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Pfälzer Student entdeckt: NS-Verbrecher arbeitete für BND

Von SZ-Redakteur Johannes Kloth

Ramstein-Miesenbach. „Ich kenne dich, bist du nicht der BND?“, fragt die Dame mit der Haarschere in der Hand. „Nein, ich bin nicht der BND“, korrigiert Peter Hammerschmidt schnell, „aber vermutlich haben Sie gelesen, dass ich im Archiv des Bundesnachrichtendienstes war.“ Hammerschmidt muss immer noch grinsen, wenn er an den kurzen Dialog bei seinem letzten Friseurtermin denkt. Der junge Mann, der in Strümpfen am elterlichen Wohnzimmertisch in Ramstein-Miesenbach sitzt und beim Sprechen gelegentlich ins Pfälzische verfällt, hat es zu Prominenz gebracht. Nicht nur beim örtlichen Friseur, sondern – was ihn mehr freuen dürfte – auch in der historischen Fachwelt.

Seine Geschichte ist ebenso spannend wie kurios: Der 24-Jährige, der in Mainz Geschichte studiert, hat in seiner Examensarbeit bewiesen, dass der Nazi-Verbrecher Klaus Barbie nach dem Krieg als Spion für den BND arbeitete.

Es ist April 2010: Peter Hammerschmidt, der in seiner Studienzeit zuvor noch nie ein Archiv von innen sah, macht sich auf die Suche nach Quellen über Barbies Verbleib nach 1945. Er liest sich in Literatur ein, durchforstet Dokumentensammlungen. Hammerschmidt beginnt, Blut zu lecken. Mit dem Geld eines Stipendiums beauftragt er einen Recherchedienst in den USA.  Er findet heraus, dass Barbie, von dem bekannt ist, dass er nach dem Krieg für den militärischen Geheimdienst der USA arbeitete, bereits 1947 angeworben wurde.

Die Aufdeckung euphorisiert den 24-Jährigen, er gerät in einen Sog. Das Thema lässt ihn nicht los, er nimmt es sogar mit in den Schlaf, träumt von Barbie. Auf dem zum Arbeitsplatz umfunktionierten Wohnzimmertisch in Miesenbach stapeln sich die Akten, CD-Roms und Bücher. Es wird Sommer. Während seine Freunde Bierkästen an einen nahe gelegenen Weiher tragen, schleppt Hammerschmidt seine Akten mit. „Ich habe mich so da reingesteigert, das ich mich selbst nicht mehr kannte“, sagt er heute.

Irgendwann scheint es geschafft. Hammerschmidt hat Telefonate mit der „Nazi-Jägerin“ Beate Klarsfeld hinter sich, Gespräche mit Barbies Tochter und alten Nazi-Weggefährten. Eigentlich ist die Arbeit abgeschlossen. Doch kleine Hinweise in den Ermittlungsakten lassen ihn nicht los. In ihnen wird angedeutet, dass Barbie auch für den BND gearbeitet haben könnte. „Ich dachte: ‚Probieren kann ich es ja mal’“, erzählt Hammerschmidt. Er schreibt eine E-Mail an den BND, bittet um Akteneinsicht.Erwartungsgemäß erhält er eine Absage – aus „personenschutzrechtlichen Gründen“. Hammerschmidt geht einen Schritt weiter, wendet sich ans Bundeskanzleramt, gibt an, rechtliche Schritte zu erwägen. Die Drohung scheint zu wirken. Als erster Mensch darf Hammerschmidt in das streng geheime BND-Archiv.

Trotzdem sind seine Erwartungen gering, er rechnet damit , nur geschwärzte Akten zu Gesicht zu bekommen.

