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Nazi-Schläger machen Dillingen unsicher

Dillingen. Ein Abend im vergangenen Sommer. Matthias Becker (richtiger Name der Redaktion bekannt) ist auf dem Heimweg von der Uni, als er im Zug von einem Neonazi angepöbelt wird. Becker erkennt sofort, wer ihn bedroht – der Mann ist in Dillingen als Schläger bekannt und Mitglied der sogenannten „Sturmdivision Saar“. „Ich bin mir nicht sicher, ob die Situation gewaltfrei abgelaufen wäre, wenn mich nicht Freunde am Dillinger Bahnhof abgeholt hätten“, erzählt der Student.

„Sturmdivision Saar“ – so nennt sich in kruder Anlehnung an die „Sturm“-Einheiten von Adolf Hitlers Schutzstaffel (SS) eine Gruppe von 30 bis 40 Rechtsextremen, die erstmals 2011 öffentlich in Erscheinung trat. Bei Naziaufmärschen in ganz Deutschland wurden Männer und Frauen im Alter von etwa 20 bis 50 Jahren beobachtet, die schwarze T-Shirts mit der Fraktur-Aufschrift „Sturmdivision Saar“ und einer stilisierten Triskele trugen. Die Triskele ist ein Symbol, das einem dreieckigen Hakenkreuz ähnelt und Nazi-Gruppierungen als Erkennungszeichen dient.

Doch wer genau steckt hinter der Truppe und welche Gefahr geht von ihr aus? Dem saarländischen Amt für Verfassungsschutz ist die „Sturmdivision Saar“ bekannt. Man ordne sie dem rund 90 Personen umfassenden „gewaltbereiten Kameradschaftsspektrum“ im Saarland zu, teilte das Amt auf SZ-Nachfrage mit. Laut Verfassungsschutz ist Dillingen „Treffmittelpunkt“ der Gruppe, öffentlichkeitswirksam in Erscheinung getreten sei die Gruppe bislang jedoch vornehmlich außerhalb der Landesgrenzen – etwa durch Teilnahmen an rechtsextremen Demonstrationen im vergangenen Jahr in Heilbronn, Gießen und Trier. Zu Beobachtungs-Details will sich der Verfassungsschutz jedoch grundsätzlich nicht äußern.

Die Antifa Saar hatte die „Sturmdivision Saar“ zuvor mit einem sogenannten „Recherche-Info“ öffentlich gemacht. Das Papier zeigt unter anderem ein Foto, auf dem Mitglieder der Gruppe vor einer Hakenkreuz-Flagge mit SS-Runen posieren und den Hitlergruß zeigen. Den Antifaschisten zufolge handelt es sich bei der „Sturmdivision“ eher um eine brutale Schlägertruppe als um ideologisch geschulte Kader. Als Haupt-Treffpunkt diente offensichtlich lange Zeit die Dillinger Kneipe „Pumpe“ in der Johannesstraße. Offiziell wurde diese zum 31. Oktober 2011 vom damaligen Betreiber, der laut Antifa selbst Mitglied der Neonazi-Gruppe ist, geschlossen. Die Stadtverwaltung Dillingen teilte der SZ mit, dass sie dem Mann zuvor ein Verfahren wegen der Nazi-Umtriebe und Lärmbelästigung angedroht hatte. Doch: Kai Müller (Name geändert), ein Jugendlicher aus Dillingen, berichtet uns, dass in dem Lokal noch immer unregelmäßig Kameradschaftstreffen stattfänden, Müller spricht auch von einer enormen Zunahme an „Nazi-Plakaten und -Aufklebern“ im Stadtbild, seit die Neonazis in Dillingen aktiv sind. Das bestätigen die Jusos des Landkreises Saarlouis. „Vor allem am Bahnhof haben die Nazi-Sprühereien zugenommen“, sagt ein Juso-Aktivist.

Am 19. Februar des vergangenen Jahres tauchten an mehreren Dillinger Gebäuden, darunter die Moschee, Hakenkreuze und fremdenfeindliche Sprühereien auf. Am 8. April schlugen zwei Männer und zwei Frauen sogar die Scheiben der Moschee ein. Die Täter gehörten laut Polizei in beiden Fällen zum „Umfeld der ‚Sturmdivision Saar’“. Auch ist mindestens ein Gewaltdelikt der Neonazi-Gruppe aktenkundig. So wurde das Sturmdivision-Mitglied Ralf W. am 19. Dezember vom Amtsgericht Saarlouis zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. W. hatte einen jungen Mann nach einer Demonstration anlässlich des Todestages des 2001 ermordeten Flüchtlings Samuel Yeboah abgepasst, angegriffen und mit einem Faustschlag ins Gesicht verletzt.

Die meisten Mitglieder der „Sturmdivision Saar“ treten laut Antifa seit Jahren öffentlich als Neonazis auf. So sollen drei von ihnen zum Beispiel im Februar 2009 – also bereits vor Gründung der Gruppe – in einem von der NPD organisierten Reisebus nach Dresden gesessen haben. Die Polizei bestätigte damals, dass mehrere Saarländer in dem Bus saßen. Teilnehmer der Reisegruppe hatten auf einem Rastplatz in Thüringen Gewerkschafter krankenhausreif geschlagen.

Laut Verfassungsschutz pflegt die „Sturmdivision Saar“ Kontakte zur rechtsextremistischen Szene „zumindest im südwestdeutschen Raum“. Die Antifa spricht von Verbindungen in die „konspirativ arbeitende Neonazi-Szene“. Austausch bestehe etwa mit Führungspersonen des sogenannten „Hammerskin“-Netzwerkes sowie zu einer früheren Führungsfigur der Saar-NPD.

Der Dillinger Stadtverwaltung sind die rechten Umtriebe ein Dorn im Auge. Man verurteile und bekämpfe fremdenfeindliche Äußerungen und Aktionen jeder Art, teilte Bürgermeister Franz-Josef Berg (CDU) der SZ mit. So sei der Bauhof seit Monaten angewiesen, Aufkleber, Plakate und Graffiti mit rechtsradikalen Inhalten sofort zu entfernen.

Den Jusos des Landkreises Saarlouis geht das nicht weit genug. Sie fordern noch mehr Engagement der Stadt im Kampf gegen Rechts, vor allem in der Präventionsarbeit. An Bürgermeister Berg haben sie sich im November mit einem offenen Brief gewandt. Berg will sich nun mit den Jungsozialisten zusammensetzen. red

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