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Kommunalwahl in Frankreich – Front National liegt in Umfragen vorn

EIne Wohnsiedlung in Forbach.

EIne Wohnsiedlung in Forbach.

Es wird eng in Forbach. In einer Woche sind Kommunalwahlen, und laut Umfragen liegt der Kandidat der rechtsextremen Partei Front National (FN), Florian Philippot, vor dem amtierenden Sozialisten-Bürgermeister Laurent Kalinowski (PS). Ein Rechtsradikaler als Bürgermeister in unmittelbarer saarländischer Nachbarschaft? Bei den Menschen am Bahnhof in Forbach, die sich an diesem Tag im März ihre Zeitungen kaufen, würde das keinen überraschen. „Ich habe im Fernsehen Bilder aus der Ukraine gesehen, dort arbeiten sie noch in den Gruben. Hier ist nichts mehr“, beschwert sich ein Mann um die 30, ein Mechatroniker, der nach der Pleite der Autowerkstatt, in der er arbeitete, arbeitslos ist. Das Zeitalter des Bergbaus – es ist hier noch synonym für Vollbeschäftigung und Wohlstand. So wie ein goldenes Zeitalter, an dem man sich festklammert, um sich zu vergewissern, dass man hier einmal gut gelebt hat. Das Arbeitsleben hat er hinter sich, doch auch Rentner Kader ist unzufrieden.

Und zwar sowohl mit den Entscheidungen von Präsident François Hollande als auch mit der Politik Kalinowskis. „Er hat so viel angekündigt und doch nichts gemacht. Vor seiner aktuellen Wahl hat Kalinowski uns ein muslimisches Grabfeld versprochen“, sagt Kader. Ihm persönlich bedeutet das sehr viel. „Damit hat er sich aber reichlich Zeit gelassen. Erst jetzt setzt er das um. Und warum? Weil jetzt Wahlkampf ist und Philippot ihn in den Umfragen abhängt.“ Für Philippot will der Rentner nicht stimmen. Aber auch nicht für Kalinowski. Er will eine ungültige Stimme abgeben. Als er das ankündigt, nicken auch jüngere Männer um ihn herum. Auf die Frage, ob ungültige Stimmen nicht Philippot und dem FN in die Karten spielen, antworten sie mit einem Schulterzucken. Viele aus der Gruppe haben einen Migrationshintergrund. Ob sie keine Angst haben vor dem Vertreter der Rechtsextremen, die in ganz Frankreich Stimmung gegen Ausländer machen?

„Na und? Wir sind doch Franzosen“, heißt es einstimmig. Von den rund 22 000 Einwohnern Forbachs stammen viele aus Nordafrika. In den Straßen tragen viele Frauen ein Kopftuch. Und wer Couscous oder Tajine kosten möchte, hat in der Innenstadt gleich zahlreiche Adressen zur Auswahl. Das gehört zum Straßenbild, und wirklich zu stören scheint es die meisten nicht. Was sie viel mehr befürchten, ist eine neue Immigrationswelle aus dem Osten. Migranten aus Bulgarien und Rumänien, Roma, die wegen der EU und ihrer offenen Grenzen nach Forbach kommen und ihnen die letzten Jobs streitig machen könnten. Ein gefundenes Fressen für den euroskeptischen Front National. „Sie schüren damit Angst vor etwas, was nicht real ist“, empört sich Nassir. Er lebt seit seiner Geburt in Forbach und ist ein entschiedener Gegner des FN und von Florian Philippot. Er ist einer der wenigen unter den Befragten, der mit der aktuellen Stadtverwaltung sehr zufrieden ist.

Die Investitionen von Kalinowski in den Jugendeinrichtungen des Brennpunkts Wiesberg seien richtig, wenn auch teuer. Und wenn die Bosse der umliegenden Firmen sich weigern, Menschen aus Problemvierteln einen Job zu geben, könne das der Bürgermeister nicht ändern – egal wer er sei, sagt Nassir. Philippot würden weder mehr Geld noch mehr politischer Spielraum als dem aktuellen Verwaltungschef zur Verfügung stehen. Aber daran mag Nassir nicht mal denken: „Wir in Forbach sind keine Rechtsextremen. Kalinowski wird es schaffen, auch wenn es eng wird.“ Dass der FN das Forbacher Rathaus erobern könnte, darüber wird viel spekuliert. Neben dem ehemaligen Bergmannsviertel Creutzberg bekommt das rechte Lager voraussichtlich in der Stadtmitte die meisten Stimmen. Nicht nur aus Überzeugung werden hier die Stimmen Philippot zufließen, sondern auch aus Verzweiflung. „Seit 40 Jahren ist es hier immer nur schlimmer geworden“, berichtet die Chefin der Kneipe am Markt.

„Man hat es mit den Konservativen probiert und mit den Sozialisten, was hat sich daraus ergeben? Null“, so lautet ihre persönliche Bilanz. „Also sollte man dem Front National auch eine Chance geben“, lautet ihre Schlussfolgerung. Sie klagt über junge Leute, die nicht arbeiten, den ganzen Tag schlafen und abends in der Stadt herumlungern und rumpöbeln: „Sie sind schlecht erzogen, haben keinen Respekt.“ Viele ihrer Nachbarn von früher, auch viele Einzelhändler, haben dichtgemacht. „Das ist ein Teufelskreis. Wenn man keinen Job hat, verdient man nichts und kann auch nicht einkaufen oder Restaurants und Kneipen besuchen. Man steht mit dem Rücken zur Wand.“ Zwei Männer an der Bar lauschen dem Gespräch. Sie wollen zu dem Thema nichts sagen, haben aber ein selbstversunkenes Lächeln auf die Lippen, wenn der Name Philippot erwähnt wird. Und was wäre, wenn die Forderung von FN-Chefin Marine Le Pen erfüllt würde, nämlich „Raus aus dem Euro“. Womit würden die Forbacher dann zahlen, wenn sie nach Saarbrücken zum Einkaufen kommen? „Früher gab es keinen Euro und trotzdem waren wir drüben unterwegs“, so die Café-Chefin. Denn früher war ja bekanntlich alles besser. Ob das nach der Wahl wieder so wird?
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