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Landwirt aus Leidenschaft

Obersalbach-Kurhof. Für empfindliche Stadtnasen riecht es hier streng. Eine Duftmischung aus Kuhdung und Stroh erfüllt den spätsommerlichen Nachmittag. Sonnenstrahlen erhellen den großzügig gestalteten Kuhstall, der als Quelle der charakteristischen Nasenreizung leicht auszumachen ist. Wir sind im abgelegenen Heusweiler Ortsteil Obersalbach-Kurhof, im Herzen des Saarlandes. Die Suche nach einem Milchbauern, der über die schon oft beschriebene Not seiner Zunft in Zusammenhang mit dem Preisverfall für Milch Auskunft geben möchte, war nicht leicht. Viele der alt eingesessenen Landwirte wollten sich auf Anfrage öffentlich lieber nicht äußern. „Macht eh keinen Sinn mehr – und bevor ich etwas Falsches sage..." so die häufigste Aussage, die ein hohes Maß an Resignation offenbart.

Roman Fixemer aber ist da anders und trotzdem ein Paradebeispiel für die verbliebenen rund 300 Milchbauern im Saarland. Der 46-Jährige ist Landwirt aus Leidenschaft, wie er sagt, und gerne bereit über Nöte und Hoffnungen, den begonnenen und noch zu erwartenden Strukturwandel zu erzählen. „Es ist eine fatale Mischung aus Überproduktion, falscher EU-Politik, Preistreiberei und kurzsichtigem Verbraucherverhalten, die uns zu schaffen macht“, sagt der dreifache Familienvater in ruhigem Analyseton – und schnell wird klar: Dieser Mann jammert nicht, er weiß, dass er die Welt nicht verändern kann und sucht nach pragmatischen und kreativen Lösungen für sich und seinen Hof, den er in fünfter Generation führt. „Das größte Problem für uns ist der krasse Preisverfall. Noch im Mai 2008 habe ich 31 Cent für den Liter Milch von der Molkerei bekommen, auf der letzten Milchgeld-Abrechnung vor ein paar Tagen waren es noch 24 Cent.“ Das reiche gerade, sagt Roman Fixemer, um die Kosten für die Milchherstellung zu decken. Für sich und seine Familie bleibe das nichts.

Im Fernsehsender RTL gibt es eine Erfolgsserie namens „Bauer sucht Frau“. Analog dazu könnte man an dieser Stelle sagen: „Bauer sucht Profit“ – und das ist heutzutage scheinbar schwer genug. Aber wenn mit der Milchproduktion kein Geld mehr zu verdienen ist, wovon lebt dann die fünfköpfige Familie? „Zum Glück sind wir auch ein Futterbaubetrieb, der Fleisch, Getreide und andere Bauernhofprodukte verkaufen kann.“ Da fange man an, Gelder hin und her zu schieben, um die Liquidität sicherzustellen, sagt Roman Fixemer, während er liebevoll Hofhund „Ferro“ streichelt. Der gelernte Betriebsschlosser und frühere Zeitsoldat wirkt noch relativ gelassen, wenngleich er zugibt, dass die momentane Erlöslage an der Substanz zehrt: „Wir können keine Rücklagen mehr bilden und haben uns selbst einen Investitionsstopp auferlegt.“ Er kennt Betriebe, die nicht so breit aufgestellt sind und in solchen Zeiten aufgeben müssen. Deutschlandweit bislang allein in diesem Jahr 3,5 Prozent aller Milchviehbetriebe.
 
In Obersalbach, das Roman Fixemer als „echtes Bauerndorf“ bezeichnet, gibt es derzeit noch neun Vollerwerbsbauern. Hier am Fixemer-Hof gilt es für den „Milchkuh-Freak“, wie er sich selbst bezeichnet, 60 Milchkühe, 37 Bullen und eine „weibliche Nachzucht von 60 Tieren“ zu versorgen. In Deutschland stehen derzeit übrigens rund 4,5 Millionen Milchkühe im Stall oder auf der Weide. Da die Deutschen aber im europäischen Milchverzehr mit nur 85 Liter Pro-Kopf-Verbrauch am Ende der Länderskala liegen und sich die Supermarktketten und Discounter auch noch gegenseitig in der Milchpreisgestaltung unterbieten wollen, gibt es ein Problem: Denn die Verbraucher finden billige Milch gut, die Bauern sind empört, weil sie nichts mehr verdienen.

Am Freitag erst gab es in Paris deshalb einen mittelschweren Aufstand von Milchbauern, die im European Milk Board zusammengeschlossen sind. Sie haben entschlossen einen weit reichenden Aufstand angekündigt. Es sei davon auszugehen, dass viele Milchviehhalter bis zum Äußersten gehen und ihre Milchlieferungen unterbrechen würden, schätzt Pascal Massol, französischer Milchbauer und Präsident der Milcherzeugerorganisation APLI. Allein in Frankreich seien zehntausende Milchbauern wütend.

Sauer ist Roman Fixemer nicht, denn er hat vor allem auch Spaß an seiner Arbeit. Wer nur kommerziell denkt, würde nie Sätze sagen wie: „Ich bin froh, wenn ich eine schöne Kuh habe. Wenn sie dann noch viel Milch gibt, ist es umso besser.“ Auch hat er eine Lieblingskuh. „Oh ja, die gibt es.“ Im Stall Nummer 119 steht „Grace“, benannt nach der Schauspielgöttin Grace Kelly. Die vierbeinige „Grace“ ist 26 Monate alt und eine betörende Schönheit mit sensationellen Augenaufschlag und langen Wimpern. Wahrlich eine schöne Kuh, die 33 Liter Milch am Tag gibt. Ein Spitzenwert. Roman Fixemer, der sich vor allem als Züchter begreift und seit Jahren an der „Wunschkuh“ arbeitet, gerät ins Schwärmen.

Auch bei der Stallführung. „Mr. Sam“ erfährt hier besondere Aufmerksamkeit. Auf seiner knallgelben Lebensohrmarke – so eine Art Personalausweis für Kühe – steht zu lesen: „De 10 und 39201“: Experten wissen jetzt sofort, dass „Mr. Sam“ trotz des amerikanischen Namens eine echte saarländische Kuh ist. Auch gut zu wissen, dass die Krise die Milchbauern einander näher gebracht hat. „Eine Landmaschine wie den Großflächenschwader für 20000 Euro hätte ich mir früher alleine anschaffen müssen, heute schließen sich die Bauern im Ort für solch eine Investition zusammen“, verrät Roman Fixemer. „Ähnlich der jüngst beschlossenen Zusammenarbeit von BMW und Mercedes, das hätte vor der Krise auch niemand für möglich gehalten.“ Not macht erfinderisch.
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