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„Niemand wird sagen können, ich hätte den Verein hängen lassen“

Das war einmal: Klimmt als Aufsichtsratschef des 1. FCS.

Das war einmal: Klimmt als Aufsichtsratschef des 1. FCS.



Er hat den Karren so lange gezogen, bis der Karren nicht mehr wollte. Zu den Auffälligkeiten der Karriere des Sportsfreundes Reinhard Klimmt zählt der Umstand, dass sein Ende als Chef-Aufseher des 1. FC Saarbrücken in einem spektakulären Platzverweis mündete. Und das nach fast 30 Jahren Arbeit als „Alter Herr“, Präsident, Geldsammler, guter Geist, graue Eminenz und Aufsichtsratsvorsitzender des saarländischen Traditionsvereins.

Nein, Reinhard Klimmt hat es nicht verdient, dass er am 20. November 2013 kurz nach Mitternacht von der Mitgliederversammlung des FCS aus dem Aufsichtsrat gekegelt wurde. Zu viel Herzblut, zu viel Zeit und zu viel Schweiß hat er in den Klub investiert, der ihn – einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik – einst sogar sein Amt als Bundesverkehrsminister kostete. Warum Klimmt in dieser Nacht der langen Messer nur 241 Stimmen (von 486) bekam, ist nicht so ganz klar: War es ein dummer Zufall? Wollte ihn eine Clique von Verschwörern mit einer Blutgrätsche vom Platz fegen? Oder brauchten die frustrierten Fans einfach einen Sündenbock für die sportliche Misere der letzten Jahre?

Klimmt weiß es selber nicht. „Keine Ahnung“, sagt er bei einer Tasse Kaffee, „eine Mischung von allem vielleicht.“ Dass der von ihm selbst gerade erst installierte Präsident Hartmut Ostermann den Dolch im Gewande geführt haben könnte, glaubt er nicht – und lächelt dabei gequält wie ein Zitronenkauer. Warum sollte „HO“, wie er intern genannt wird, die Demontage organisiert haben? Wo sie doch erst am 5. November im Victor’s Hotel zusammengehockt hatten, CDU-Fraktionschef Klaus Meiser war auch noch dabei, und die Zukunft planten? „HO wollte nur wieder einsteigen, wenn ich weiter zur Verfügung stehe“, sagt Klimmt. Man habe ihn „bekniet“, weiterzumachen.

Ostermann und Meiser bestätigen dies, drücken es aber anders aus: „Wir haben ihn gebeten.“ Richtig beschrieben ist der Vorgang wohl mit Meister Goethe: Halb zog es ihn, halb sank er hin. Wie auch immer, Klimmt trat zur Wahl noch einmal an, zum letzten Doppelpass mit Mäzen HO, für den Klimmt der „personifizierte Aufsichtsratschef“ gewesen ist. Einer, beteuert Ostermann gegenüber der Saarbrücker Zeitung, „auf den man sich immer verlassen konnte.“ Und der wohl nur gescheitert sei, weil „viele Mitglieder dachten, dass Reinhard Klimmt wie immer sowieso genügend Stimmen bekommt“.

Scheiß Spiel. Klimmt hat selbst lange gekickt, er kennt die Fußballersprache. Jetzt nagt es in ihm, weil er nicht weiß, wer ihm diese Bude eingebrockt hat. Fest steht nur, dass sich die Versammlung in der Congresshalle erst elend lange hinzog und dann die „älteren Herren“ des Vereins vor Mitternacht ermattet von dannen zogen – um dann bei der Abstimmung zu fehlen. Übrig blieben jene Fans, die endlich mal jüngere Vertreter im Aufsichtsrat sehen wollten – und sauer waren wegen des abgesagten Stadion-Neubaus. Dabei hatte nicht Klimmt kalte Füße bekommen, sondern ein kleiner Kreis der Verzagten, respektive Vernünftigen um Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, Oberbürgermeisterin Charlotte Britz sowie Meiser und Ostermann. Noch schlimmer als Klimmt traf es Ex-Präsident Paul Borgard, der sich in den Dienst der guten Sache gestellt hatte und mit nur 184 Stimmen dafür bestraft wurde, dass es in den letzten Jahren sportlich nicht vorwärts ging und das beliebte Vereinsmaskottchen Dieter Ferner nach Neunkirchen flüchten musste.

Auf den besseren Sitzplätzen des Ludwigsparks sagen sie, der knorrige Schatzmeister Dieter Weller habe Ferner weggemobbt. Klimmt möchte das nicht kommentieren, aber auch nicht dementieren. Weller ist ein HO-Mann, der sein Amt ehrenamtlich ausübt und zugleich gegen Bares die Buchführung und Lizenzierung erledigt. Über diese Verquickung rümpft so mancher Edelfan die Nase, aber Weller hat einen Stammplatz im Führungsteam. Und Klimmt nicht mehr. Obwohl er sich jahrzehntelang „den Arsch aufgerissen hat“, um den Klub, der ihn seit 50 Jahren fasziniert, wieder in die Bundesliga zu hieven.

