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„Musik hinter Gittern“: Zweibrücker Häftlinge sollen ihr Selbstvertrauen stärken

Zweibrücken. Die Kirche ist klein, die Einrichtung schlicht, aber warme Brauntöne lassen sie einladend wirken. Vorne rechts, direkt vor den Sitzbänken, steht ein Klavier. Dort unterrichtet Musiklehrer Jürgen Rabung seinen Schüler Hakan T. „Welcher Ton ist das?“, fragt er und schlägt eine Taste an. Hakan überlegt, lässt sich Zeit für seine Antwort. „Ein g?“, fragt er dann. „Genau“, antwortet Rabung.
Eigentlich ist das eine normale Szenen aus einem normalen Klavierunterricht. Eigentlich, denn die Kirche ist keine gewöhnliche Kirche, und Hakan T. kein gewöhnlicher Schüler. Hakan ist in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Zweibrücken inhaftiert, und das Gotteshaus die Gefängniskirche im Männertrakt.

Klavierunterricht im Knast. Die scheinbar ungewöhnliche Maßnahme in der JVA Zweibrücken hat die „Internationale Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation“ angestoßen. Mit ihrem Programm „Musik hinter Gittern“ fördert sie bundesweit Klavierunterricht in Frauen- und Jugendgefängnissen. Auch in Zweibrücken begann es so. „Die Stiftung kam 2006 auf uns zu“, sagt Sandra Gauf, die Leiterin des Frauendezernats in der Zweibrücker JVA, und ermöglichte inhaftierten Frauen, das Klavierspiel zu erlernen. Drei Jahre lang finanzierte die Stiftung den Unterricht in der JVA – für inhaftierte Frauen und Jugendliche. Nach dem Auslaufen des Projekts „wollten wir das aber weiterführen und nun auch den Männern die Chance zum Unterricht geben“, erzählt Gauf. Sie berichtet, dass inzwischen die rheinland-pfälzische Landesregierung den Unterricht finanziert. Bis heute haben in Zweibrücken 41 weibliche und 45 männliche Gefangene an dem Projekt teilgenommen.

Hakan T. ist einer von derzeit vier männlichen Klavierschülern. Es ist erst seine fünfte Unterrichtsstunde, Vorkenntnisse hatte er keine. „Ein Türke und ein Klavier, diese Kombination gibt es meines Wissens eher selten“, sagt der 40-Jährige und schmunzelt. Das Spielen auf den vielen Tasten fällt ihm noch schwer. Jürgen Rabung erklärt geduldig die Noten des Stücks aus dem Übungsbuch. „C, h, a, g, f geht es hier runter. Ich spiele es dir noch mal vor.“ Danach wiederholt Hakan die Melodie, während sein Lehrer den Takt laut mitzählt.

Hakan ist kräftig gebaut, trägt eine Trainingsjacke des spanischen Fußballclubs FC Barcelona. Seinen Hals schmückt eine dicke Gliederkette aus Silber. Obwohl er eher aussieht wie der Türsteher eines Nachtclubs, wirkt er ruhig, fast schon schüchtern. Dabei sitzt er wegen Körperverletzung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz ein. Für ihn bietet der Klavierunterricht eine Abwechslung vom Alltag in der JVA: „Ich kann etwas Neues lernen. Vorher hab ich noch nie ein Instrument gespielt“, gesteht Hakan. Einmal in der Woche sitzt er für 45 Minuten im Musikunterricht. Die Teilnahme ist an keine Bedingungen geknüpft, aber da Jürgen Rabung mit seinen Schülern in der Gefängniskirche alleine ist, „sollten es nicht unbedingt die Gefangenen sein, für die besondere Sicherheitsmaßnahmen gelten“, sagt Gauf.
Bedenken oder Sorgen, mit den Häftlingen alleine in einem Raum zu sitzen, hat Musiklehrer Rabung nicht. Für ihn unterscheidet sich der Unterricht nicht wesentlich von dem außerhalb der Gefängnismauern. Eines der Anliegen der „Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation“ sei es, einen inneren Zugang zu den Häftlingen zu finden, erklärt Hartmut Zimmermann, Mitglied der Stiftungsleitung. Deshalb unterstütze die Stiftung vor allem Jugendgefängnisse. „Bei Jugendstraftätern hat die Musik den größten Einfluss“, behauptet Zimmermann, der den Unterricht als Resozialisierungsmaßnahme versteht: Die Teilnehmer sollen Disziplin und Konzentration lernen.

Insgesamt 14 Gefängnisse fördert die Stiftung derzeit und ermutigt die Anstaltsleiter nach den drei Förderjahren, den Unterricht selbstständig weiterzuführen. In den 14 Jahren, in denen das Projekt besteht, sind deutschlandweit 20 Anstalten gefördert worden. Ob die Klavierklänge die Häftlinge wirklich davon abhalten, rückfällig zu werden, darauf möchte Zimmermann sich nicht festlegen: „Mit Zahlen bin ich sehr vorsichtig.“ Spürbar sei aber, „dass das Selbstwertgefühl der Häftlinge beim Lernen steigt“. Das findet auch Hakan. „Wenn ich ein neues Stück schaffe, dann fühle ich Stolz. Dann bin ich zufrieden mit mir“, sagt er. Seiner Familie hat er aber noch nichts von seinem neuen Hobby erzählt, bisher spielt er nur für sich. „Das mache ich aber noch.“

Dann wird weiter geübt – und zwar vierhändig. „Du die erste, ich die zweite Stimme“, sagt Klavierlehrer Rabung. Noch etwas unsicher drücken Hakans Finger die schwarzen und weißen Tasten – konzentriert, glücklich.
 
Am Rande
In der JVA Ottweiler gibt es seit Anfang Februar ein Projekt namens „Klavier im Knast“. Fünf Gefangene aus dem Wohngruppen-Vollzug der Jugendlichen nehmen daran teil. Die Gefängnisleitung hofft so, deren „Durchhaltewillen“ und „Selbstwertgefühl“ zu steigern. Finanziert wird das Projekt durch die Aktion Herzenssache und dem Verein zur Förderung von Kunst und Kultur im Saarländischen Strafvollzug. pal

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