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Kultmusical „Rocky Horror Show” feiert heute Premiere

Schrill, schrullig, sexy - so kennt man das 70er-Jahre-Musical »Rocky Horror Show».

Schrill, schrullig, sexy - so kennt man das 70er-Jahre-Musical »Rocky Horror Show».

Saarbrücken. Wir suchen einen Star. Dafür müssen wir unter die Bühne: enge Stiegen, trübes Licht, schwarze Wände. „Nicht da oben, hier unten ist Transsylvanien!“ – so empfängt Musik-Chef Frank Nimsgern die Gäste. Über seinem Kopf, auf der Bühne des Saarländischen Staatstheaters (SST), läuft der Soundcheck – Beginn jeder Probe. Dort oben brüllt und röhrt Vincenzo di Rosa, als wolle er den Grand-Prix als bester Eddie-Darsteller gewinnen – so viel zum Thema Kraftsparen vor der Premiere. Aber Eddie hat ja auch nicht wirklich viel Auftrittszeit, um als Rock-Röhre zu imponieren. Bekanntlich wird er im zweiten Akt von den Transsexuellen aus Transsylvanien verspeist. Ein Korb mit Eddies Leichenteilen aus rot verschmiertem Pappmache steht auf dem mit Requisiten zugestellten Serpentinen-Weg zur Bühne. Daran müssen alle vorbei. Eine kleine Einstimmung auf die makabre Show zwischen schwuler Straps-Erotik und komischem Grusical. Und willkommen im Theater-Handwerker-Kosmos hinter der perfekten Kulisse, bei Tontechnikern, Beleuchtungsmeistern, Bühnenarbeitern, Ankleidern – und Feuerwehrleuten. Vier Freiwillige bewachen das Bühnengeschehen. Ein Privileg? Nein, sie verdrehen sich die Hälse, wenn sie mehr als nur Szenen-Schnipsel sehen wollen. „Die Berufsfeuerwehr, die unten sitzt, hat’s besser“, sagt Carsten Ziegler vom Löschbezirk Malstatt-Burbach.
Er und seine Kollegen scheinen die einzigen Unbewegten in dem Ameisen-Apparat. Eilig das Tempo dreißig Minuten vor dem ersten echten Durchlauf für die „Rocky Horror Show“ am Donnerstagabend bei der Hauptprobe II. Fleißig geht’s zu, nicht hektisch. Es ist dies zudem ein erster Publikums-Test vor fast vollem Haus, hauptsächlich vor SST-Mitarbeitern mit Anhang: Zündet die Partyrakete, die als eigentlicher Qualitätsbeweis für jede „Rocky“-Produktion gilt? Fliegen Reis und Konfetti aus dem Saal, wird’s dank Wasserpistolen nass im Parkett? Am Donnerstag: sehr wohl.
Zwei Tage zuvor rumpelte das Auto, mit dem das Paar Janet und Brad im Schloss des Verführers Frank N’Furter landen, noch viel zu langsam gegen die Wand. Nur noch drei Versuche bis zur Premiere, wie bleibt man da gelassen als Regisseur? Sebastian Welker ist 27 (!), zudem ein reiner Opern-Mann. Als das „Rocky“-Stück seinen Triumphzug antrat, war er noch nicht geboren. „Bevor mich das SST-Team fragte, hatte ich noch nie auch nur einen Song gehört“, sagt er. Doch nachdem sich Welker den Film angeschaut hatte, war klar: Seine Distanz ist das Pfund, er würde kein Imitat liefern, sondern wollte die zentrale Story ernst nehmen: Die von einem jungen Paar, das heiraten will, aber sich und den anderen überhaupt nicht kennt.

