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Profi-Zocker Denis Howell (22) aus Landsweiler-Reden ist einer der besten und bestbezahlten Computerspieler der Welt

Denis bei der Arbeit und während eines Interviews. Fotos: mousesports

Denis bei der Arbeit und während eines Interviews. Fotos: mousesports

Wie ein Profikiller sieht Denis nicht aus. Eher wie ein Popstar, wie der Sänger einer Boyband: Fünf-Tage-Bart, das Haar sauber gestylt. Und immer irgendwie cool.

Ein Profi eben. Aber ein Killer? Streng genommen stimmt es. Denis Howell, 22, verdient sein Geld mit Töten. Doch nicht in der wirklichen Welt, natürlich nicht. Sondern in der virtuellen Welt. Denis Howell ist einer der besten Computerspieler der Welt. Er fliegt rund um den Globus zu Turnieren, er hat Werbeverträge und Autogrammstunden. Vieles erinnert an das Leben eines Fußballprofis, bloß dass er auf einen Bildschirm starrt, ein Headset aufhat und eine Maus in der Hand. Er ist ein Star. Ist er das? „Ja, kann man schon sagen. Man wird auch auf der Straße schon häufiger mal erkannt.“ Auch im Saarland. Im Sommer auf dem Dorffest in Schiffweiler sei jemand in seinem Trikot rumgelaufen, erzählt Denis.

Das Spiel, das Millionen begeistert, aber nur ganz wenige so gut beherrschen wie er, heißt „Counter-Strike“, zu Deutsch: Gegenschlag. Es ist der Prototyp eines „Killerspiels“, wie es seit den Neunzigern durch Talkshows und Politikerköpfe geistert. Vor allem dann, wenn wieder ein Amoklauf passiert.

Viele Wissenschaftler widersprechen. Wer „Killerspiele“ zum Sündenbock für solche Taten erkläre, erspare sich das Nachdenken über die tatsächlichen Ursachen der Gewalt. Denis Howell aus Landsweiler-Reden sieht es genauso. „Killerspiele gleich Amoklauf – diese Erklärung ist zu einfach und zu billig, auch nicht mehr zeitgemäß. Sie ignoriert die wirklichen Probleme, die diese Leute haben. Damit man sich mit dem Thema nicht mehr befassen muss.“ Einer Studie von 2015 zufolge spielen in Deutschland knapp 60 Prozent der Jungs im Alter zwischen 12 und 19 „brutale bzw. besonders gewalthaltige“ Spiele. „Counter-Strike“ wurde weltweit von über 25 Millionen Menschen gekauft. „Und die sind keine Amokläufer “, sagt Denis. Er stellt sich der Diskussion, wird auch oft danach gefragt. Für ihn ist das Thema Gewalt aber „nebensächlich“: „Es geht nicht ums Töten. Es geht um Taktik und Teamarbeit.“

Denis spielt seit anderthalb Jahren beim FC Bayern der Szene. Bei „mousesports“, Aushängeschild des so genannten E-Sports in Deutschland mit fast 250 000 Facebook-Fans. Der Sport hat sich in den vergangenen 20 Jahren aus der Nische ins helle Rampenlicht katapultiert. Es gibt Millionenpreisgelder, Live-Übertragungen in Fernsehen und Internet, Kommentatoren, Expertenanalysen. „Im Endeffekt läuft vieles wie im Fußball . Dort gab es früher auch kein großes Geld. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Zuschauer und Sponsoren.“ Denis ist überzeugt, dass sein Sport noch populärer werden wird. In den USA sind inzwischen Schauspieler und Ex-Sportler ins Geschäft eingestiegen. „Es entwickelt sich weiter“, sagt Denis: „Wenn Asien dazukommt, wird es nochmal viel, viel größer.“

Allein ins Team von „mousesports“ zu kommen, ist eine Riesenleistung. Denis erhält ein Grundgehalt, dazu kommen Preisgelder und Prämien. Wenn es schlecht läuft, verdient er in einem Jahr über 100 000 Euro. In einem guten Jahr gebe es „kaum Grenzen nach oben“.

