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Maas und Steinmeier stapfen durch Völklinger Saarschmiede

Bekleidet mit Schutzmantel, Schutzhelm und Schutzbrille stapft Heiko Maas neben dem SPD-Kanzlerkandidaten über den staubigen Boden der riesigen Halle der Saarschmiede. Neben Frank-Walter Steinmeier und Saarlands SPD-Spitzenkandidat werden hunderte Tonnen schwere Stahlstücke in haushohen Öfen erhitzt. Vor ihnen schmiedet eine gewaltige Maschine ein tiefrotglühendes Werkstück. Gigantische Ketten wuchten das Gebilde in die richtige Position.

Manipulator heißt das Ungetüm und die mitgereisten Journalisten feixen, als der Schichtführer Steinmeier ausgerechnet in „den Führerstand des Manipulators bittet“. Viele der Teile, die hier entstehen seien für den „superkritischen“ oder sogar den „ultrasuperkritischen Einsatz“ in Kraftwerken gedacht, erklärt ein Mitarbeiter in komplizierter Technikersprache seinen Gästen. „Ultrasuperkritisch“ ist die Lage der SPD im Bund durchaus auch.

Und zumindest heikel könnte für Steinmeier auch die Zukunft von Heiko Maas sein. Die entscheidet sich am kommenden Sonntag, wenn 820.000 Saarländer ein neues Parlament wählen. Kurz vor der Bundestagswahl könnte Maas mit der Linkspartei und den Grünen ein Bündnis schmieden. Das erste rot-rot-grüne Bündnis, das erste Linksbündnis überhaupt in einem West-Land. Heiko Maas, 42 Jahre alt, Jurist, Vater von zwei Söhnen, von seinen Wahlkämpfern auf Plakaten als „Neuer Mann“ mit Drei-Tage-Bart in Modelpose inszeniert, könnte die Landtagswahl gewinnen; trotz des vielleicht schlechtesten SPD-Ergebnisses aller Zeiten im kleinsten Flächenland der Republik. Aber nur, wenn die Grünen mitmachen. Klarheit darüber gibt es erst nach der Wahl.

1994 zog Maas in den Landtag ein, war unter Ministerpräsident Oskar Lafontaine Staatssekretär, später unter dessen Nachfolger Reinhard Klimmt Umweltminister. Von 1998 bis 1999. In jenem Jahr wurde Peter Müller Regierungschef, mit absoluter CDU-Mehrheit. Nach Lafontaines Rücktritt als SPD-Chef und Finanzminister hatte die Saar-SPD die Wahl knapp verloren, 2004 dann mit Pauken und Trompeten. Spitzenkandidat damals: Heiko Maas. Nun könnte Maas Ministerpräsident werden - von Lafontaines Gnaden. Ein Detail, das Steinmeier zumindest nicht öffentlich umtreibt. Zu froh sind die Sozialdemokraten, dass sie vor der Bundestagswahl einen Erfolg, einen langersehnten Erfolg verbuchen könnten. Trotz Lafontaine.

An der vorletzten Station seines Besuchs blickt Steinmeier in ein 15 Meter tiefes Fundament für eine neue Riesenpresse. Es ist ein Blick in einen Abgrund. Am selben Tag hatte er einen weiteren demoskopischen Dämpfer erhalten: Wenn die Deutschen ihren Kanzler direkt wählen könnten, bekäme Angela Merkel 64 Prozent der Stimmen, er selbst gerade einmal 23. Das ist der größte Abstand, den das ZDF bei diesen Umfragen seit 1977 bei der sogenannten K-Frage registriert hat. Müller an der Saar aus dem Amt zu drängen, einen Machtwechsel zu erreichen, das könnte auch für die Bundestagswahl helfen, hoffen die Sozialdemokraten in Berlin.

