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Kampf gegen die Sucht: So helfen die Anonymen Alkoholiker

Saarbrücken. „Mein Name ist Tina. Ich bin Alkoholikerin. Heute trocken“, sagt die Frau mittleren Alters. Ihre helle Stimme klingt mädchenhaft, die Haare sind locker hochgesteckt. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein in Folie eingeschweißtes Blatt, das sie immer wieder in die Hände nimmt. „Anonyme Alkoholiker“ steht da in dicker Kursivschrift. Dann schaut sie in die Runde. Jeden Montag treffen sich in der Schmollerstraße 18 in einem Gemeinschaftsraum einer Kirche zwischen zehn und 14 Anonyme Alkoholiker (AA).

Obwohl die Teilnehmer sich schon lange kennen und teilweise befreundet sind, ist die „einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit, der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören“, betonte Teilnehmerin Petra (alle Namen wurden von der Redaktion geändert) vor der Gesprächsrunde.

Tina holt tief Luft und erzählt von ihrer letzten Urlaubsreise. „Wenn die anderen Hotelgäste abends beisammen saßen und Wein tranken, habe ich es vorgezogen, mich mit einem Buch aufs Zimmer zurückzuziehen.“ Sie hält immer noch das weiße Blatt in den Händen. Es wirkt, als müsse sie sich an etwas festhalten. Dann aber findet sie den Augenkontakt zu Petra, die ihr gegenübersitzt. Petra nickt ihr zustimmend zu. „Man fühlt sich einfach nicht zugehörig. Ist mal wieder der Außenseiter.“

In Petras Blick schwingt Verständnis und Anteilnahme mit. „Im Alltag, wenn ich umgeben bin von Familie und Freunden, wissen ja alle über meine Alkoholsucht Bescheid. Im Urlaub ist das anders. Man wird ständig gefragt, warum man nicht ein Glas mittrinkt.“

Hier in der Runde kennt jeder Tinas Leidensgeschichte. Nicht nur, weil sie davon erzählt hat, sondern, weil jeder der Anwesenden den gleichen Weg „jeden Tag geht“, sagt Martin. „Alkoholiker findet man in allen Schichten. Alkohol ist überall. Egal, wo sie sind, trinken Menschen. Zu Beginn unserer Trockenheit nehmen wir uns nicht vor, unser Leben lang abstinent zu bleiben, sondern immer nur jeden einzelnen Tag.“

Jeder Tag ohne Alkohol ist ein Erfolg. „Am Anfang“, sagt Petra, „hat mich der Gedanke ,nie wieder Alkohol’ erschlagen. Wie sollte ich ohne Alkohol existieren? Wie sollte ich Geburtstage, Silvester, das feine Essen ohne ein Glas oder besser eine Flasche genießen?“ Viele Therapien, beschreibt sie, habe sie nach kurzer Zeit abgebrochen: „Erst hier in der Gemeinschaft habe ich mich verstanden gefühlt. Zu sehen, ich bin nicht allein, da sind noch mehr, die unter der Sucht leiden, die genau das Gleiche erleben, hat mir Kraft gegeben.“ Mittlerweile ist Petra über 20 Jahre trocken.
Jeder, der in der Runde das Wort ergreift, nennt erst seinen Namen und schiebt dann das Bekenntnis nach: „Ich bin Alkoholiker.“ Oft haben sie in der Selbsthilfegruppe diese Worte gesprochen, aber es hilft, „wenn man sich jeden Tag daran erinnert“, sagen sie. Und noch etwas ist immer gleich: Jeder schließt seine Rede mit: „Danke fürs Zuhören“.
Allein sieben AA-Gruppen gibt es in Saarbrücken. Auf der Webseite der „Anonymen Alkoholiker Saarland/Westpfalz“ sind für jeden Wochentag mehrere Treffen in der Region aufgelistet. „Damit man jeden Tag einen Ort zum Reden und Zuhören hat“, erläutert Martin: „Ich war anfangs jeden Tag bei einer Gruppe.“

Das Schwerste, da sind sich alle einig, ist der erste Schritt. Auf dem Zettel steht ihr „Zwölf-Schritte-Programm“, das vor jeder Gesprächsrunde vorgelesen wird. Martin trägt mit fester Stimme vor: „Punkt eins: Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten.“ Wieder nickt Petra: „Alkoholiker sind Meister im Selbstbetrug. Man leugnet jahrelang die Sucht.“

Tina legt den weißen Zettel auf den Tisch und lässt ihre Hände in der Luft zittern: „Ich hab’s mir erst eingestanden, als ich eines Morgens aufwachte und schon da Saufdruck hatte. Ich sah meine zitternden Hände und sagte das erste Mal: Ich bin Alkoholikerin.“ Später, wenn die Teilnehmer ihr Treffen beenden und auf die Straße treten, werden sie am Nachbarhaus die Leuchtreklame einer Biersorte sehen. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung, wissen die AA.

Hintergrund
Selbsthilfegruppen der „Anonymen Alkoholiker“ (AA) gibt es weltweit in rund 180 Ländern. 1935 gründeten Börsenmakler William Griffith Wilson und Arzt Robert Holbrook Smith, beide alkoholabhängig, die AA in Ohio. AA sind in einer Vielzahl lokaler Gruppen organisiert. Im Saarland gibt es die Selbsthilfegruppen seit 45 Jahren. Derzeit gibt es 18 Gruppen. Mehr Infos unter www.aa-sw.de, Tel. (0681) 19295.
AA-Treffen in Saarbrücken: Montag, Schmollerstraße 18 (Vordergebäude Baptisten Gemeinde), 19.30 Uhr bis 21 Uhr. Dienstag, Evangelisches Krankenhaus, 19.30 Uhr bis 21 Uhr. Mittwoch, Tiefental Bücherei, 19.30 Uhr bis 21 Uhr; Kirche St. Paulus, Rastpfuhl, 19.30 Uhr bis 21 Uhr. Donnerstag, Klinikum Saarbrücken (auf dem Winterberg), 19.30 Uhr bis 21 Uhr. Sonntag, Kiss, Futterstraße 27, 19 Uhr bis 20.30 Uhr; Café Knorke, Hohenzollernstr. 78, 19.30 Uhr bis 21 Uhr. ceg
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