Seine Mannschaft besteht aus zwei Deutschen, einem Spanier, einem Holländer und Nikola Kovac aus Bosnien, für viele die Nummer 1 der Counter-Strike-Spieler. Das Team hat einen Manager und einen Trainer aus der Ukraine, andere Top-Mannschaften engagieren auch Ernährungsberater und Fitnesstrainer . Alle drei bis vier Wochen finden Turniere statt, Köln, Birmingham, Atlanta, Sao Paulo, Malmö, Kattowitz, New York. Gespielt wird meist in großen Arenen vor Tausenden Zuschauern. Denis genießt es: „Da ist eine Stimmung wie im Fußballstadion. Wenn man vor einem Spiel in die vollbesetzte Halle kommt, seinen Namen hört, die Fans klatschen, das ist ein krasses Gefühl.“ Ein Leben als Star. „Ich hatte großes Glück“, sagt Denis: „Mit dem, was ich gerne mache, Geld zu verdienen, ist cool. Ich war zur perfekten Zeit am richtigen Ort.“

Angefangen mit „Counter-Strike“ hat Denis mit 16, ein Freund hatte das Spiel auf dem PC. Denis fand's gut, kaufte es sich auch – und hörte mit dem Zocken nicht mehr auf. Er wurde besser und besser, nahm an Ligaspielen teil, bekam Angebote von erfolgreichen Teams, wechselte mehrfach, dann zu „mousesports“. Wobei er Wert darauf legt, immer auch ganz normale Sachen gemacht zu haben, die Leute in seinem Alter so machen: Weggehen, Abhängen, Fußball . „Dass wir nur im Dunkeln sitzen und zocken, das ist ein falsches Weltbild.“ Als das Abi bevorstand, war für Schule, Fußball im Verein und Computer dann aber nicht genug Zeit. „Computer hat mir mehr Spaß gemacht. Es war die richtige Entscheidung.“

Seine Eltern waren lange trotzdem strikt dagegen. „Wie alle Eltern wollten sie nicht, dass ich so viel am PC sitze.“ Vor allem sein Vater fand's blöd. „Heute guckt er jedes Spiel“, sagt Denis und lacht. Von seinem Vater hat Denis Selbstvertrauen und eine professionelle Einstellung mitbekommen. „Wenn ich was mache, versuche ich, der Beste zu sein. Ich habe mein Talent früh erkannt und wollte mich permanent verbessern. Das will jeder Spieler auf dem Niveau.“ Verbessern heißt: Denis' Körper wurde über Jahre so geschult, dass jede Bewegung automatisch funktioniert, im wahrsten Sinne jeder Handgriff sitzt. Allein seit 2012, so schätzt er, hat er 3000 bis 4000 Stunden „Counter-Strike“ gespielt. Bei CS, so die Abkürzung, geht es um Kämpfe zwischen Terroristen und der Polizei , Fünf gegen Fünf, beide Seiten müssen Aufträge erfüllen. Es ist eine Jagd durch Burgen und Paläste, mit Sturmgewehr, Messer und Granaten. Es wird geballert, Blut spritzt, virtuelle Menschen sterben. Zählweise und Zeitlimits machen die Sache „echt spannend“, sagt Denis.

Virtuelles Töten als E-Sport? Der Tübinger Kulturwissenschaftler Christoph Bareither hat sich in seiner Doktorarbeit damit beschäftigt, Titel: „Gewalt im Computerspiel. Facetten eines Vergnügens“. Nach unzähligen Stunden der Beobachtung und vielen Gesprächen hat er festgestellt: „Für Spieler von Ego-Shootern wie ,Counter-Strike' steht der Wettkampf, der Leistungsvergleich ganz groß im Vordergrund. Wie in jedem anderen Sport auch. Das Besondere ist aber eben: Der Leistungsvergleich wird mit virtueller Gewalt ausgetragen.“

Das sei für viele erschreckend, da Gewalt in unserer Gesellschaft verachtet wird. „Für die Spieler selbst ist das aber völlig normal. Sie nutzen virtuelle Gewalt als ein Mittel, um im Wettkampf starke Emotionen zu erleben. Wenn man die Spieler auf Turnieren begleitet, merkt man schnell: Was sie tun und wie sie miteinander sprechen, erinnert nicht so sehr an Krieg, sondern eher an die Fußball-Bundesliga. Es gibt Teams, Trikots, Strategien und genaue Wettkampfregeln. Das kann man gut oder auch schlecht finden. Fest steht: Diese Mischung aus Fußballspiel und Actionfilm macht tausenden Spielern sehr viel Spaß.“ Denis Howell, dem Profi, macht sein Beruf auch immer noch Spaß. „Sonst kannst du es nicht machen. Wenn man nur noch fürs Geld spielt, ist man fehl am Platz.“ Einige gute Jahre dürften Denis noch bevorstehen mit seinen 22. Die ältesten Profis sind 30 und gewinnen weiter Turniere. Denis könnte also ein reicher Mann werden. Dass er ausgesorgt haben wird, wenn es weiter so gut läuft, glaubt er aber nicht. Er will noch studieren, vielleicht später in der Branche bleiben. Jetzt aber ist Denis auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Oder auf dem Weg dahin. „Von den Erfolgen her ist noch Luft nach oben“, gesteht er. Denis möchte ein Major-Turnier gewinnen, er will die Champions League.

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