„Wer hilft hier denn eigentlich wem“, fragt ein Reporter bei der Schlussrunde zum Verhältnis der beiden Spitzenkandidaten. Steinmeier ist vor glänzenden Stahlteilen postiert worden. Sie sind für Europas Ariane-Raketen bestimmt. „Teure Einzelstücke, die nach ihrem Einsatz in der Atmosphäre verglühen“, hatte ein Stahlwerker kurz vor den Statements stolz erklärt. „Wir gehören einer Partei an, und Solidarität wird in der SPD groß geschrieben“, sagt Steinmeier salomonisch. „Deshalb unterstützen wir uns gegenseitig“. Über mögliche Koalitionen entscheide im übrigen die Landespartei allein.

Der Heiko habe immer offen über alle Möglichkeiten gesprochen, da gebe es kein Problem. Fest stehe für ihn: „Das Saarland braucht einen Neubeginn, braucht neuen Schwung“. Und der werde nicht von Müller kommen. „Und der wird auch nicht von Oskar Lafontaine kommen“, sagt der Kanzlerkandidat. Lafontaine denke nicht nur im Gestern. „Der ist eben auch ein Mann mit Konzepten von Gestern.“ Er freue sich über die Chancen der SPD an der Saar. „Wie der Ausgang auch immer kommt, er wird natürlich auch mit Blick auf Berlin und die Bundestagswahl interpretiert werden“, sagt Steinmeier und fährt zum nächsten Termin.

Auf Maas warten weitere SPD-Promis, auch Steinmeier wird noch mal wieder kommen. Über mangelnde Fürsorge aus Berlin kann sich Maas nicht beklagen. Das war schon mal anders. Damals, als Maas den Berlinern mit seiner Kritik an der Agenda 2010 mächtig auf die Nerven fiel. Nun ist er ein Hoffnungsträger, einer, dem sie nach einem Machtwechsel an der Saar mehr zutrauen. Doch dafür muss er nun erst mal die Kurve kriegen. „Die Menschen haben von Müller die Schnauze voll“, sagt Maas. Er und seine Partei haben Oberwasser, obwohl die eigenen Zahlen gar nicht so rosig sind. „Dass wir eine gute Stimmung haben, liegt daran, dass wir eine Machtperspektive haben.“

Die „gute Stimmung“ ist fast untertrieben. Vor allem im Umfeld von Maas herrscht blanke Euphorie. Manche sind so euphorisch, dass er hinter den Kulissen „schon mal auf die Bremse treten muss“, wie Maas in einem ruhigen Moment verrät. Rot-rot-grün würde er gerne vermeiden, genau wie die Grünen. Die Ampel mit FDP und Grünen ist der größte Wunsch, doch die Demoskopen halten das für wenig wahrscheinlich. FDP-Chef Christoph Hartmann hält es sogar für so wahrscheinlich, „wie dass der 1. FC Saarbrücken in diesem Jahr Deutscher Meister wird“ und setzt ganz auf schwarz-gelb.

Oskar Lafontaine hatte auch um einen Termin in der Schmiede gebeten. Doch das Management habe das nicht gewollt, sagt Linken-Landeschef Rolf Linsler. Dabei habe der Ex-SPD-Ministerpräsident Lafontaine mit seinem Einsatz erst die Zukunft der Schmiede gesichert und den großen Erfolg des Vorzeigeunternehmens ermöglicht. Aber Lafontaine nutzt ohnehin andere Bühnen. Wie Müller und Maas besucht er die vielen Feste im Land. Doch die Zahl seiner Termine schwankt und die Schlagzahl hängt von seiner Lust ab, erzählt ein Mitarbeiter. Ein Selbstläufer ist der Wahlkampf nicht, zu Kundgebungen strömen nicht immer die Massen. Nicht wenige Gäste bestaunen den Oskar mehr, als dass sie ihn bewundern.

In der Linkspartei ist das anders. Auch beim Sommerfest der Linksfraktion. Die Besucher schwitzen, Kellnerinnen drängen sich durch die Menge und verteilen im Akkord Bierkrüge, es riecht nach Gegrilltem. Die Sonne über dem Saarland hat das kleine und überfüllte Festzelt am Burbacher Weiher im gleichnamigen Saarbrücker Problemstadtteil in ein Treibhaus verwandelt. Eine Party-Band spielt.

