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Killer-Keim MRSA: Saarländerin überlebt Infektion nur knapp

Wer Helga Lentz (Name geändert) besucht, muss sich nach dem Klingeln ein wenig gedulden. Es dauert, bis sich die Rentnerin an die Haustür vorgearbeitet hat mit ihrem Rollstuhl. Darin sitzt die 74-Jährige seit einer Hüftgelenksoperation. Über den Besuch freut sie sich. „Ich komme ja nicht mehr raus.“

Das war früher anders. Die Nordsaarländerin hat gearbeitet, war aktiv, hat Sport getrieben. Doch dann bereitet die Hüfte immer mehr Probleme. Irgendwann strahlt der Schmerz bis in die Leiste. Auch die Wirbelsäule schmerzt – Röntgenbilder belegen den Verdacht: Arthrose. Der behandelnde Arzt rät zum künstlichen Gelenk. Die Operation läuft gut, die Heilung nicht. Die Wunde entzündet sich, ist mit Bakterien infiziert, gegen die nahezu kein Antibiotikum hilft – Krankenhauskeime.

„Methicillin- resistenter Staphylococcus aureus“, lautet die Fachbezeichnung, kurz MRSA. Es dauert Monate, bis die Klinik die Infektion in den Griff bekommt. Das künstliche Hüftgelenk muss wieder raus, ein neues kann nicht mehr eingesetzt werden. Seither sitzt Helga im Rollstuhl. Dabei hatte die zweifache Mutter noch Glück: Pro Jahr sterben von den 600 000, die sich in Deutschland im Schnitt mit den Keimen infizieren, bis zu 15 000. Staphylococcus aureus ist einer der häufigsten Erreger von Krankenhausinfektionen.

Etwa elf Prozent, also 55 000 Infektionen, gehen auf sein Konto, schreibt das Berliner Institut für Hygiene und Gesundheitsmedizin. Ob Helga Lentz den Erreger schon trug, als sie vor sechs Jahren an der Hüfte operiert wurde, oder ob sie erst im Krankenhaus durch mangelnde Hygiene des Personals infiziert wurde, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. „Zirka ein Drittel der Menschen sind Träger des ‚staph aureus‘, wobei diese Besiedlung auch vorübergehend sein kann“, sagt Professor Matthias Herrmann, Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Uniklinik in Homburg. Eigentlich ist das auch kein Problem. „Gefährlich wird es erst, wenn sie in den Körper eindringen, wenn sie die Hautbarriere überwinden.“

Dann vermehrt sich der Keim explosionsartig. Es kommt zu schlecht heilenden Infektionen und lebensgefährlichen Blutvergiftungen. Die Entzündung kann praktisch auf jedes Organ überspringen und es versagen lassen. Laut der jüngsten Veröffentlichung des Mikrobiologischen Instituts wurde der gefährliche Keim hierzulande zwischen Ende März und Anfang Juni des vergangenen Jahres bei 436 von 20 027 stationär aufgenommenen Patienten nachgewiesen. Das sind 2,2 Prozent. Erfahren im Kampf gegen multiresistente Keime ist Ewald Schröder.

Seit 19 Jahren ist der gelernte Krankenpfleger im Marienkrankenhaus St. Wendel als Hygienefachkraft für die Infektionsprävention zuständig. „Ende der 90er Jahre hatten wir zwei oder drei Fälle von MRSA-Infektionen im Jahr“, erinnert sich der 48-Jährige.

Dann gingen die Fallzahlen nach oben. „Seit 2009 etwa haben wir ein Plateau erreicht, auf dem es keine steigenden Zahlen mehr gibt.“ Im Jahr 2012 waren es genau 90. Bei einem Rundgang durch das Marienkrankenhaus zeigt Schröder, was sich in den vergangenen Jahren getan hat. Einfach, aber effektiv sind zusätzliche Desinfektionsspender auf den einzelnen Stationen. Sie helfen, die Hygiene bei Klinikpersonal und Besuchern zu fördern. Spezieller wird es im Erdgeschoss, wo sich die Notaufnahme befindet. Dort gibt es einen Erstversorgungsraum für Patienten mit speziellen Erkrankungen oder Erregern, unter anderem auch MRSA.

