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Pillen im Kopf

Saarbrücken. Immer mehr Arbeitnehmer und Studenten nehmen leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente, wie eine Untersuchung der Krankenkasse DAK unlängst ergeben hat. Allerdings sank der Krankenstand im Saarland auf hohem Niveau; denn er steht noch 3, 3Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Auffällig ist, dass hierzulande immer häufiger psychische Leiden Ursache für einen Krankenschein sind. Auffällig ist unter anderem, dass im Saarland 36 Prozent mehr Versicherte Psycho-Stimulanzien verordnet bekamen als im Bundesdurchschnitt. Nach der Untersuchung der DAK helfen hochgerechnet mehr als 10000 Saarländer bei der Arbeit gezielt mit Pillen nach.

Die repräsentative Befragung unter rund 3000 Arbeitnehmern zwischen 20 und 50 Jahren ergab, dass fünf Prozent bereits Doping-Erfahrung haben und gut ein Prozent regelmäßig ohne medizinische Erfordernisse Medikamente einnimmt. Dabei neigen Männer der Untersuchung zufolge eher zu Aufputschmitteln, Frauen zu Beruhigungsmitteln. Mehr als jeder Zehnte nannte als Bezugsquelle der verschreibungspflichtigen Mittel den Versandhandel. Nach Ansicht von Carsten Wohlfahrt, Jurist und Vorstandsmitglied des Apothekervereins Saar, blüht der Medikamenten-Schwarzmarkt im Internet: „Im Prinzip kann das gar nicht verfolgt werden.“ Apotheker raten jedoch dringend davon ab, verschreibungspflichtige Medikamente über das Internet zu beziehen. Es handele sich dabei nie um das Original-Medikament, sondern es seien Kopien, die oft ganz andere Inhaltsstoffe enthalten, erklärt Claudia Berger, Vorsitzende des Apothekervereins Saar. „Für Verbraucher ist das Risiko gar nicht abzuschätzen.“

Die Nachfrage nach leistungssteigernden Mitteln ist für sie eindeutig feststellbar: „Absolute Topseller“ sind nach Auskunft der Apothekerin zur Zeit freiverkäufliche Gingko-Präparate, denen auch eine konzentrationsfördernde Wirkung nachgesagt wird. Ein Doping-Problem sieht die Pharmazeutin aber dennoch nicht. „Es wird nur mehr darüber gesprochen“, meint sie. „Die Menschen wollten schon immer schlauer, schöner, besser sein.“ Die Abgabe von Medikamenten wie Ritalin, das Kindern gegen AHDS („Zappelphilipp-Syndrom“) verschrieben wird, habe ihrer Erfahrung nach auch nicht wesentlich zugenommen. Wobei sie bestätigt: „Es gibt Erwachsene, die Ritalin gezielt über ihre Kinder beziehen.“ Psychotherapeuten warnen eindringlich vor dem Einsatz von Medikamenten zum sogenannten Hirn-Doping. „Psychoaktive Arzneimittel bei Gesunden einzusetzen oder freiverkäuflich zu vertreiben, ist unverantwortlich“, erklärte Professor Reiner Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer.
Die Risiken eines unkontrollierten, weit verbreiteten und andauernden Konsums von Amphetamin-Abkömmlingen (Aufputschmitteln) seien noch gar nicht abschätzbar. Gerade diese hätten ein hohes Suchtpotenzial. Dazu kommt, dass die leistungssteigernde Wirkung bei Gesunden wissenschaftlich noch nicht belegt ist. Und: „Selbst wenn es Mittel gäbe, die solche Wirkungen nachweisen, bedeutet eine bessere Konzentrations- oder Merkfähigkeit nicht automatisch eine verbesserte intellektuelle Leistungsfähigkeit“, ergänzte Richter. Insgesamt unterstützten derartige Substanzen die Neigung, nicht mehr aus eigener Kraft seine Situation zu verbessern, sondern sich auf ein Medikament zu verlassen. Auch Dr. Josef Schwickerath, leitender Psychologe der AHG Klinik Berus, steht der Einnahme von leistungssteigernden Medikamenten sehr kritisch gegenüber. „Die Leute, die solches Doping am Arbeitsplatz anwenden, verschärfen das Problem insgesamt und ihre eigene Situation mit dadurch, dass sie den Leistungs- und Konkurrenzdruck aufeinander erhöhen“, erklärt der erfahrene Therapeut. Grundsätzlich kann Schwickerath aus seiner täglichen Erfahrung berichten, dass der Arbeitsdruck immer mehr steigt: Die Aufgabenvielfalt nimmt zu, es wird mehr Leistungsbereitschaft gefordert, auch mehr Flexibilität. „In der modernen Arbeitswelt werden Anforderungen gestellt, die die Menschen teilweise gar nicht mehr leisten können.“
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