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Leben als Straßenmusiker: Saarbrücker großzügig

Es war an einem Dienstag. Peter Ruppel stand um elf Uhr in der Küche seines Restaurants „Gasthaus Zahm“ am St. Johanner Markt in Saarbrücken. Rings um ihn Kabelreste, Dreck und fünf verschwitzte Handwerker, die die nicht funktionierende Lüftung reparierten. Um zwölf Uhr sollten die bestellten Leberknödel mit Speckrahmsauce sauber auf den Tellern sein.

„Das Maß ist voll, endgültig voll“, notierte er später in seinem Tagebuch. „Ich muss weg, weit weg, lang weg. Ich habe mein alternatives Lodderleben auf der Straße perfekt geplant. Gegen 15 Uhr will ich Alex in Landau treffen.“ ,,De Peter“, wie ihn seine Freunde nennen, ist Gastronom und Rockmusiker, ein guter, hatte früher eigene Bands. Die eine hieß ,,Bandy Legs“, was auf deutsch so viel heißt wie die „O-Beine", und mit ,,Luca Brasi“, der Band, die wie der Auftragskiller im Mafia-Epos „Der Pate“ hieß, war er sogar Gewinner des regionalen Rockwettbewerbs ,,Saar Rocky“. Das war 1975. Inzwischen ist er 58 Jahre alt, erfolgreicher Gastronom. Vom Blues-Rock aber kann er immer noch nicht lassen. Seine Spezialität sind saarländische Texte zu bekannten Hits, zu „Sex Bombs“ von Tom Jones beispielsweise. Bei Peter heißt es statt Sex Bombs ,,Sechs Bombe Bier. . . .drunner geht da nix. Ich hänged uff da Couch erum mit Bier unn Grumbeer-Chips. . .“ Montags spielt er ab und zu mit den Kumpels von einst und heute im eigenen Gasthaus. Und zum Thema Lodderleben meint er: ,,Ich habe 15 Jahre davon geträumt, ob ich mich von meinem Hobby, dem Blues-Rock ernähren und in den Tag hinein leben könnte.“



Hartes Experiment

Jetzt, an diesem Dienstag, will er es wissen. Fünf Tage spielen und davon leben, was Passanten in den Hut werfen. Zusammen mit Alex geht er auf Tour als Straßenmusiker. Alex ist ein junger Kerl, den er in der Saarbrücker Bahnhofstraße traf. „Der spielte und sang Lieder so aus meiner Richtung. Wir sangen zusammen den Eric-Clapton-Song „Before accuse me“ und binnen fünf Minuten lagen 16 Euro im Gitarrenkasten. 16 Euro für einen Song!“ Alex meinte: „Wenn wir zusammen spielen, könnten wir mehr einnehmen und meinen 300 Euro Tages-Rekord brechen.“

Zwei Wochen später war er unterwegs nach Landau zu Alex, von dem er eigentlich nicht viel mehr wusste, als dass er 24 Jahre alt ist, aus Merzig kommt, eine Freundin und eine zwei Jahre alte Tochter hat, Emma, von der er ein Foto dabei hatte: ,,Ein süßer Fratz“. Fünf Tage wollen sie unterwegs sein. Und dann Bilanz ziehen: Kann man leben von der Straßenmusik? Und wo geben die Leute am meisten? Von Landau fahren sie südlich, überlegen, wo sie starten sollen: „Baden-Baden ist vielleicht doch zu mondän. Freudenstadt klingt nach Spaß.“

Sie entscheiden sich für Freiburg. Um 19 Uhr kommen sie an, checken im City-Hotel ein. DZ für 110 Euro die Nacht. Duschen. Und dann geht's los. Erster Auftritt im Irish Pub. Dort ist ,,open stage“. Jeder darf singen und spielen. Nach ihnen spielt ein Mädchen, ,,das aussieht wie Lena Meyer-Landrut und auch so auf der Gitarre schrammelt.“ Und nach der kam „dann ein wirklich guter Ami. Der singt „It's a little bit funny“ von Elton John und dann die Songs von Eric Clapton. „Alle sind Claptonmanen“, notiert der Peter. Fazit des ersten Abends: kaum was eingenommen, aber Spaß gehabt.



