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Neues Musikfestival: Kulturminister lässt den Rock-Mann Thilo Ziegler ran

Ein Blick auf das  „Electro Magnetic“-Festival, das die Massen in die Hütte lockte.

Ein Blick auf das „Electro Magnetic“-Festival, das die Massen in die Hütte lockte.

Ein wenig paradox ist es schon. Da wird im Kulturministerium an einem massentauglichen Festival gebastelt, das die Gräben zwischen U- und E-Kultur schließen soll – und zeitgleich geht ein klassisches Festival der Hochkultur über die staatliche Unterstützungs-Wupper: die Musikfestspiele Saar . Pop frisst Klassik? Saar-Kulturminister Ulrich Commerçon ( SPD ) verwahrt sich gegen den Begriff Pop-Festspiele.

Angeblich sind die Planungen für sein neues Musikfestival bereits Monate alt. Viel, viel älter als der im Oktober öffentlich gewordene Bruch zwischen ihm und den Musikfestspielen Saar. Zwar hat der Kulturminister ein breites Kreuz, aber als Kulturvernichter lebt es sich dann doch nicht wirklich kommod. Ersatz musste her. Schnell. Dementsprechend holterpoltert sich der Minister durch Mediengespräche.

Erst in groben Umrissen ist das Konzept fertig, wurde Anfang November via Pressemitteilung bekannt gemacht (die SZ berichtete) und hat sich seitdem kaum präzisiert. Grenz- und gattungsüberschreitend soll die neue Biennale-Veranstaltung werden, ein junges urbanes Publikum erreichen und dem hiesigen Musiknachwuchs Perspektiven eröffnen. Diese Linie nickte am Dienstag auch das Kabinett ab, am selben Abend teilte Commerçon Journalisten mit, das eigentliche Profil sei noch in der Mache. Der Festivalleiter in spe werde es liefern. Denn: „Ich will keine Kultur machen, sondern Kultur ermöglichen. Das werden keine Minister-Festspiele.“ Fest steht: Hauptspielort wird Saarbrücken sein, die Festivaldauer liegt bei zehn bis 14 Tagen, die Veranstaltung läuft alle zwei Jahre. Commercons Wunschkandidat als Festivalleiter ist der aus Köllertal stammende erfolgreiche Rockkonzert-Veranstalter Thilo Ziegler. Der lässt es seit Jahren mit „Rocco del Schlacko“ in Püttlingen und mit dem „Electro Magnetic“-Partyfestival im Völklinger Weltkulturerbe für Zehntausende derart krachen, dass es auch überregional wahrgenommen wird. Letzteres imponiert dem Minister . Folgt man seinen Ausführungen, wird Ziegler allerdings das Festivalrad neu erfinden müssen. Musik soll ins Zentrum, aber auch „musikalisches Figurentheater“, „experimentelle Ballettformate“ und „Top-Acts aus dem Rock- und Popbereich“. Commercon sieht das Festival der „Avantgarde“ verpflichtet, möchte aber zugleich, dass auch junge Familien ihren Spaß haben. Ziegler muss also zusammenführen, was üblicherweise nicht zusammengehört: „hohe“ Kultur und Eventkultur. Wobei für Commercon gilt: „Es ist nicht Aufgabe des Landes, kommerzielle Kultur zu unterstützen, sondern Kultur zur Entfaltung zu verhelfen, die sich in Nischen aufhält.“ Warum fällt seine Wahl dann auf Ziegler, der bisher ausschließlich für populäre Kultur steht? Dessen Erfahrungs-Lücken sollen andere stopfen: Ziegler werde für seine Programmplanung ein künstlerischer Beirat zur Seite stehen, so der Minister . Partner aus der freien Szene, den künstlerischen Hochschulen und dem Staatstheater. Klingt nach einem Abschied vom klassischen Intendantenprinzip.

Etwa 350 000 Euro Landesgeld – wie bisher für die Musikfestspiele – will Commercon alle zwei Jahre in das neue Festival stecken: 100 000 Euro aus dem eigenen Haushalt, 100 000 Euro aus Tourismus- oder Kreativwirtschafts-Töpfen des Wirtschaftsministeriums und 150 000 Euro Lottogelder. Doch der Gesamtetat soll in Millionenhöhe schnellen, dank „zivilgesellschaftlichen Engagements“ und Sponsoren. Nicht nur in dieser Hinsicht traut der Minister Ziegler wohl sehr viel zu.
 

Potenziale wachkitzeln: Ein Gespräch mit Thilo Ziegler, dem Kopf des neuen Festivals


Mit „Rocco del Schlacko“ und „Electro Magnetic“ verantwor- tet Thilo Ziegler (35) die beiden größten Popfestivals des Saar- lands. Das kommende Festival soll etwas ganz anderes bieten – was genau, ist noch nicht klar.

