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Notfallseelsorger: Beistand in schlimmen Stunden

Fischbach. Die Erinnerungen weichen nicht, obwohl schon Jahre vergangen sind, seit Hans-Lothar Hölscher das Wohnzimmer betreten hat: Das Baby liegt steif auf der Couch und läuft blau an. Das kleine Mädchen ist an seinem Erbrochenen erstickt. Die Mutter sitzt regungslos daneben; das Entsetzen und die Schuldgefühle haben die junge Frau erstarren lassen. Dann rinnen Tränen über ihre Wangen, schluchzt, hyperventiliert sie – und erstarrt wieder. Hölscher zögert. Er hat gelernt, wie man in den schrecklichsten Augenblicken selbst die Fassung wahrt und anderen hilft, die Fassung wiederzuerlangen. Doch jetzt ringt der Grauhaarige mit dem Vollbart, selbst Vater dreier Kinder, mit seinen Gefühlen. Dann führt er sich vor Augen, wie dringend ihn die Frau braucht, und reißt sich zusammen. „Mein Name ist Hans-Lothar Hölscher. Ich bin Notfallseelsorger. Die Feuerwehr hat mich gerufen.“

Wenn ein Unfall, Verbrechen, Suizid oder anderes Unglück geschehen ist, wird der ehrenamtliche Notfallseelsorger gerufen, um Hinterbliebenen so schnell wie möglich beizustehen. Der 63-Jährige hilft auch Einsatzkräften, ihre Erfahrungen zu verarbeiten, bildet als Leiter der „Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland“ Notfallseelsorger aus. „Ich begegne Menschen am Tag X in ihrem Leben. An einem Tag, an dem ihnen Furchtbares widerfahren und nur eines sicher ist: Nichts wird mehr so sein wie vorher“, sagt er. Hölscher ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Fischbach, seit 32 Jahren. Er weiß, wie man schwierige Gespräche sensibel führt. Bevor er im Jahr 2000 als Notfallseelsorger anfing, hat er sich intensiv fortgebildet. Und doch kann er auf das, was ihn am Einsatzort erwartet, nicht vorbereitet sein. Er muss sich auf sein Gespür verlassen. So wie bei der jungen Mutter, deren Mädchen erstickt ist. Als sich Hölscher ihr vorstellt, scheint sie ihn nicht wahrzunehmen. Auch nicht, als er „Ihr Kind ist noch so klein. Was ist passiert?“ sagt, um der Frau ein Gesprächsangebot zu machen. Hölscher geht nicht weg. Einfach nur da sein – so will er der Mutter ein wenig Halt, ein wenig Sicherheit geben. Bevor sie das Zimmer verlässt, um sich im Badezimmer zu übergeben, sagt sie zu Hölscher: „Könnten Sie bitte auf mein Mädchen aufpassen?“ Als sie zurückkommt, macht Hölscher ihr einen Vorschlag: „Möchten Sie ihr Kind frisch machen und ihm etwas Schönes anziehen?“ Die Frau schaut ihn an und nickt. Sie geht zum Schrank, sucht ein schönes Kleidchen aus, wäscht ihr totes Mädchen, trocknet es ab und zieht es an.

Hans-Lothar Hölscher sitzt in seinem Arbeitszimmer, als er von diesem Einsatz erzählt. An der Wand hängt eine Saarland-Karte mit den Bezirken, die er mit seinen Notfallseelsorgern betreut. Immer in Hörweite ist der Piepser, der Hölscher zu Einsätzen ruft. Griffbereit sind Taschentücher – „mein Hauptwerkzeug“, sagt Hölscher – und die violette Notfallseelsorger-Jacke, die er sich überstreift, bevor er zum Unglücksort fährt. Das Zeichen der Notfallseelsorge, das darauf zu sehen ist, besteht aus einem feuerroten Erdball und einem gelben Kreuz.Im Einsatz muss der Notfallseelsorger innerhalb kürzester Zeit die Bedürfnisse der Betroffenen erkennen, darauf eingehen und sein gesamtes Verhalten darauf abstimmen: seine Körperhaltung, seine Stimme, seine Wortwahl, sein Handeln. „Ich versuche, das Schweigen aufzuheben, gebe den Betroffenen leichte Impulse, indem ich einfache Fragen stelle: Was ist passiert? Wer war der Tote für Sie?“ So möchte Hölscher den Menschen helfen, das Unfassbare zu realisieren. Aus den einen sprudelt es heraus, sie hören gar nicht mehr auf zu reden, zu schreien, zu fluchen. Hölscher hört zu; er wendet sich ihnen zu und nimmt Anteil. Andere wollen oder können überhaupt nichts sagen; sie scheinen genauso leblos zu sein wie ihre verstorbenen Nächsten. Dann versucht Hölscher, „Verständnis und Gemeinschaft im Schweigen“ zu schaffen. Hölscher macht keine falschen Versprechungen: „Ich würde niemals ‚Das wird schon wieder!‘ sagen, denn das kann ich gar nicht wissen.“ Auch die Frage nach dem Warum kann und will er nicht beantworten, obwohl fast alle sie laut oder stumm stellen. Hölschers Antwortversuch lautet: „Ich weiß nicht, warum Ihnen das passiert ist. Ich weiß nur, dass es gerade passiert ist. Und dass es vielleicht irgendwann einen Sinn ergeben wird. Vielleicht wird es aber auch für immer ein Rätsel bleiben.“ In den zwei bis fünf Stunden, die der gebürtige Hannoveraner mit den Menschen verbringt, setzt Hölscher alles daran, den Blick der Betroffenen sachte nach vorne zu lenken, „ihre Lebensgeister zu reanimieren“. Hölscher erinnert sie an schwierige Situationen in ihrem Leben, die sie bereits bewältigt haben. Spricht mit ihnen über die Frage: „Wie soll es jetzt weitergehen?“ Und nicht zuletzt hilft er, „das soziale Netz zu spannen. Ich kümmere mich darum, dass Verwandte oder Freunde die Hinterbliebenen auffangen.“