Sein Vater fährt ihn wenige Tage später nach Pullach bei München. Vor dem großen Stahltor des BND-Gebäudes überkommt Hammerschmidt Gänsehaut. „Es war wie im Krimi“, erzählt er. Plötzlich sieht sich der Student, damals noch mit provokantem Lippenpiercing, vor einem Mann im Trenchcoat stehen. Der nimmt ihm Rucksack und Handy ab. Hammerschmidt muss die Foto-Funktion des Laptops ausschalten, wird darauf hingewiesen, dass er keine Informationen über das Innere der BND-Festung nach außen tragen darf. Schnell wird er ins Archiv zu einem Stapel Akten geleitet. Hier darf er zwei Tage lang sitzen und arbeiten. Um ihn herum sind Aufpasser postiert, die jede seiner Bewegungen kontrollieren. Hammerschmidt öffnet die erste Akte und erstarrt. Gleich die erste Seite ist der ungeschwärzte BND-Anwerbe-Bogen, der alles beweist: Barbie war ein Spion des Bundesnachrichtendienstes. Ein Nazi-Verbrecher, der von Mai bis Weihnachten 1966 insgesamt 5300 D-Mark BND-Gehalt erhielt – deutsches Steuergeld.

Als Hammerschmidt nach Hause fährt, ist ihm die Bedeutung seines Fundes nicht bewusst. „Für mich waren die Erkenntnisse vor allem für meine Examensarbeit wichtig“, erzählt er.

Wieder zuhause in Miesenbach erfährt er, dass der „Spiegel“ auf die mittlerweile freigegebenen Barbie-Akten aufmerksam wurde. Jetzt muss er aktiv werden. Hammerschmidt will sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen, veröffentlicht seine Erkenntnisse im Internet, um zu zeigen, dass er als erster die Akten zu Gesicht bekam. Der Spiegel veröffentlicht im Januar 2011 seinen Artikel – trotzdem spricht sich herum, wer zuerst an der Geschichte dran war.

Seither wird Hammerschmidt als der „neue Star am Himmel der Zeitgeschichte“ gefeiert, wie ihn sein Professor stolz bezeichnet. Etliche Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender haben bereits über ihn berichtet – von der Londoner BBC bis zu zu einer kleinen marxistischen Zeitung aus der Türkei.

Im Fernsehen konnte Hammerschmidt kürzlich eine Bundestags-Debatte über die Verbindungen des BND zu Nazi-Größen verfolgen, die er maßgeblich mitangestoßen hat.Zu Kopf gestiegen ist dem Studenten der plötzliche Ruhm nicht.Jetzt plane er erstmal in Ruhe seine Promotion, sagt er.

Doch warum nur hat sich eine so mächtige Organisation wie der BND dermaßen vorführen lassen – noch dazu von einem jungen Studenten? Hammerschmidt hat die Frage lange Zeit umgetrieben. Dann erfuhr er, dass sich kürzlich eine Historiker-Kommission gebildet hat, die demnächst die NS-Vorgeschichte des BND aufarbeiten will. Der BND will dafür ausgewählte Akten freigeben. Hammerschmidt ist heute sicher: „Ich war ein Testballon. Der BND wollte sehen: Wie reagiert die Öffentlichkeit, wenn unrühmliche Verstrickungen bekannt werden?“ Peter Hammerschmidt hat viel Glück gehabt. Hätte er sich nur wenige Wochen später an den Geheimdienst gewandt, sagt er, wäre es wohl schon zu spät gewesen.



Hintergrund

Klaus Barbie, 1913 geboren, war seit 1942 Chef der Gestapo in Lyon. Dort folterte und ermordete der „Schlächter von Lyon“ Mitglieder der Résistance und verantwortete die Deportation von hunderten von Menschen ins KZ. Nach dem Krieg wurde er – wie andere NS-Verbrecher – als Experte für den Kampf gegen den Kommunismus vom US-Geheimdienst CIC angeworben. Mit Hilfe der USA emigrierte Barbie 1951 nach Bolivien. Erst 1983 wurde er nach Frankreich ausgeliefert, wo er sich einem Prozess stellen musste. Im Juli 1987 zu „lebenslänglich“ verurteilt, starb er 1991 in der Haft an Krebs. red
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