Klimmt und der FCS, das liest sich wie eine Liebes- und Leidensgeschichte aus einem Hedwig-Courths-Mahler-Schinken. Sie begann Anfang der 60er Jahre als Zuschauer auf der Gegentribüne, als der Kulturfreund aus Engter bei Osnabrück nach Saarbrücken siedelte, um Geschichte zu studieren. Sie fand ihre Fortsetzung 1984, als der damals 42-jährige Historiker und SPD-Politiker in den Verein eintrat, um bei den Alten Herren zu verteidigen. Schon bald begann er, auch jenseits des Platzes die Strippen zu ziehen und Geld zu sammeln.

Zehn Jahre später geriet er deshalb in eine Affäre, als ihm „Der Spiegel“ vorwarf, bei krummen Geschäften mit dem Unternehmer Georg Rebmann, einem weiteren FC-Sponsor, beteiligt gewesen zu sein. Aber auch damals schon schrieb die SZ von dem „gewieften, aber ehrlichen und glaubwürdigen Mann“ und den „unzähligen Rettungsaktionen für seinen Lieblingsverein“. Er hat alles überstanden. Präsidenten, Trainer und Spieler kamen und gingen. Er blieb. Immer unverzichtbarer wurde sein Wirken für den Klub, dessen größter Fan Klimmts Frau Christa ist. Im Jahr des Lizenzentzugs 1995, der schlimmsten Krise überhaupt, übernahm er selbst das Präsidentenamt, weil die (jetzt pleitegegangene) Baumarktkette Praktiker dies zur Bedingung für ihr Engagement als Hauptsponsor gemacht hatte. 

Dann kam Ostermann. Der Unternehmer aus Worms, von dem bunten Vogel Udo Geitlinger ins Saarland gelotst, wechselte vom FC Homburg zum großen Konkurrenten nach Saarbrücken. Auch bei diesem Deal hatte Klimmt seine Hände im Spiel. Es begann die Ära des Triumvirats Klimmt (SPD), Ostermann (FDP) und CDU-Mann Klaus Meiser, den Klimmt „aus Gründen politischer Ausgewogenheit“ im FC-Team sehen wollte. Aus dieser Zeit stammt die Unterschrift unter einem „Beratervertrag“ des FCS mit der Caritas-Trägergesellschaft Trier (CTT), der Klimmt und Meiser im Jahr 2000 zum Verhängnis werden sollte: Klimmt, der gerade turbulente Zeiten erlebt hatte (Wahlkampf-Manager der SPD, Ministerpräsident nach Oskar Lafontaine, Abwahl nach dessen Rücktritt, Bundesminister für Bau und Verkehr), musste auch sein Berliner Amt nach nur einem Jahr aufgeben. In seiner Rücktrittserklärung steht ein ziemlich ehrlicher Satz: „Meine Absicht war es, den FC Saarbrücken zu retten und auf eine solide sportliche und wirtschaftliche Grundlage zu stellen.“

So ist das im Leben. Erst hat man kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu. Immerhin findet Klimmt nach dem letzten Abwahl-Drama eine Prise Genugtuung in seiner ganz persönlichen FC-Bilanz: „Meine Mission ist erfüllt.“ Tatsächlich hat er die Weichen für eine bessere Zukunft gestellt. Das Stadion wird zwar nicht neu gebaut, aber gründlich saniert; der nach dem Abstieg 2007 zurückgetretene Präsident und Mäzen Ostermann ist wieder an Bord; und der erfolgreiche saarländische Unternehmer Daniel Hager steht als hoffnungsvolle Perspektive im Kader.

Jetzt hat Klimmt mehr Zeit, um mit dem Mittelschnauzer Athos spazieren zu gehen und einer Leidenschaft zu frönen, die vielleicht noch größer ist als seine Liebe zum FCS: die Bibliophilie. Wann er seine 20 000 Bücher, die er teilweise in einer Lagerhalle in St. Ingbert parken muss, aber noch lesen will, bleibt sein Geheimnis. Reinhard Klimmt, dessen Haus am Saarbrücker Zoo jedem Museum mit afrikanischer Kunst Konkurrenz machen könnte, ist trotz dieser letzten großen Enttäuschung in der Saarbrücker Congresshalle mit sich im Reinen: „Niemand wird sagen können, ich hätte den Verein hängen lassen.“ Eher umgekehrt.

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