Wenn Hölscher gebraucht wird, geht alles ganz schnell: Der Piepser schrillt, Hölscher ruft die Einsatzleitstelle an, erfährt in Stichworten, was passiert ist, streift sich seine Jacke über und fährt los, in einem Zustand „angespannter Ruhe“. Wenig später klopft er an eine Tür, hinter der sich Menschen im Ausnahmezustand befinden. Hölscher ist Notfallseelsorger geworden, „weil ich erste Hilfe für die Seele leisten wollte. In Extremsituationen. Wenn das Leben stillzustehen und auch für die Hinterbliebenen nicht mehr weiterzugehen scheint. Dann, wenn Menschen Seelsorge am dringendsten brauchen.“ Hölscher achtet darauf, dass er ausgeglichen ist. Er ernährt sich gesund und entspannt sich beim Sport. „Wenn es mir selbst nicht gut geht, brauche ich eigentlich gar nicht erst zu einem Einsatz aufzubrechen. Jeder Einsatz verlangt mir alles ab.“ Die Arbeit als Notfallseelsorger, hat sein Leben verändert: „Ich weiß das Leben mehr zu schätzen, schiebe nichts mehr auf. Ich bin toleranter geworden, akzeptiere Menschen, aber auch Lebensumstände, ohne sie zu bewerten. Und gehe sensibler mit ihnen um.“ So schnell, wie er in ihr Leben tritt, verlässt Hölscher die Menschen auch, die sich ihm anvertrauen. Meistens hört er nie wieder von ihnen. „Natürlich fällt es mir schwer, die Menschen wieder zu verlassen. Schließlich waren wir uns in schweren Stunden nah.“ Hölscher lässt sogar körperliche Nähe zu, hält Hände, nimmt in den Arm. Andererseits bemüht er sich, Distanz zu wahren: „Ich muss ein Gegenüber bleiben. Ein ruhender, außen stehender Pol. Soll Anteil nehmen, darf mich aber nicht mitreißen lassen und mitleiden. Dann könnte ich den Betroffenen keinen Halt mehr geben.“

Sind ihm je Glaubenszweifel gekommen, bei all dem Leid, dass er so unmittelbar erlebt hat? „Ja, diese Momente gab es. Aber letzten Endes haben mich meine Einsätze im Glauben gestärkt.“ Weshalb? „Weil ich erlebt habe, welche enormen Selbstheilungskräfte der Mensch entwickelt. Was er alles aushält. Wie er sich schon in den schwersten Momenten langsam wieder aufrichtet. Diese Kräfte sind Menschen geschenkt worden. Die Quelle nenne ich Gott.“ Und so paradox es klinge: „Katastrophen sind furchtbar, können aber auch etwas Neues, etwas Gutes hervorbringen.“

Eine Frau, deren Sohn bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, schien der Schmerz über den Verlust zu erdrücken. In den Stunden, nachdem sie die Todesnachricht bekommen hatte, stand ihr ein Seelsorger bei. Nach und nach fasste die Frau neuen Lebensmut – und die Entscheidung, sich zur Notfallseelsorgerin ausbilden zu lassen.

Hintergrund

Die Notfallseelsorge und Krisenintervention Saarland hat acht neue Mitarbeiter. Sie absolvierten eine theoretische Ausbildung in psychosozialer Notfallversorgung (PSNV) und werden zunächst mit erfahrenen Mitarbeitern im Einsatz sein, teilte der Verein am Freitag mit. Im Saarland gibt es 83 Notfallseelsorger, die 2011 385 Mal im Einsatz waren. Bundesweit rücken die Seelsorger jährlich rund 11.000 Mal aus. red

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