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Kitsch und Sadomaso: ,,Fifty Shades of Grey” kommt jetzt in die Kinos der Region

Zehn Millionen Deutsche, hauptsächlich Frauen, haben das Buch gelesen, weltweit sind es über 100 Millionen. 450 000 Kinokarten wurden hierzulande im Vorverkauf erworben, weltweit sind es über drei Millionen. Im Roman und Film begegnen sich eine 21-jährige Frau (Dakota Johnson) ohne sexuelle Erfahrung und ein ausgebuffter, 27 Jahre alter Milliardär (Jamie Dornan), der schon alles ausprobiert hat. Beide tauchen in eine Liebe ein, zu der ganz realer körperlicher, peinigender und deshalb lustvoller Schmerz gehört. Schuld daran sind Bondage-Praktiken. Der englische Begriff heißt „Unfreiheit“, „Knechtschaft“ und wird für sadomasochistische Handlungen benutzt, allen voran Fesselspiele. Warum treibt das Heerscharen von Zeitgenossen um? In New York, wo der Film am Wochenende Premiere feierte, mussten Sicherheitskräfte eingesetzt werden, um die herandrängende Masse zu stoppen.

Schwarzes Leder hat Faszination. Klammern für die Brustwarzen sind Aufreger. Peitschenklatschen weckt voyeuristischen Grusel. Und in allem scheinen geheime Sehnsüchte mannigfaltiger Art aufzuflackern. Das sexuelle Experiment ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, von vielen akzeptiert und begehrt. In der Geschlechterbegegnung wird der Thrill gesucht, die Missionarsstellung ist überholt. Und die Soziologie liefert die Erklärung dazu. Eva Illouz schrieb ein Buch zur „neuen Liebesordnung“ aufgrund des „Shades of Grey“-Spektakels. Darin zeigten sich die Widersprüche und ungeklärten Machtfragen von Frauen und Männern, aber auch ihre Lösungen. Sadomasochismus kremple die Rollenbilder um, lange geheim gehaltene Wünsche polygamer Frauen fänden mehr Erfüllung, männliche Begierden ebenso.

Aber stimmt das? Wer genauer hinschaut, erkennt, dass hier nicht nur ein Kulturwechsel, sondern vor allem ein bombastisches Geschäft läuft. Es gibt viele, die daran mitverdienen und deshalb sehr interessiert sind, dass mediale Feuer am Lodern zu halten. Die erotische Erzählung, stets eine Nische, hat der Verlagsbranche sehr viel Geld gebracht. Dem Roman der britischen Autorin E.L. James folgten Trittbrett-Titel. Einige davon sind härter geschrieben, treffen aber nicht den Ton, den James entwickelt hat. Es darf brutal sein, aber in Liebe gebettet. Der Verleger des Haffmans Verlags, Till Tolkemitt, lässt sich zitieren mit der Aussage, die seine Branche froh macht: „Fifty Shades of Grey“ habe „ein neues Genre begründet: den erotischen Volksroman“.

Auch der Pop profitiert. Endlich können seine weiblichen Ikonen das in ihre Texte legen, was bisher – von Bob Marley bis zu Prince – vorher nur Männer als Subtext mitlaufen ließen. Der Soundtrack des Films stammt von Beyoncé Knowles, ebenfalls ein erotisches Kunstprodukt. Ihren Song „Hunted“ hat sie neu aufgelegt.

Auch die Sexspielzeugindustrie hat mächtig zugelegt. Die Produktion von „Smartballs“ oder „Liebeskugeln“ wurde um 300 Prozent gesteigert. Sie werden gekauft, obwohl viele nicht wissen, wozu sie gut sind; im Internet zeigt sich Ratlosigkeit. Die Kugeln sollen den Beckenboden stärken, die sexuelle Erlebnisfähigkeit erhöhen.

Casanova, de Sade, aber auch Erica Jong und Shere Hite haben Macht und Unterwerfung in der Sexualität lange vorher thematisiert. Nun ist das auf breiter Front angekommen. Was die Literatur nicht schaffte, hat der Kapitalismus geregelt: Wir müssen nun geil sein, es gehört dazu. Das wird uns massenmedial eingetrichtert und gilt auch als Kunst. Aber schafft sie mehr Befriedigung?

Der Film startet in fast allen Kinos der Region.
 
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