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Lafontaine gibt zu: Im Jahr der Einheit war ich der falsche Kandidat

  Am Sonntag jährt sich zum 20. Mal der Tag der deutschen Einheit. Einer der größten Kritiker des schnellen Beitritts der DDR zur Bundesrepublik war 1990 der damalige Saar-Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine. Mit dem aktuellen Chef der Links-Fraktion im Saar-Landtag sprach SZ-Redakteur Ulrich Brenner.

Sie wurden vor 20 Jahren mit den Worten zitiert, Sie könnten sich nicht auf die Einheit freuen. Freuen Sie sich heute über 20 Jahre deutsche Einheit?

Lafontaine: Man muss sagen, was man unter Einheit versteht. Ich wollte immer einheitliche Lebensverhältnisse für die Menschen in Ost und West. Daher habe ich mich 1990 gegen die schnelle Einführung der D-Mark in Ostdeutschland zum Kurs von 1:1 gewandt, weil diese große Arbeitsplatzverluste bringen werde. Da ich damit eine empfindliche Stelle getroffen hatte, wehrte sich die politische Konkurrenz mit der Behauptung, ich sei gegen die Einheit.

Aber Aussagen wie die von der Einheit als ,,historischem Schwachsinn“ gab es?

Lafontaine: Die meisten deutschen Politiker hätten 1989 einzelnen ausländischen Stimmen widersprochen, die Einheit stehe kurz bevor. Aus dieser Zeit können Sie Zitate von mir finden, nach denen ich die Einheit nicht für realistisch gehalten habe. Die Behauptung, ich sei gegen sie gewesen, ist aber grundfalsch. Ich bin bekanntermaßen seit Jahrzehnten ein Anhänger der europäischen Einigung. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass darunter auch die deutsche Einigung fällt.

Und was fühlen Sie nun nach 20 Jahren deutscher Einheit?

Lafontaine: Die Wahrheit ist immer konkret. Ich freue mich, dass die Menschen in Ostdeutschland frei reden und reisen können und dass es für viele einen Zugewinn an Wohlstand gibt. Dagegen bedauere ich die hohe Arbeitslosigkeit, die große Zahl von Hartz-IV-Empfängern im Osten und jene Menschen, deren Biografie entwertet worden ist. Und dass die Chance vertan wurde, die Wirtschaft in Ostdeutschland zu demokratisieren.

Was waren Ihre Gedanken, als Sie in der Nacht zum 3. Oktober 1990 am Reichstag standen? Willy Brandt hat Ihnen dort nicht zur Einheit gratuliert, wie er es bei der Mehrheit der anwesenden Politiker getan hat.

Lafontaine:
Ich hatte Differenzen mit Willy Brandt, weil er die Währungsunion wie die Mehrheit der Politiker völlig falsch einschätzte. Er sagte mir: Ach, die Landsleute brauchen jetzt die D-Mark, um nach Mallorca zu fahren. Ich sagte ihm, sie brauchen aber auch Arbeitsplätze. Die daraus resultierende Verstimmung ist bekannt. Da hätte Brandt wohl eine solche symbolische Geste als Show empfunden. Ich selbst hatte in diesem Moment gemischte Gefühle. Freude über die Freiheit für die Menschen, Sorge wegen der drohenden sozialen Verwerfungen.

Viele würden sagen, es gab angesichts der Übersiedlungsströme von Ost nach West zur schnellen Vereinigung, auch zur Währungsunion, keine Alternative.

Lafontaine: Das ist immer das Argument jener, die Fehler gemacht haben. In der Weltgeschichte gibt es aber stets eine Alternative. Ich habe auch aus der saarländischen Erfahrung heraus argumentiert. Die Saarwirtschaft war 1957, bei der politischen Rückkehr, in den französischen Wirtschaftsraum integriert, die DDR-Wirtschaft 1990 in den osteuropäischen. Man hätte hier ähnliche Übergangslösungen finden können wie im Saarland, wo die D-Mark mit zweijähriger Verzögerung eingeführt wurde.

Sie waren Kanzlerkandidat mit besten Aussichten. Die Einheit hat Sie wohl den Wahlsieg gekostet. Grämen Sie sich darüber?


Lafontaine: In der Politik möchte man Ämter erreichen, um etwas zu bewirken. Insofern habe ich die Niederlage bedauert. Aber das Erreichen eines Amtes ist kein Selbstzweck. Ich wollte die Lebensbedingungen der Menschen verbessern und habe akzeptiert, dass der Zeitgeist gegen mich stand.

Waren Sie also der falsche Kandidat zur falschen Zeit?

Lafontaine: Als das damals geschrieben wurde, habe ich es nicht gerne gelesen. Im Nachhinein war dieses Urteil richtig.  Meine Warnung zur Währungsunion kam zur falschen Zeit.

Wäre der Einheitsprozess ohne Bundestagswahl anders gelaufen?

Lafontaine: Das glaube ich schon. Die Versuchung der Regierung Kohl, durch die Einführung der D-Mark zum Kurs von 1:1 die Wahl zu gewinnen, war groß – und erfolgreich. So wurden alle Mahnungen des Sachverständigenrats oder der Bundesbank in den Wind geschrieben. Es wäre besser gewesen, auf diese Fachleute zu hören.

Heute zweifeln viele an der Gestaltungsmöglichkeit der Politik.

Lafontaine: 1990 gab es wirklich historisch einmalige Gestaltungsmöglichkeiten.

Was wäre besser gegangen – wenn Sie regiert hätten?

Lafontaine: Die Währungsumstellung wäre anders gelaufen. Das Volksvermögen wäre zumindest teilweise in Belegschaftsvermögen umgewandelt worden. Die Treuhandanstalt hätte nicht das Vermögen der Ostdeutschen an westdeutsche Betriebe verschleudert, was als Raubrittertum empfunden wurde. Es hätte daher weniger Konflikte zwischen Ost- und Westdeutschen gegeben. Ich bin überzeugt, dass es den Menschen heute besser gehen würde.

Ihre damalige Warnung vor nationaler Besoffenheit und Deutschtümelei halten Sie rückblickend für angemessen?


Lafontaine: Ja, denn diese Formulierungen zielten darauf, dass es nicht darauf ankommt, eine Fahne zu haben, einen Kanzler und eine Staatsgrenze, sondern einheitliche Lebensverhältnisse. Und weil diese immer noch nicht erreicht sind, sprechen viele auch heute noch von einem geteilten Land.

Räumen Sie ein, 1990 selbst Fehler begangen zu haben?

Lafontaine: Ich habe die Einheitseuphorie unterschätzt, das rationale Argument schlichtweg überschätzt. Die Wahrheit ist nicht immer populär.


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