Das Festival, das er nun leiten soll, hat Thilo Ziegler schon einige Jahre lang im Kopf. 2006 habe er Ex-Staatskanzlei-Chef Karl Rauber „so etwas“ schon mal vorgeschlagen. Dass das Kulturministerium auf einmal ganz ähnliche Ideen wie der ominöse Poprat entwickelt, dem „Rocko del Schlacko“-Kopf Ziegler (35) angehört, sei „relativer Zufall“, meint er. Und legt Wert darauf, dass vertraglich mit ihm nichts fixiert ist. Was aber schwebt dem designierten Leiter Ziegler nun konkret vor, was der Minister Commerçon nicht schon lanciert hat (siehe oben)?

Dass das Festival „nicht nur zum Konsumieren sein“, sondern auch Mitmach-Komponenten und „viele kostenlose Veranstaltungen“ haben, also auch Inhalt liefern soll. Beispiele? Dinge, die klarmachen, welche Instrumente Kinder lernen oder welches Profil Kreativberufe bieten könnten. Jeder einzelne Festivaltag müsse „eigenen Schliff“ bekommen und „von Mode über Lifestyle bis Film andere kreativwirtschaftliche Bausteine“ berücksichtigen. Klingt wie aus dem Poprat-Lehrbuch. Und wo soll die überregionale Ausstrahlung herkommen, das große Mantra der hiesigen Kulturpolitik, das man seit Jahr und Tag als Erlösungsvision vom landestypischen Minderwertigkeitskomplex monstranzartig vor sich herträgt? Die sei nur „über die Zeitlinie“ zu haben, „Besucherzahlen und große Namen sind erst mal nicht das Wichtigste“, meint Ziegler, der seit 2012 auch das „Electro Magnetic“ im Völklinger Weltkulturerbe verantwortet.

Die 350 000 Euro , die das Land künftig in sein neues Festival stecken wird, werden um erkleckliche Sponsorenmittel aufgestockt werden müssen. Siebenstellig dürfte das Budget sicher werden. Da kommt einer wie er wohl gerade richtig, der bislang nie öffentliche Fördergelder bekam, aber weiß, wie man ein Festival etabliert. Als er 1999, damals ging er noch zur Schule, mit Freunden „Rocko del Schlacko“ auf einer Bretterbühne aus der Taufe hob, kostete das 3000 Euro und mobilisierte 600 Leute. 2015 lag das Festivalbudget bei 2,5 Millionen und man zog 25 000 Leute.

Ziegler glaubt an das Saarland („funktionierende Unis, gute Lebensqualität, bezahlbare Wohnungen“) und will hier etwas bewegen. „Bewusstsein schaffen“ für die Potenziale der Kultur und Kreativwirtschaft. Bei ihm klingt es nicht nur nach marketinggetriebener Pop rat-Diktion. Er spricht aus Erfahrung. Man finde im Land der kurzen Wege leichter gute Leute, die auch verfügbar seien. Seine großstädtischen Kooperationspartner staunten regelmäßig. „Und dass man im Youtube-Zeitalter nicht mehr in Berlin auf dem Schoß von Universal oder Warner sitzen muss“, das zeigten hiesige Bands Genetikk und Powerwolf, die beide Nr. 1-Alben hinlegten. Qualität, will Ziegler sagen, kann also auch aus der Provinz kommen. Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ( CDU ) hat gestern mit einem Antwortbrief auf den offenen Brief von Robert Leonardy reagiert. Der Intendant der Musikfestspiele Saar hatte das Konzept des neuen Festivals des Kulturministers als drohende „Staatskultur“ kritisiert und vor allem die Existenz der Musikfestspiele als durch das neue Festival gefährdet bezeichnet (wir haben berichtet).

Kramp-Karrenbauer teilte gestern mit, dass sie Robert Leonardys Plan einer „verstärkt internationalen Ausrichtung“ seiner Musikfestepiele begrüße. Diese Überlegungen böten „aber sicher auch die Gelegenheit und gebieten es geradezu, über Veränderungen bis hin zu Alternativen zum bisherigen Angebot nachzudenken“. Unabhängig von der Neukonzeption eines Festivals durch Minister Commerçon bleibe es Leonardy „unbenommen“, seine „Vorstellungen eines zukünftigen Festivals in einem Antrag an das zuständige Ministerium und an den Aufsichtsrat der Saarland Sporttoto GmbH darzulegen und zur Beratung zu stellen“. Thilo Ziegler

Ulrich Commerçon  
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