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Neunkircher Ausstellung porträtiert Gestrandete am Berliner „Alex“

Da schaut man lieber weg als hin – und macht einen weiten Bogen um den münzrappelnden Pappbecher, der einem unter die Nase gehalten wird. Den Kopf dahinter, der nach ein bisschen Kleingeld fragt, nimmt man nicht wahr; zu schnell will man weggkommen von denen, die auf Plätzen gestrandet sind, die betteln, schnorren, trinken. Auf dem Alexanderplatz in Berlin sieht einer sehr genau hin, und das seit fast vier Jahren: Der Fotograf Göran Gnaudschun verbringt einen Tag pro Woche in der Szene um den Alex herum, hört zu, trinkt mit, beobachtet mit der Kamera. Über 200 000 Mal hat er sie dort ausgelöst, schätzt er – eine Auswahl seiner Arbeiten zeigt jetzt die Städtische Galerie in Neunkirchen.

Das Offensichtlichste an den Bildern ist das Fehlen eines Blickes in Mitleid: Gnaudschun zeigt keine Betroffenheitsfotografien, keine gefühlsheischende Reportage-Ästhetik. Die Menschen mögen Gestrandete sein, Angeschlagene, oft Obdachlose, im klassisch gesellschaftlichen Sinn Gescheiterte – aber sie zeigen Würde, Stolz, Stärke, die man im Alltag als Passant nicht erkennt, weil man wegschaut. „Ich sehe sie nicht als Opfer“, sagt Gnaudschun beim Gespräch in der Neunkircher Galerie, „es gibt unter ihnen sogar Leute, die dieses Leben recht gut finden, zumindest die Freiheit, die es mit sich bringt.“

Gaudschun, 1971 in Potsam geboren, kennt das Milieu und seine Sprache. Er bringt Erfahrung aus der Hausbesetzer-Szene mit und aus der Punkband 44 Leningrad, in der er Gitarre spielte. „Die älteren Punks am Alex konnten sich an die noch erinnern“, sagt er, „das war mein Türöffner.“ Bei seinen Porträts versteht er sich nicht als Journalist oder Sozialarbeiter, sondern als dokumentarischer Fotograf. Die Bilder sind in Neunkirchen dramaturgisch packend gehängt: Ein knapper Text beschreibt die Atmosphäre am Alex, bevor man die Porträts sieht. Natürlich erblickt man die Hunde, die Piercings, Bürstenhaarschnitte, manchmal Köpfe, die wie in Kapuzen vergraben scheinen, Bierflaschen, Pfefferminzlikör, Blut- und Urinflecken – aber auch intime, nahezu familiäre Momente und immer wieder – das Grundlegende bei den Porträts – standhafte, starke, stolze Blicke. Sie scheinen zu signalisieren, dass die Bilder nicht dem Fotografen gehören, sondern dem Fotografierten. Einer von ihnen unterstrich das buchstäblich, als er sein Porträt bei der Eröffnung der Schau in Berlin großflächig signierte. „Erst hat mir das gar nicht gefallen“, gibt Gnaudschun zu, „aber dann fand ich das sehr passend und habe es so gelassen.“ Zu sehen ist das Bild in Neunkirchen im höchsten Raum unterm Dach.

Die Porträts werden immer wieder kontrastiert mit großformatigen, atmosphärischen Bildern, die mal den sprichwörtlichen Himmel über Berlin zeigen, mal einen unscharfen Blick auf eine nächtliche Szene werfen. „Ein Zufall“, sagt Gnaudschum, „der Autofokus hat nicht mehr mitgemacht.“

Das Ergebnis ist fast ein Stück hingetupfter Impressionismus, wie auch anderes an die Kunstgeschichte denken lässt (die Gnaudschun studiert hat). Ein Bild wirkt mit Schlafsack, Eistee, Müll, Hundeleine und Bierflaschen so liebevoll arrangiert wie ein Stillleben, ist aber reiner Zufall. „Die Wirklichkeit macht dem Fotografen immer wieder Geschenke – man muss sie nur erkennen“, sagt Gaudschun und betont, dass er weder sentimental noch mit heiligem Ernst an seine Motive herangeht. Das macht seine klaren Porträts, die in Gefühligkeit oder Elendpathos hätten stranden können, so bemerkenswert.

 Bis 3. August. Di, Mi, Fr 10 bis 12.30 und 14 bis 17 Uhr (Do bis 18 Uhr). Sa 14 bis 17, sonnund feiertags 14 bis 18 Uhr. Das Buch „Alexanderplatz“ ist in der Fotohof edition erschienen (218 S., 39 Euro im Handel, 30 Euro in der Ausstellung).

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