Als Lafontaine einzieht, spielt die Kapelle: „Wenn nicht jetzt, wann dann“. Die Stimmung kocht; vielen Genossen macht der Auftritt trotz Hitze eine Gänsehaut, etliche springen auf, klatschen, rufen „Oskar, Oskar“. Um ihn drängen sich Bewunderer und Fernsehteams. „Wenn nicht du, wer sonst?“ heißt es in der Hymne der Kölner Kultband De Höhner weiter. Und: „Komm` bleib dir selber treu, es gibt nichts zu bereun.“ Es ist der perfekte Soundtrack zu einem Landtagswahlkampf, der vor zwölf Monaten mit der Nominierung Lafontaines zum Spitzenkandidaten begann. „Legt noch eine Schippe drauf“, ruft Linsler. Alle müssten helfen, damit Oskar noch mal den Sprung in die Staatskanzlei schafft. „Und jetzt wird Oskar zu Ihnen sprechen.“ Und das tut er. Eine Stunde lang arbeitet er sich an der Konkurrenz ab, geißelt Gier und Bankenmacht, Armut und soziale Kälte. „Die Linke macht diese Wahl an der Saar spannend. Die Linke hat die Politik an der Saar aufgemischt. Und ich trete an, um wieder Ministerpräsident zu werden“, ruft Oskar und dabei grinst der 65-Jährige bis über beide Ohren.

Seine Gegner sind sich sicher, dass der Ex-Oberbürgermeister, Ex-Ministerpräsident, Ex-Bundesfinanzminister und Ex-SPD-Vorsitzende nicht ernsthaft mehr nach einem Amte im Saarland greift. Müller wie Maas werfen ihm vor, die Leute an der Nase herumzuführen. Das lässt Lafontaine nicht auf sich sitzen. Sollte die Linke am 30. August stärker werden als die SPD, werde er auf den Chefsessel bestehen, betont Lafontaine. Wenn nicht, und das habe er immer gesagt, werde er weiter in Berlin Politik machen. Dann grinst er wieder. Umfragen zufolge muss er sich über ersteres ohnehin keine Gedanken machen. Die SPD liegt stabil vor der Linken. Sehr zur Erleichterung vor allem von Heiko Maas - und möglicherweise auch von Oskar Lafontaine.

Lafontaine habe seine Chance gehabt und Heiko Maas sei an diesen Versuchen beteiligt gewesen, sagt Peter Müller. Er selbst und die CDU hätten das Land danach wieder geflickt, zum Erfolg geführt. „Auf diesem Weg wollen wir weiter gehen.“ Rot-rot würde das Saarland ins Abseits führen, bundesweit lächerlich machen, sagt Müller. Er wandert durchs Land, besucht ein Sommerfest nach dem anderen, schüttelt Hände, redet mit den Menschen, schüttelt sich vor Lachen und vor Freude. Der Landesvater ist immer mittendrin. Ihm liegt das, den Sommerwahlkampf hatte er sich gewünscht. Er trinkt hier ein Bier und isst dort einen Schwenkbraten. „Für die Figur ist so ein Wahlkampf nix“, scherzt Müller und lacht. Eigentlich hatte er abnehmen wollen, doch dieses Thema hat er vertagt. Kein Fest ist vor dem Peter sicher.

Auch an jenem Sonntag entkommt dem Peter Müller kaum jemand. Er steht im blauen Kurzarmhemd am Strandbad-Eingang in Bosen. Ständig kommen Menschen, Touristen, Besucher, Bekannte. „Ja, grüß Dich“, sagt der Regierungschef oder „Schön, dass ihr da seid“. Manche umarmt Müller, manchen gibt er die Hand. Alle bekommen ein Lächeln, viele ein Foto. Die Landes-CDU feiert Sommerfest. Die Kanzlerin kommt, bereits zum vierten und nicht zum letzten Mal in diesem Jahr. Von der absoluten Mehrheit hat sich die Union längst verabschiedet, nun muss es mit der FDP weitergehen. Dafür muss Müller kämpfen und das bei jedem Wetter. Heute, an Mariä Himmelfahrt, hat der Peter Glück.

