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Ohne Frau und Kind flieht Mann aus Syrien ins Saarland

Der Flüchtling Basem Boules vermisst Frau und Kind.

Der Flüchtling Basem Boules vermisst Frau und Kind.

Als die Kämpfer in sein Dorf kamen, um alle Männer mitzunehmen, beschloss Basem Boules, zu fliehen. Bis vor anderthalb Jahren lebte der 33-Jährige in dem kleinen Ort Tal Arbush in der syrischen Provinz al-Hasaka. Doch der Bürgerkrieg machte auch vor dem Osten des Landes nicht Halt. „Es waren Salafisten“, ist Boules überzeugt. Immer wieder seien sie in das Dorf gekommen und hätten Geld von den Christen verlangt – auch er ist katholischer Christ. „Wer nicht bezahlen konnte, wurde erschossen.“

An jenem Tag, als sie alle Männer des Dorfes abholten, konnten Boules und seine Familie unbemerkt über die nahegelegene Grenze in die Türkei entkommen. Dann floh er weiter, sein Ziel: Deutschland, genauer, Eppelborn im Saarland, wo sein Onkel und seine Tante leben. Seine Frau Linda Adm und Sohn Charbal ließ er im Libanon bei Verwandten zurück – als zu gefährlich empfand er die Flucht für sie und den damals erst zwei Jahre alten Sohn. Außerdem reichte das Geld für den Schlepper, der sie nach Deutschland bringen sollte, nicht für alle. „Meine Frau hat all ihren Schmuck verkauft, aber es war nicht genug“, sagt Boules. Nach einer mehrmonatigen Odyssee im Lkw und – mit falschen Papieren – im Flugzeug, gelangte er schließlich ins Saarland. Boules ist in Sicherheit, er hat eine Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre bekommen. Wirklich freuen kann er sich darüber nicht: „Seit über einem Jahr habe ich meine Frau und meinen Sohn nicht mehr gesehen.“ Ähnlich wie ihm geht es Hunderttausenden Syrern, die vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat geflohen sind. Laut den Vereinten Nationen (UN) sind seit Ausbruch des Konflikts im März 2011 mehr als 2,5 Millionen Menschen geflohen.

Die UN rechnen damit, dass die Zahl 2014 auf mehr als vier Millionen ansteigen wird. Im März diesen Jahres hatte Deutschland sich bereit erklärt, 5000 syrische Flüchtlinge aufzunehmen, 62 sollten im Saarland unterkommen. „Ein Tropfen auf den heißen Stein“, urteilte Peter Nobert vom Saarländischen Flüchtlingsrat (SFR). Menschenrechtsorganisationen und zuletzt auch Bundespräsident Joachim Gauck hatten gefordert, Deutschland müsse mehr tun. Anfang Dezember beschlossen die Innenminister von Bund und Ländern, die Zahl um weitere 5000 Flüchtlinge aufzustocken – das Saarland wird also 124 aufnehmen. Doch das Aufnahmeprogramm läuft schleppend.

Lediglich 16 der 124 Flüchtlinge sind bislang im Saarland angekommen, die meisten haben ihre Einreise selbst organisiert. Wer über das Aufnahmeprogramm nach Deutschland einreisen darf und wer nicht, darüber entscheidet das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR vor Ort in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer Syriens. „Nach welchen Kriterien dabei vorgegangen wird, ist recht undurchsichtig“, sagt Nobert vom SFR. Viele kommen auf eigene Faust illegal nach Deutschland – wie Boules.

23 000 Syrer haben seit Kriegsbeginn Asyl beantragt, im Saarland waren es in diesem Jahr bereits über 360. Das Landesinnenministerium rechnet nicht damit, dass die Zahlen in absehbarer Zeit zurückgehen. Wer es bis hierhin geschafft hat, kann seine Familienangehörigen nachholen, wenn er in der Lage ist, für ihren Lebensunterhalt aufzukommen – für Wohnung, Essen, Kleidung und Krankenversicherung. Beispielrechnungen des Landesinnenministeriums zufolge müsste ein alleinstehender Syrer, der seinen Bruder nachholen will, ein Netto-Einkommen von rund 1100 Euro vorweisen – Kosten für Krankenversicherung und Unterkunft nicht miteingerechnet.

Der SFR dringt darauf, die Bedingungen zu lockern – „sonst bedeutet das, dass nur Reiche Schutz bekommen“, sagt Nobert. Doch selbst für die, die die Kosten stemmen können, sind die bürokratischen Hürden hoch. 162 Familienmitglieder wurden von im Saarland lebenden Syrern bislang für das Programm angemeldet. Für die ersten 62 wurden nun Termine vereinbart, um zu prüfen, ob die Angehörigen tatsächlich in der Lage sind, für sie zu sorgen. Frau und Kind selbst versorgen – für Basem Boules, der hier von Sozialleistungen lebt und einen Integrationskurs besucht, ein Ding der Unmöglichkeit. Doch die Familie hat Glück gehabt: Inzwischen haben Boules’ 26-jährige Frau und ihr gemeinsamer Sohn auf normalem Weg einen Platz im Aufnahmeprogramm bekommen – nach monatelangem Warten. Denn wer auf diese Weise ausgewählt wird, muss zwar keinen Asylantrag stellen, doch er braucht ein Visum von der deutschen Botschaft in Beirut oder Ankara. „Die Termine dort sind aber über Monate hinweg ausgebucht“, erklärt Nobert. Wann Linda Adm und Charbal im Saarland eintreffen werden, ist also völlig offen. Etwa einmal im Monat fliegt ein vom Bund gecharterter Flieger mit 100 bis 200 Flüchtlingen an Bord nach Deutschland. „Sie könnte schon im nächsten Flugzeug sitzen, aber wer weiß das schon?“, sagt Boules. Denn mit ihr warten Tausende auf ihre Ausreise.

Basem Boules mochte sein Leben in dem kleinen Dorf, es war sein Zuhause. Zuletzt hatte er als Kellner in einem Hähnchengrill gearbeitet. Für Politik interessierte er sich nicht besonders. Doch seit Kriegsausbruch war das Leben in Tal Arbosh immer schwieriger geworden. „Es gab keinen Strom mehr, kein Wasser, kein Brot in den Läden.“ Irgendwann erschossen Oppositionelle seinen Cousin, der früher als Soldat bei der Armee gewesen war. Dennoch erklärt Boules entschieden: „Wenn meine Frau nicht bald nachkommen kann, gehe ich wieder zurück.“ Ganz gleich, was ihn in Syrien erwarte. Würde er abgeschoben, würden syrische Sicherheitskräfte ihn wohl einer mehr als unangenehmen „Rückkehrerbefragung“ unterziehen.

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