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Polizei St. Wendel: Häusliche Gewalt konstant hoch

St. Wendel. Ein Notruf geht bei der Polizei ein. Die Frau am anderen Ende der Leitung weint, bittet um Hilfe, um Schutz. Schutz vor ihrem gewalttätigen Ehemann. Die Beamten fahren zum Haus der Familie, finden die Frau mit leichten Verletzungen im Gesicht vor. Gut alle zwei Wochen waren die Beamten der Polizei im Kreis St. Wendel im vergangenen Jahr mit einem Fall von häuslicher Gewalt konfrontiert. Der stellvertretende Leiter der Polizeiinspektion St. Wendel, Erhard Werth: „Unter häuslicher Gewalt fassen wir Straftaten zusammen, die in Zusammenhang stehen mit partnerschaftlichen Beziehungen, die bestehen, sich gerade auflösen oder bereits beendet sind.“ 97 Anzeigen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt wurden 2011 im Kreis St. Wendel registriert. Ein Jahr zuvor waren es 100 gewesen. Doch der Vergleich mit den Vorjahren zeigt: Die Zahl der Anzeigen ist gesunken. 2009 waren es noch 132, 2008 gab es 116 Anzeigen und 2007 sogar 143. Jedoch sind sich Polizei und Opferhilfe-Verbände einig: Die Dunkelziffer ist nicht nur viel höher, sie bleibt auch konstant hoch.

Warum die Zahl der Anzeigen in den vergangenen Jahren gesunken ist, darüber können sie nur spekulieren. „Wir haben seit einigen Jahren eine neue Gesetzeslage, die es der Polizei ermöglicht, in solchen Fällen früher und wirkungsvoller zu intervenieren. Dadurch können wir Opfer besser schützen und gegenüber dem Täter konsequenter sein. Das verhindert möglicherweise, dass Schlimmeres passiert“, sagt Erhard Werth von der Polizei St. Wendel. So gab es 2011 keine Morde oder Mordversuche, keinen Totschlag und auch keine Anzeigen von Vergewaltigungen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. In 62,9 Prozent der Fälle handelte es sich wie eingangs beschrieben um leichte Körperverletzung. Die Sensibilität für das Thema ist auch bei der Polizei gestiegen. Dort gibt es Beamte, die speziell für dieses Thema ausgebildet sind und den Opfern beistehen. Zudem sei die Hälfte der Beamten für den Einsatz vor Ort bei häuslicher Gewalt geschult, teilt Werth mit. Die Frauenbeauftragte des Landkreises sieht einen weiteren Grund für die niedrigen Zahlen in der weniger starken Öffentlichkeitsarbeit. „Je mehr Aufklärung betrieben wird über häusliche Gewalt und Hilfsangebote desto mehr Fälle werden angezeigt“, meint Ursula Weiland. Sie selbst spüre das auch, die Nachfrage nach entsprechender Beratung steige dann.

Wenn eine Frau schließlich den Mut findet, zur Polizei zu gehen, hat sie meist ein jahrelanges Martyrium hinter sich. „Die Frauen ertragen das oft 15 Jahre, bis sie gehen“, berichtet die Frauenbeauftragte aus ihrer Beratungserfahrung. Die Gründe dafür seien vielfältig. Auf der einen Seite steht der Mann, der schlägt, einsperrt, bedroht, beleidigt, erniedrigt. Auf der anderen Seite steht der Mann, den die Frau liebt, der sich entschuldigt, mit dem sie Kinder hat, der das Geld nach Hause bringt, der beliebt ist in der Nachbarschaft, dem das keiner zutraut. Und dazwischen die Frau, die scheinbar nur einen Ausweg hat: weggehen. Aus dem Haus, weg von der Familie und Freunden, in eine ungewisse Zukunft ohne Absicherung. So zumindest stellt es sich häufig aus Sicht der betroffenen Frauen dar. Dazu gesellen sich Scham, Schuldgefühle, ein zerstörtes Selbstwertgefühl, die Flucht in Alkohol oder Medikamente und die Angst vor Ablehnung. „Die Auswirkungen des Beziehungsendes werden von den Frauen häufig als schlimmer eingeschätzt als das eigene Leid“, meint Erhard Werth von der St. Wendeler Polizei. „Außerdem können die Opfer häufig nicht auf Unterstützung aus dem sozialen Umfeld hoffen.“ Zum einen, weil der Täter das Umfeld jahrelang mit Informationen zu seinen Gunsten versorge und dem Opfer nicht geglaubt werde. Zum anderen, weil dem Opfer selbst die Schuld gegeben wird. „Warum geht sie nicht, wenn sie geschlagen wird, fragen dann viele. Wir brauchen mehr Verständnis für die Opfer und mehr Ächtung für den Täter“, fordert die Frauenbeauftragte Weiland.

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