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Kinder von Alkoholikern treffen sich in Saarbrücken

Saarbrücken. Die 41-jährige Petra (alle Namen von der Redaktion geändert) sieht gesund aus, doch leidet an etwas, was sie als „Familienkrankheit“ bezeichnet: „Wenn ich sehe, wie respektvoll Eltern mit ihren Kindern umgehen, dann bleiben da für immer Traurigkeit und Schmerz.“ Petras Vater war in ihrer Kindheit und Jugend stark alkoholkrank, beschimpfte sie in seinem Rausch, während die Mutter die Krankheit totschwieg. „Als Kind führt man das alles auf sich zurück“, sagt sie, die lange mit Depressionen und Angstzuständen zu kämpfen hatte.

Verbale oder körperliche Gewalt

Das Gesundheitsministerium schätzt, dass es im Saarland rund 20 000 alkoholabhängige Erwachsene gibt. Ihre Kinder wachsen mit verbaler oder körperlicher Gewalt auf und erleben exzessive Emotionen. Die Kinder seien als Erwachsene oft sehr verantwortungsbewusst und fürsorglich, erklärt die Psychologin Eva Müller, Chefärztin an der Kinder- und Jugendpsychiatrie Kleinblittersdorf. „Sie sind darauf programmiert, alle anderen zufrieden zu stellen, sie selbst kommen zu kurz.“ Zudem haben Kinder alkoholkranker Eltern auch ein stark erhöhtes Risiko, selbst süchtig zu werden. Laut Müller hat fast jedes suchtkranke Kind mindestens einen süchtigen Elternteil.


Lebenslanger Kampf

Petra hat vor 16 Jahren die Al-Anon-Gruppe für erwachsene Kinder alkoholkranker Eltern gegründet. Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden Dienstag in der KISS, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe in Saarbrücken. In der Gruppe sprechen die zwei Männer und die fünf Frauen über Schlafstörungen, Frustfressen, übersteigertes Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein, ziehen Vergleiche zwischen Problemen mit dem Partner von heute und dem alkoholkranken Elternteil von damals. Vieles dreht sich um gemindertes Selbstbewusstsein, Schuldgefühle und Abhängigkeit von anderen. Von Abhängigkeiten berichtet der 42-jährige Dieter, Sohn einer alkoholkranken Mutter. Er hat gerade eine neue Stelle als Lehrer angetreten, für ihn eine Herausforderung: „Als Kind alkoholkranker Eltern ist man immer abhängig von der Reaktion der anderen, man will von allen ausschließlich nur geliebt werden“, sagt er. Doch als Lehrer muss er sich durchsetzen und riskieren, dass ihn die Schüler auch mal nicht mögen.

Aus ihrer Therapie-Erfahrung berichtet die Psychologin Eva Müller, dass manche ein Leben lang mit der Alkoholkrankheit der Eltern kämpfen: „Am schwersten zu überwinden ist die Angst vor Gefühlen, weil sie als Kind erlebt haben, dass diese potenziell entarten können“, sagt Müller. Kinder alkoholkranker Eltern leisten viel Fürsorge für ihre kranken Eltern: Sie putzen Erbrochenes weg, erledigen den Haushalt, entschuldigen beim Arbeitgeber, sagt Müller und ergänzt: „Das Eltern-Kind-Verhältnis dreht sich um“.


„Mir fehlt ein Stück Jugend“

Das hat der 36-jährige Sebastian erlebt: begleiten zu Vereinstreffen, Regeln der Versicherungsangelegenheiten – er erzählt von dem Gefühl, der Mutter den Vater ersetzen zu müssen. „Mir fehlt ein Stück Jugend“, sagt er. Dass er stets seine Gefühle versteckt, führt er auf die Krankheit des Vaters zurück. „Egal wie schlecht es mir geht, ich spiele immer den Clown.“ Auch Petra wollte es unbedingt recht machen: „Ich erfand meine Wenns-Danns“, erzählt sie, „wenn ich einen Freund habe, wenn ich heirate, wenn ich Kinder habe, dann geht es mir besser.“ Aber das Gefühl der Unzulänglichkeit sei geblieben. Zum Vater habe sie bis heute kein Verhältnis.

Vom 15. bis 17. Oktober findet in der Saarbrücker Jugendherberge das deutschsprachige Ländertreffen der Selbsthilfegruppen Al-Anon (erwachsene Kinder) und Alateen (Kinder und Jugendliche) statt. Interessierte sind willkommen.

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