem Püttlinger Kirchenchor St. Sebastian, der die Komposition in Auftrag gegeben hat. Der Chor wird nachher mitproben. Bis dahin gilt es, schwere Stellen durchzugehen.

„Das Credo“, ruft Hayo – „uuuuhh!“, schallt es aus dem Orchester zurück. Hayo lacht. „Ja“, sagt er, „das ist wirklich schwierig. Sieht wie ein Friedhof aus, lauter Kreuze.“ Auch rhythmisch gibt es Tücken. Hayo unterbricht. „Was hättest du denn gerne von uns?“, fragt Cellolehrerin Sabine Heimrich, die vom hintersten Pult aus ihre Schüler unterstützt. „Dass wir zusammen aufhören“, sagt Hayo trocken. Er wendet sich nach links: „Ihr wart die Ersten“ – die ersten Geigen haben zu schnell gespielt. Von vorne.

Zwischendrin klingt es arg unsauber: „Bitte mal langsam.“ Erste und zweite Geigen allein. Zweite und dritte Geigen. Dritte Geigen und Bratschen. Die Intonation wird besser. Jetzt alle, im Originaltempo. „Und am Schluss ein Ritardando, bitte guckt da zu mir. Dieses Stäbchen“ – als Taktstock hat Hayo chinesisches Essbesteck zweckentfremdet – „habe ich ja nicht umsonst in der Hand.“ Die jungen Musiker meckern und murren nicht. Kein Getuschel, keine Faxen, sie sind ganz bei der Sache. Obwohl Samstag ist. Und obwohl es erst nach fast eineinhalb Stunden – die Choristen sind mittlerweile eingetroffen – eine Pause gibt. Pünktlich sitzen sie zehn Minuten später wieder auf den Stühlchen. Womöglich noch konzentrierter als zuvor.

Denn mit dem ersten Choreinsatz erleben sie ihr Stück neu: Erst im Zusammenklang gewinnen die Noten, die die Streicher selber spielen, Sinn und Sinnenreiz. „Das Stück ist schwer für die Kinder“, sagt Geigenlehrerin Viktoria Psota, die den dritten Geigen und Bratschen den Rücken stärkt. „Vorwiegend Begleitung, kaum Melodien, die die Kinder sich gut merken könnten.“ Ja, sagt Psota, sie sei bei jeder Probe dabei. „Schon deshalb, weil mein Sohn mitspielt“, erklärt sie lächelnd: Darius Psota, vorn in der zweiten Geige, ist Viertklässler. Aber auch ohne das täte sie mit, sagt sie. Wie ihre Kollegen auch: „Ich finde einfach das Projekt toll.“ Das Projekt, das ist mehr als Orchesterarbeit, mehr als die ehrgeizige Uraufführung. Bernhard Hayo, Musiklehrer an der Schlossparkschule, hat es 2004 ins Leben gerufen: Alle Schüler einer Abc-Schützen-Klasse lernen ein Streichinstrument.

Geübt wird im Unterricht, jeden Dienstag und Freitag kommen Geigen-, Bratschen- und Cellolehrer in die Schule. Instrumente können die Kinder ausleihen, im ersten Jahr kostenlos, danach zahlen die Eltern 20 Euro pro Monat. Dafür gibt’s ein eigenes Leihinstrument und den Instrumentalunterricht. Klingt einfach, ist aber kompliziert. Denn die Sache kostet. Den finanziellen Grundstock bilden ein Landeszuschuss aus einem Topf für „kreative Praxis“ an Schulen und Mitgliedsbeiträge des Fördervereins. „Aber ohne Sponsoren ginge es nicht“, sagt Hayo, „die brauchen wir unbedingt, um unsere Lehrer zu bezahlen.“ Doch ideelle Unterstützung ist kein Problem: In höchsten Tönen lobt Hayo die Offenheit seiner Schulleiterin. Und er bewundert, wie begeistert, wie ausdauernd die Nachwuchsstreicher mitmachen. Da ist zum Beispiel Simon Weber.

Er hat 2004 mit der Geige angefangen, jetzt ist er in der neunten Klasse des Warndtgymnasiums. Und im Orchester am vordersten Pult. Konzertmeister? „Nein“, sagt er leicht verlegen, „ich sitze bloß an dem Platz.“ In der Streicher- AG seiner Schule hilft er ab und zu aus, wenn ein Auftritt bevorsteht. Aber da macht er nicht alle Proben mit – im Warndt- Kammerorchester schon. Und im (Privat-)Unterricht bei Viktoria Psota ist gerade Bach dran. Da ist Burcu Ünsala, die als einzige im Orchester Kopftuch trägt: Ihre Bratsche, die sie seit sechs Jahren spielt, ist auch bei der Einweihung des Wehrdener Minaretts erklungen.

Da ist Vanessa Faber, im Konflikt zwischen Musik und Sport: Sie hat sich extra für die Ludweiler Gesamtschule entschieden, weil es dort ebenfalls ein Musikprojekt gibt. „Aber ich schwimme auch noch, wettkampfmäßig“, sagt sie – und die Termine für Orchesterprobe und Training überschneiden sich. Sie wird sich vom Orchester wohl verabschieden, aber nicht von der Geige. Auch Johanna Weber will nach sieben Geigen-Jahren weiter musizieren, allein und im Orchester. „Ich hab’s jedenfalls mal vor“, sagt sie lachend. Die letzte Stunde der Probe bricht an. Zum Abschluss soll es ein Durchlauf der ganzen Messe sein, Chor und Orchester, ohne Unterbrechung. „Denkt daran“, sagt Hayo den Bratschen, denen der Komponist die Einleitung allein zugewiesen hat, „das sind die ersten Töne. Was ihr spielt, hat zuvor noch niemand gehört – ihr habt eine große Verantwortung.“ Er lächelt. Die jungen Bratschisten lächeln zurück.


HINTERGRUND

„Mit Geigen gegen Pisa“: Unter diesem Motto startete Musiklehrer Bernhard Hayo 2004 das Streicherprojekt an der Schlossparkschule Geislautern, das älteste seiner Art an der Saar. Ausgangspunkt dabei: Studien hatten gezeigt, dass frühes Musizieren neben der Kreativität auch Konzentration, Lernfähigkeit und soziale Kompetenz von Kindern verbessert. Alle Kinder einer Klasse lernen in der Schule Geige, Bratsche oder Cello. 100 Kinder sind derzeit im Streicherprojekt, für jedes steht ein Instrument zur Verfügung. 100 Kinder haben die Grundschule bereits verlassen. Damit auch sie noch gemeinsam musizieren können, gründete Hayo 2008 das Junge Philharmonische Kammerorchester Warndt. Es hat zurzeit 27 Mitglieder. dd
Hat dir dieser Artikel gefallen?
Ja Nein