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Rechtsmedizin bekommt private Konkurrenz

Saarbrücken. Menschen finden Knochenreste im Keller ihres neu gekauften Hauses. Andere einen Totenkopf hinter der Bushaltestelle. Wie lange sind diese Menschen schon tot? Gab es Gewalteinwirkung? Fundstücke dieser Art landeten bisher in der Rechtmedizin in Homburg, meist bei Fachärztin Dr. Daniela Bellmann (37). Sie war dort acht Jahre beschäftigt, als Angestellte der Universität des Saarlandes. Seit 22. Juli ist Bellmann selbstständig.

Zusammen mit ihren Homburger Kollegen Dr. Andreas Schuff (41) und Susanne Kirsch (48) hat sie die erste private Rechtsmedizin im Land gegründet. Für ihre Remaks-GmbH wurden Büros am Winterberg-Klinikum in Saarbrücken angemietet; Sektionsräume können mitgenutzt werden. Doch Leichenöffnungen (Obduktionen) machen nur rund zehn Prozent der Aufträge aus, schätzen die Drei. Gutachten sind ihr Haupt-Arbeitsfeld. Sie rekonstruieren Verkehrsunfälle, überprüfen Behandlungsfehler, erstellen Dokumentationen von Verletzungen bei Gewalttaten, helfen bei der Identifizierung unbekannter Toter. Morphologie ist Bellmanns Spezialität, sie nennt es ein „Alleinstellungsmerkmal“ von Remaks. Dabei geht es um (Video-)Bild-Identifikationen: Ist der Bankräuber oder der geknipste Raser identisch mit dem Verdächtigen?

,,Wir sind ein reiner Dienstleistungsbetrieb“, sagt Schuff, um den Unterschied zum Uni-Institut zu erklären, das seinen Schwerpunkt in Forschung und Lehre hat. Doch beide Einrichtungen haben die selbe Kundschaft: Staatsanwaltschaft, Gerichte, Polizei, Versicherungen, im Ausnahmefall Privatpersonen. Eine Gebührenordnung sorgt zudem für weitgehende Gleichschaltung der Preise. Man kann sich ausmalen, dass das Land vorrangig an der Auslastung seiner eigenen, der Homburger Rechtsmedizin interessiert sein wird. Kirsch ist trotzdem optimistisch. In Homburg hätte es durchaus Engpässe gegeben; monatelange Laufzeiten für Gutachten seien keine Seltenheit. „Wir hoffen, dass sich die Ermittlungs-Verfahren im Saarland beschleunigen. Wir können wendiger reagieren, auch mal kurzfristig Personal einstellen. Wir entlasten Homburg und die Polizei“, sagt Schuff. Auch Bellmann betont, Remaks sei nicht auf Konfrontation, sondern auf Kooperation mit den Homburgern aus.

Solchen Äußerungen begegnet ihr ehemaliger Chef Professor Jochen Wilske mit Skepsis. „In der Regel lohnt sich ein rechtsmedizinisches Institut unter einer Million Einwohner nicht.“ Der Abschied seiner Mitstreiter löste offensichtlich nicht nur eine persönliche Enttäuschung aus, sondern riss auch eine akute Personallücke. Eine Schwächung der Homburger Einrichtung? Im Gegenteil. „Wir stehen demnächst stabiler da als je zuvor“, sagt Wilske. „Es hat einen Schub gegeben.“ Demnächst habe sein Institut acht statt sechs Arzt- und Professoren-Stellen. Dies bestätigt Staatssekretär Gerd Müllenbach (Inneres). Er kündigt für Frühjahr 2010 eine Umstrukturierung an. „Wir haben ein hohes Interesse an einer bestens funktionierenden und ausgelasteten universitären Rechtsmedizin.“ Die gehöre zur Arztausbildung. Man wolle aber Polizei oder Gerichte schneller bedienen. Deshalb sei die Aufspaltung in ein reines Dienstleistungszentrum und in eine Abteilung für Forschung und Lehre geplant. Schon länger habe man „Schwachstellen“ gesehen: „Wir konnten Ärzten keine Perspektive bieten.“ Denn ihre Beschäftigung unterliegt dem Hochschulrahmengesetz, läuft auf Zeit. Unbefristete Stellen sind eine Rarität oder an eine Habilitation gebunden. So stehen erfahrene Leute wie Bellmann oder Schuff irgendwann auf der Straße. Es ist denn auch genau dieser Umstand, der die beiden nach eigenen Aussagen zum Weggang bewogen hat. Zu früh? Mit der Neukonzeption werden laut Müllenbach unbefristete Stellen geschaffen.
Cathrin Elss-Seringhaus (SZ)

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