Der terrakottafarbene Raum ist karg eingerichtet, nur die notwendigsten Geräte und Utensilien stehen hier; eine Liege, ein Tisch, ein Schränkchen und wenig Verbandsmaterial. „Gestrichen ist er mit einem speziellen Lack, der eine problemlose und rasche Desinfektion ermöglicht“, erzählt der diensthabende Pfleger. Patienten aus MRSA-Risikogruppen landen bei ihrer Aufnahme zunächst hier. Also solche mit MRSA-Vorgeschichte, Dialysepatienten, Katheterpatienten und welche mit Gefäßerkrankungen oder großflächigen offenen Wunden – oftmals ältere Menschen. Es gibt standardisierte Bögen, mithilfe derer das Personal vor Ort einschätzen kann, ob bei Neu-Patienten eine Keim-Besiedlung wahrscheinlich ist. Ist das so, wird ein Abstrich gemacht und der Patient auf Station so untergebracht, dass die Gefahr, andere anzustecken, minimiert wird. Das muss nicht immer die Isolation sein. Es gibt zudem einen speziellen Operationssaal. Und nach einer Operation werden MRSA-Patienten abseits des normalen Aufwachraums separat überwacht. Verlassen sie schließlich die Klinik, rückt das Reinigungspersonal mit Schutzkleidung an, um das Zimmer zu desinfizieren. Denn die Keime sind hartnäckig, können auch in unwirtlicher Umgebung Monate überleben.

Hygiene ist das eine, Organisation das andere. „Optimal ist es, wenn wir, schon ehe der Patient eingeliefert wird, wissen, dass er kolonisiert oder infiziert ist“, erklärt Hygienespezialist Schröder. Wird der Patient von Klinik zu Klinik verlegt, funktioniert der Informationsfluss, dann arbeitet das vom Gesundheitsministerium und dem Mikrobiologischen Institut koordinierte MRSA-Netzwerk Saar. „Aber Hausärzte und Altenheime müssen sukzessive stärker in das Netzwerk einbezogen werden“, fordert Schröder.

Damit rennt er bei Professor Herrmann offene Türen ein. „Wir brauchen eine verbesserte Aufmerksamkeit aller Beteiligten im saarländischen Gesundheitssystem.“ Auch wenn sich in der jüngeren Vergangenheit einiges getan hat, reicht das für Herrmann längst nicht aus. Ein großes Problem sieht der Institutsleiter in der Arbeitsverdichtung des Klinikpersonals, verbunden mit den Anforderungen Zeit raubender Fall-Dokumentationen. Da könne die Hygiene – obwohl es nicht sein dürfe – schon einmal vernachlässigt werden. „Dabei ist das Hände- Desinfizieren die einfachste und sicherste Präventivmaßnahme im Kampf gegen MRSA“, sagt Christian Braun, Ärztlicher Direktor des Klinikum Saarbrücken. „Die Erreger springen nicht von Bett zu Bett, und sie lauern auch nicht irgendwo in einer dunklen Ecke, um sich auf die Menschen zu stürzen, sondern sie brauchen einen Träger.“

Und laut Braun sind das meist „Hände von Patienten oder Personal“. Helga Lentz hat sich in der ersten Zeit nach der Operation oft gefragt, wie es zu der Infektion kommen konnte. Eine Antwort hat sie nicht gefunden – irgendwann hat sie es auch aufgegeben, über ihr Schicksal nachzugrübeln. „Das bringt ja nix.“

Stattdessen fragt sie sich, ob man nicht einen Impfstoff gegen MRSA entwickeln könnte. „In fünf bis zehn Jahren kann vielleicht Wochen vor einer OP geimpft werden. Die Chancen dafür stehen 50 zu 50“, sagt Herrmann. Aber den Erreger mit einer allgemeinen Impfung komplett aus der Welt schaffen, „das wird niemals der Fall sein. Dafür ist er viel zu anpassungsfähig, eine Eigenschaft, die er über Jahrmillionen perfektioniert hat“.
 

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