Es ist brechend voll am Bostalsee. Die Sonne brennt vom Himmel, der sich weit und blau über die grünen Hügel spannt. Zwischen CDU-Aktivisten, Grillbuden und wartenden Kamerateams schleppen Urlauber ihre Luftmatratzen zum Ufer. Am Strand, etwas abseits der großen Bühne und der Absperrungen tummeln sich tausende Badegäste und manche beobachten interessiert das Gewese, das der Wahlkampf-Zirkus am Freizeitsee auslöst. Kleine Jungs in Badehose stehen staunend vor Sicherheitsbeamten und Fernsehleuten. Aus den Boxen an der Bühne plärrt Eros Ramazotti, manchmal übertönt von „Peter, Peter“-Rufen des „PMT“, des „Peter-Müller-Teams“ der Jungen Union. In einer Box können Festgäste versuchen, das „R“ noch markanter zu rollen, als Müller.

Später, nachdem Angela Merkel über den Platz gegangen ist, fürs Foto an einem Bier genippt und ihre Rede gehalten hat, geht Müller in die Bütt. Er liebt das und er kann das. Er schimpft auf Maas, spricht über seine Erfolge und warnt vor rot-rot. Es könne doch nicht sein, dass die Saarländer ausgerechnet Lafontaine zu einem Comeback verhelfen, ruft er. „Das wäre das zweitstärkste Comeback nach Lazarus“, setzt der Katholik hinzu. Die mit orangenen Sonnenschützern ausgestattete Zuhörerschar johlt. Auch als er Maas, der keine Koalitionsoption ausschließen mag, diesen Satz um die Ohren haut: „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“

Über konkrete Inhalte verliert er kaum Worte. Den Parteien fehlt ein zündendes Thema. „Aber das ist eigentlich ein Kompliment für die Landesregierung. Der Opposition gelingt es nicht, Themen zu benennen, die wirklich zu intensiven Kontroversen führen“, sagt Müller. „Der Wahlkampf ist inhaltlich daher in seiner Tiefe begrenzt. Wir sehen das als gutes Zeichen.“ Als Müller diese Sätze sagt, steht er nicht strahlend in einer Menschenmenge, sondern sitzt am Gästetisch in seinem Büro in der Staatskanzlei. Zufrieden wirkt er und gelassen. Manche in seiner Umgebung staunen über die wiedererwachte Kampfeslust des 53 Jahre alten „Jungen Wilden“. Ausgerechnet von Maas und Lafontaine mag er sich nun wirklich nicht aus dem Amt jagen lassen.

„Der Lack bei Lafontaine ist ab“, sagt Müller überall wo er auftritt, selbst ein wenig davon überrascht, dass die Umfragen für die Linke nicht so toll sind wie von ihm befürchtet. Sein Plan, ein Duell Müller gegen Lafontaine zu inszenieren, ist nicht aufgegangen. Nun warnt er vor rot-rot. „Auf dieser Grundlage führen wir den Wahlkampf. Wir müssen bewusst machen: Wer Maas wählt, bekommt am Ende Lafontaine.“ Das soll vor allem die eigenen Leute motivieren. Die hatten bei den Kommunalwahlen teils herbe Niederlagen einstecken müssen. Das sei überwunden „Die Stimmung in der Partei ist gut, die Mobilisierung funktioniert“, sagt Müller. Darauf wird es ankommen. Die demoskopischen Bewegungen in den Lagern sind gering. Am Ende wird wohl eine Größe über den Sieg entscheiden: Die Wahlbeteiligung.
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