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Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, verbergen ihre Schwäche oft aus Scham

„Wenn einer nicht lesen und schreiben kann, dann ist er ein Dummkopf“ – dieser Meinung ist Herbert Schmitt (Name von der Redaktion geändert) schon oft begegnet. Denn der 63-Jährige gehört zur Gruppe der funktionalen Analphabeten, also Menschen, die nicht oder nur sehr schwer lesen und schreiben können. Diese Schwäche begleitet ihn schon fast sein ganzes Leben lang – erst seit einigen Monaten besucht er einen Kurs der Kreisvolkshochschule (KVHS) im Alphabetisierungszentrum in Saarlouis .

Angefangen hat alles eigentlich wie bei jedem anderen Kind, erinnert sich Schmitt: „Ich bin 1959 in die Schule gekommen. Die ersten zwei Jahre bin ich mitgekommen, dann ging's los: Ich bin in die letzte Reihe gesetzt worden, weil ich nicht mitkam. Ich bin dann so mitgezogen worden und in den Sechziger Jahren hat die Schule gesagt, ich soll in die Sonderschule.“ Zu dieser Zeit war das die übliche Vorgehensweise – wie Klaus-Peter Fuß von der KVHS vermutet – bei seiner Legasthenie : „Wer nicht mitkommt, kommt weg.“
 

Kein Schulabschluss

Die Sonderschule hat Schmitt mit 15 Jahren ohne Abschluss verlassen, um arbeiten zu gehen. Schreiben hat er in der Zeit nicht gelernt, Lesen hat er sich selbst beigebracht. „Meine Mutter ist mit mir auf Arbeitssuche gegangen und hat meinem ersten Chef gesagt, ich kann nicht lesen und schreiben“, erinnert er sich, „dieser hat gesagt: Hauptsache, er kann schaffen.“

So kam er zu seiner ersten Stelle, die er erst nach zwölf Jahren verlor, als die Firma zumachte. 1980 begann er, in einem anderen Unternehmen zu arbeiten, „und es war für mich die Hölle“.
 

Ausflüchte aus Scham

Durch Fleiß und gute Arbeit schaffte er sich „jedes Jahr ein bisschen“ voran – aber „wenn mein Chef zu mir kam und mir eine höhere Stelle anbot, musste ich immer ablehnen“. Er schob dann Ausreden vor, er habe keine Zeit oder wolle die Beförderung nicht. Davon, dass er nicht schreiben konnte, war schließlich nichts bekannt.

„Ich hatte immer ein Buch dabei, um Wörter nachzuschlagen“, erklärt er, und in spontanen Situationen hat er nach Ausreden gesucht. „Oh, ich habe meine Brille nicht dabei“ oder „meine Hand ist verletzt“ waren Erklärungen, um nicht vor anderen schreiben zu müssen. Typische Verhaltensmuster, die durch die Scham entstehen, enttarnt zu werden. „Ich kann mit der Situation nicht so locker umgehen“, meint Schmitt, selbst Freunde und Bekannte wissen bis heute nichts von seiner Situation.
 

Probleme mit wichtiger Post

„Sehr oft im Leben“ ist es ihm passiert, dass sein Unverständnis ausgenutzt wurde – was zu Schulden und sogar zur Privatinsolvenz führte. „Ich hatte die falschen Freunde “, erzählt er, die seine Unwissenheit erkannten und gegen ihn verwendeten. Probleme mit der Bank haben seine Situation verschärft, erklärt er, „ich konnte den Banken ja auch nie zurückschreiben“. Erst der Gang zur Schuldnerberatung hat ihm die notwendige Hilfe gebracht.

Heute lebt Schmitt von seiner Rente und einem 450-Euro-Job. Von dem Kursangebot in Saarlouis hat er durch eine Radiokampagne erfahren, begonnen hat er im März. Erste Fortschritte bemerkt er bereits, „ich habe mir jetzt auch einen Laptop gekauft“. Bis er aber etwa eine E-Mail schreiben kann, sei es noch ein weiter Weg. Sein Traum? „Ich würde gerne den Führerschein machen und einen Schulabschluss.“

 

Zum Thema:
Rund 18 000 Menschen im Kreis Saarlouis sind nach Schätzungen funktionale Analphabeten. Das sind Menschen, die große Schwächen im Lesen oder Schreiben haben, es teilweise gar nicht beherrschen. Im ganzen Saarland betrifft dieses Problem rund 90 000 Erwachsene, deutschlandweit sind es etwa 7,5 Millionen. Es handelt sich dabei oft „um Menschen, die schon mal Lesen und Schreiben gelernt haben“, erklärt Klaus-Peter Fuß von der Kreisvolkshochschule Saarlouis . Viele haben diese Kenntnisse jedoch verlernt oder „nie richtig aufgenommen“. Eine weitere Gruppe sind ausländische Bürger, die gar kein oder ein anderes Schriftsystem beherrschen. Im Alltag fällt das oft nicht auf, denn es gibt typische Mechanismen, um die Schwäche zu verbergen. Das wirkt sich sowohl im sozialen als auch im beruflichen Umfeld aus – denn immerhin haben laut Fuß zwischen 40 und 50 Prozent der funktionalen Analphabeten Arbeit. Dabei handelt es sich meist um „eher einfache Berufe“, denn Aufstiegschancen gibt es ohne Lese- und Schreibfähigkeit kaum. bsch

 

Zum Thema:
 Diverse Angebote sollen funktionalen Analphabeten helfen, ihre Schwäche zu überwinden. Ziel ist eine berufliche, sozialen und ökonomische Teilhabe. Kurse gibt es sowohl an der KVHS in Saarlouis als auch an der Volkshochschule in Dillingen und bei der Katholischen Erwachsenenbildung in Lebach. Der kostenlose Unterricht findet in Saarlouis in Kleingruppen mit maximal acht Teilnehmern statt, zurzeit trifft sich die Gruppe donnerstags ab 15.30 Uhr für drei Stunden. Hierbei wird größter Wert auf Anonymität gelegt. Wer Informationen oder eine Beratung wünscht, bekommt diese beim Alfa-Telefon Saarbrücken: Mechthild Müller-Benecke, Tel. (06 81) 93 89 38, bei der KVHS, Iris Altmaier, Tel. (0 68 31) 44 43 14, und beim Amt für Schulen, Kultur und Sport, Giusy Vella, Tel. (0 68 31) 44 44 26. bsch
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