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Neuer Platz für "Randständige" in Saarbrücken sorgt für gemischte Gefühle

Hinter diesem Gitter ist der Hof mit Toilettenhäuschen und Bänken an der Ecke Johannis-/Richard-Wagner-Straße, in den die Stadtverwaltung die Drogenkranken, die sich bisher an der Johanneskirche treffen, »umgesiedelt

Hinter diesem Gitter ist der Hof mit Toilettenhäuschen und Bänken an der Ecke Johannis-/Richard-Wagner-Straße, in den die Stadtverwaltung die Drogenkranken, die sich bisher an der Johanneskirche treffen, »umgesiedelt" hat.

Der Platz in der Richard-Wagner-Straße ist auffällig sauber. Zwei Leute plaudern angeregt unter einem Holz-Pavillon, etwa zehn weitere sitzen sich auf Bänken gegenüber. Ein Dixi-Klo steht vor einer Mauer, auf der ein acht Meter langes Graffiti zu sehen ist.

Ende August letzten Jahres weihte Bürgermeister Ralf Latz für eine Gruppe von Alkohol- und Suchtkranken, offiziell „Randständige“, den neuen Ort an der Ecke Johannisstraße/Richard-Wagner-Straße ein. Die Gruppe hielt sich zuvor hauptsächlich an der Saarbahnhaltestelle Johanneskirche auf. Dort gab es immer wieder Probleme: Anwohner und ansässige Geschäftsleute fühlten sich gestört; der Kirchgarten wurde als Toilette missbraucht. Der neue Platz sollte Abhilfe schaffen. Außerdem sollten die Menschen aus der Gruppe bei der Gestaltung des Ortes selbst mit anpacken und Verantwortung dafür übernehmen.

Wie hat sich die Situation ein halbes Jahr nach der Einweihung des neuen Platzes verändert? Geht die Gruppe tatsächlich dorthin? Und wurde er – wie geplant – weiter ausgebaut?

„Der neue Ort wird inzwischen sehr gut angenommen. Deshalb soll es bald auch ein zweites Klo geben, und der zweite Holzunterstand wird in Kürze eingeweiht“, sagt Guido Freidinger, Leiter des Amts für soziale Angelegenheiten der Stadt Saarbrücken. Die Gruppe kümmere sich zudem teilweise selbst darum, dass der Platz sauber bleibt. Das funktioniere bislang ganz gut. Fünf Leute aus der Gruppe sind zu besonderen Bedingungen beim Zentrum für Bildung und Beruf Saar (ZBB) angestellt. Dort haben sie geholfen, den zweiten Holzunterstand zu fertigen. Zudem haben sie auch beim Einebnen des Platzes mitgearbeitet.
 

Zwei Sichtweisen

Auch Heinz Schuh sieht die Entwicklung positiv. Er ist seit 35 Jahren Sozialarbeiter in Saarbrücken und arbeitet unter anderem mit den „Randständigen“. Er bestätigt vor Ort: „Sie sehen es ja: Gerade sind 13 Leute hier. Und alle hier sind Menschen, die sich ansonsten auch an der Johanneskirche aufhalten würden. Dort waren eben nur etwa fünf Leute. Die Situation an der Kirche hat sich entspannt.“

Ganz anders sieht das Reinhold Polenz. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens direkt an der Johanneskirche und sagt: „Die Maßnahme hat überhaupt nichts gebracht. Es sind auf keinen Fall weniger Leute hier an der Kirche geworden.“ Polenz erklärt, dass er den Leuten aus der Gruppe keinen Vorwurf machen möchte, die Situation sei aber einfach geschäftsschädigend. Potenzielle Kunden würden durch die Anwesenheit der „Randständigen“ davon abgehalten, ins Geschäft zu kommen. Ähnliche Erfahrungen bestätigt Momo Annan. Er arbeitet in einer Galerie an der Johanneskirche und sagt: „Es hat sich überhaupt nix verändert. Und man kann sehen, dass die Leute, die aus der Saarbahn aussteigen, einen großen Bogen gehen oder einen anderen Weg nehmen. Dadurch kommen weniger Leute zu uns.“ Doch wie kann es sein, dass der neue Platz einerseits gut angenommen wird, die Situation sich an der Johanneskirche aber gleichzeitig kaum verändert hat? Sozialarbeiter Schuh geht davon aus, dass es sich einfach um unterschiedliche Wahrnehmungen handelt. Es seien inzwischen durchaus weniger Leute an der Johanneskirche, das würde aber nicht von jedem so wahrgenommen, da eben immer noch einige der Alkohol- und Suchtkranken dort sitzen. Drei an der Johanneskirche ansässige Unternehmer, beziehungsweise deren Mitarbeiter, beteuern jedoch, dass sich an der Situation wenig bis gar nichts verändert habe.

„Gruppe ist größer“

Reinhold Polenz vermutet: „Wenn ich morgens zur Arbeit komme, sehe ich, dass an dem neuen Platz tatsächlich auch immer ein paar Leute sitzen. Aber hier sind es nicht weniger geworden. Ich denke, die Gruppe ist einfach insgesamt größer geworden.“ Wie groß die Gruppe tatsächlich ist, lässt sich schwer sagen. Sozialarbeiter Schuh erklärt: „Die Fluktuation in der Gruppe ist sehr groß. Manche kommen nur ein- oder zweimal hierher. Schätzungsweise sind es aber etwa 30 bis 50 Personen, die sich regelmäßig in dem Kreis aufhalten.“

Ein Mann, der seit Jahren zu der Gruppe gehört, sagt über den neuen Platz: „Ich gehe gerne hierher, weil man hier nicht mehr so im Fokus steht. Hier sind wir unter uns. Es ist eine ausgeglichenere Stimmung als vor der Johanneskirche.“ Meinung:
 

Verzweifelte wollen gesehen werden

Von SZ-RedakteurJörg Laskowski

Na, so was! Das kapiert doch keiner. Oder? Vielleicht doch. Geh'n wir die Geschichte noch mal durch – grob vereinfacht: An der Haltestelle Johanneskirche trafen sich jahrelang Menschen, die Probleme haben (offiziell: Randständige). Sie saßen dort in der Sonne und sahen oft nicht gesund aus. Manche tranken, manche nahmen Drogen oder Ersatzdrogen. Manche pinkelten in den Kirchgarten oder taten Schlimmeres. Das ging den Nachbarn – darunter die Stadtverwaltung – auf die Nerven. Zu Recht. Also beschloss die Verwaltung, Abhilfe zu schaffen. Sie suchte und fand an der Richard-Wagner-Straße ein schattiges Plätzchen, das ebenfalls als Treffpunkt für die Randständigen dienen sollte – um so die Haltestelle an der Kirche und deren Nachbarn zu entlasten. Am neuen Treffpunkt baute die Stadt einen Unterstand und ein Dixi-Klo auf. Dann bat sie die Randständigen, von ihrem Platz in der Sonne in den Schatten umzuziehen. Viele machten mit. Aber nicht alle. Sieben Monate später sagen Nachbarn der Kirche: Nix hat sich geändert. Obwohl doch etliche Randständige nachweislich freiwillig in den Schatten umgezogen sind. Wie kann das sein? Wahrscheinlich so: Immer mehr Leute haben Probleme. Und sie drängen ans Licht – in die Sonne an der Kirche. Ihre Zahl wächst genauso schnell, wie es uns gelingt, Ausweichtreffpunkte einzurichten. Und selbst wenn's langsamer geht. Es reicht immer noch, um uns zu zeigen: Hier stimmt was nicht. Egal wie viele Menschen mit Problemen wir in den Schatten bugsieren.
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