Über 100 Euro in Münster erspielt

Start am nächsten Morgen um neun Uhr auf dem Freiburger Münsterplatz. Um zehn Uhr sind 25 Euro im Kasten. Alex spielt und singt allein, ,,Loosing my religion“. Nichts kommt in den Kasten. Peter schreibt in sein Tagebuch: „Loosing my religion vor dem Münster spielen, kann kein Glück bringen.“ Dann kommt Vera, 41, eine Obdachlose vorbei, „die kaum noch einen Zahn auf der Kauleiste hat, und sagt, ich wäre der deutsche Tom Jones. Die Frau hat Geschmack.“ Sie lebt seit zehn Jahren auf Platte. Sie bietet ihm Rotwein aus einer Plastikflasche an. Er lehnt ab: „Ich wollte meine Zähne noch behalten.“ Alles in allem läuft es in Freiburg nicht schlecht: ,,Gegen Mittag haben wir über 100 Euro erspielt, müssen dann die vom Ordnungsamt verhängte Pause von vier Stunden einlegen.“ Am Donnerstag wollen sie nach Schaffhausen. Schaffhausen klingt nach Arbeit. Sie entscheiden sich für – ,,nomen est omen“ – Singen. Nach einer Stunde sind 24 Euro im Kasten. Peter bekommt von einer Frittenbude eine Currywurst geschenkt, und eine Frau vom Kaffee-Kiosk gießt ihm Kaffee ein. Fazit: „Von Musik kann man essen und trinken.“

Sie fahren weiter nach Konstanz. Ein Endfünfziger, offenbar ein Amerikaner, wirft zehn Euro in den Koffer: ,,Good music, where you come from?“ ,,We came from Saarbrücken, near the french border“ ,,Oh, my Girlfriend lives there.“ Und dann fragt er Peter, ob er einen Titel von Joe Cocker singen könne. Peter singt ,,Summer in the City“. ,,Great”, sagt der Ami. Es fliegen erste Fünf- und Zehn-Euro-Scheine in den Kasten.

Sie checken in einer Pension ein, für 98 Euro im DZ: ,,Um 23 Uhr ist in Konstanz nichts mehr los. Die haben die Lichter ausgeknipst in den Kneipen.“



Am Freitag fährt Peter mit dem Schiff über den Bodensee nach Überlingen, will`s heute mal allein wissen. Zehn Uhr früh. Wenig Leute unterwegs, viele Rentner, die betucht aussehen, aber nichts in den Koffer werfen. In zwei Stunden nimmt er 18 Euro ein. Die Schiffstickets waren teurer.

Samstag. Abfahrt nach Straßburg. In der Fußgängerzone viele Menschen, aber kein Straßenmusiker: „Die Franzosen schnippten im Takt mit den Fingern und zogen weiter. Nach zwei Stunden 1,60 Euro eingenommen.“

,,Saarbrigge is halt doch die bescht Stadt im Reich“

Sie fahren zurück nach Saarbrücken. Peter Ruppel macht eine Flasche Riesling auf, bestellt sich im eigenen Restaurant Sauerbraten mit Klößen. Alex zieht noch mal los, spielt allein auf der Bahnhofstraße. Nach zwei Stunden hat er 90 Euro. Peter sagt: ,,Saarbrigge is halt doch die bescht Stadt im Reich.“

Fazit: Peter rechnet hoch. Er hat pro Tag etwa 90 Euro eingenommen, an fünf Tagen macht das zusammen 450 Euro. Mit dem Auto fuhr er rund 800 Kilometer, „mal 0,30 Euro pro Kilometer sind das steuerlich gesehen 240 Euro. Und die sonstigen Unkosten für mich waren etwa 200 Euro. Unterm Strich ging es plus minus Null auf. Aber wir hatten Spaß. Immer, wenn wir die Leute zum Zuhören brachten, hat die Kasse geklingelt. Er will es noch mal versuchen. Vielleicht in München: ,,Da muss man sogar bei der Behörde vorspielen. Eine Art Casting. Wenn man gut ist, bekommt man einen Stammplatz. Das nächste Mal nehme ich ein Wohnmobil, um die Hotelkosten zu sparen.“
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