An seiner Seite hat Welker einen Routinier, den saarländischen Gitarristen und Musical-Macher Nimsgern, der in Berlin Erfolge feiert und in der Heimat seit seiner ersten Staatstheater-Produktion „Paradise of Pain“ (1998) Massen-Pilgerschaften auslöst. Er sitzt samt vier köpfiger Frank-Nimsgern-Group unter der Bühne, arbeitet also unter Tage. Es gibt angenehmere Arbeitsplätze. Wie dirigiert man im Blindflug? Nimsgern hat’s raus. Nicht zum ersten Mal agieren er und die Liveband im Verborgenen, werden nur ab und zu mal hoch gefahren auf die Szene. Zum ersten Mal allerdings hat Nimsgern nicht selbst komponiert und getextet, sondern übernimmt, wie er betont, eine „dienende Rolle“: „Ich kann mich ganz wunderbar zurücknehmen.“ Gegenüber Richard O’ Brien, dessen Songs aus den 70ern er allerdings hörbar nimsgernisiert, sprich mit heutigen Musikstilen aufgefrischt hat. Genau deshalb habe man Nimsgern engagiert und nehme keine Musik-Retorte, sagt Intendantin Dagmar Schlingmann. Außerdem kennt sie die Zugkraft der Marke Nimsgern. 31 Vorstellungen wurden angesetzt, drei Mal so viele wie bei üblichen Produktionen. Bereits jetzt sind 18 000 Karten verkauft.

Allerdings – und das dürfte manche(n) enttäuschen – mischen die Musiker beim transsexuellen Kostümfest nicht mit. Nimsgern in Strapsen ist also nicht. Für nackte Haut sind andere zuständig, hauptsächlich 27 Statisten. Sechs Maskenbildnerinnen verwandeln sie in weißgesichtige Zombies – und greifen richtig in die Vollen. „Das ist sonst nicht üblich“, sagt Astrid Maring-Eckerle. Alles dürfe dicker, greller und schwärzer sein als sonst. Die Gesichter werden zuvor mit einer Airbrush-Maschine weiß gespritzt. Sanfter Nebel, Augen zu: Die Maske bietet einen letzten Moment zur Entspannung.

Ausnahmezustand herrscht derweil bei Ralf Heid, dem stellvertretenden technischen Direktor. Bei „Rocky“ würden – eine Seltenheit – alle Bühnen-Podien bewegt. „Es ist schön, wenn man mal alle Technik, die da ist, nutzen kann. Der Stresspegel ist höher, in der Mannschaft entsteht eine gute Form der Nervosität.“ 18 Mann (Beleuchtung, Ton, Technik) seien im Einsatz. Die Koordination des Gesamtablaufs hängt an der Inspizientin. Martina Krawulsky steuert den Abend mit 300 Befehlen. Und nebenbei rückt sie schon mal das Weihwasser-Becken auf der Bühne an die richtige Stelle. Die Bühnen- und Ton-Einrichtung allein bringt schon eine ganze Menge unübersichtliches Gewoge. Doch es herrscht wohl die Maxime: Je voller, je doller. Der Ort hat eine magnetische Wirkung auf alle. Wer kommt, bleibt: Operndirektor Berthold Schneider, Choreografin Amy Share-Kissiov, Musikdramaturg Ralph Mundlechner. Und Janet-Darstellerin Corinna Ellwanger steppt sich schon mal einen. Im Hintergrund wird die Bühne gestaubsaugt. Kuriose Momente.
Für Außenstehende wirkt das alles ziellos-zerfahren. Es herrscht die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Und doch weiß man: Das Theater ist ein Hort der Hierarchie und Ordnung. Absprachen werden getroffen und gehalten. Alle tun, wie geheißen. Auch das Publikum? „Lasst es krachen!“, rief man ihm am Donnerstag zu.
Premiere: 8. Oktober, 19.30 Uhr, Nächste Termine: 13., 15. und 22. Oktober.

Auf einen Blick
Die „Rocky Horror Show” basiert auf dem Film „The Rocky Horror Picture Show” (1975). Er machte Tim Curry als Hauptfigur Frank N’Furter zu einer Travestie-Ikone. Das Richard O’Brien-Stück – eine Parodie auf Science-Fiction- und Horrorfilme – genießt Kultstatus. Die Aufführungen werden als Mitmach-Party-Erlebnis inszeniert, bei dem das Publikum mit exakt definierten Aktionen in das Geschehen integriert wird. ce
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