A8 Neunkirchen Richtung Saarlouis Zwischen AS Schwalbach/Schwarzenholz und AS Schwalbach Dauerbaustelle, Arbeiten am Mittelstreifen, linker Fahrstreifen gesperrt bis 28.10.2017 16:00 Uhr Zweiter Fahrstreifen auf Standspur eingerichtet. (26.05.2017, 13:53)

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Reportage: So läuft es in der Saarbrücker Arbeitsagentur

Sie ist blond, jung, trägt einen gelben Pullover und hält einen Mutterpass in der Hand. Gemeinsam mit ihrem Begleiter – er ist dunkelhaarig, jung, trägt eine schwarze Jacke und eine schwarze Kappe – steht sie im gläsernen Aufzug und will nach oben. Auf Etage zwei steigt das Paar aus, eine Familie füllt den Lift. Die Mutter mit Kopftuch und langem schwarzen Mantel, die beiden Söhne in Jeans und Pullover.

Der Lift in der Saarbrücker Arbeitsagentur verlockt dazu, sich Geschichten auszudenken zu all den Personen, die ihn benutzen. Wenn man genau hinsieht und genau hinhört, erfährt man auch so einiges zwischen Erdgeschoss und fünftem Stock. Kunst kann man sich obendrein anschauen; die Skulpturen im Atrium hat Franz Eggenschwiler geschaffen.
Dritte Etage: In Zimmer 3072 wartet Katja Bies (43) auf Daniela Airo-Schille. Die 36-Jährige ist pünktlich und freut sich, dass die Beraterin sich heute viel Zeit für sie nehmen kann. Bies gehört dem Team INGA (Interne ganzheitliche Integration) an. Hier ticken die Uhren anders. Langsamer. Die Berater können sich den Arbeitssuchenden länger widmen: 90 Minuten stehen für das erste Gespräch zur Verfügung, jeweils eine Stunde für die Folgegespräche, die mindestens einmal pro Monat stattfinden. Und die Termine werden nicht wie sonst üblich zugeteilt, sondern zwischen den Beratern und ihren Kunden vereinbart.

Katja Bies hat Sozialwesen studiert, dann als Sozialarbeiterin gearbeitet und als Quereinsteigerin 2008 bei der Agentur für Arbeit begonnen. Die große, schlanke Frau mit dem kurz geschnittenen Haar wirkt offen und zugewandt. „Ich möchte nicht, dass jemand Angst hat“, sagt sie. Allerdings setzt sie bei ihren Kunden Einsatzbereitschaft und Eigenständigkeit voraus. „Ich habe früher im U25-Team junge Menschen beraten, wollte aber nie Kindermädchen sein, sondern Selbstständigkeit fördern.“

Ein Kindermädchen bräuchte Daniela Airo-Schille auch allenfalls für ihre Tochter. Die ist drei Jahre alt und hat einen Kindergartenplatz bis 13.30 Uhr. Der Vater kommt um 14.30 Uhr von der Arbeit. 60 Minuten, die Daniela Airo-Schille die Jobsuche erschweren. Sie braucht eine Halbtagesstelle oder Vollzeit mit Mittagspause und Vorgesetzte, die darauf Rücksicht nehmen, dass das Kind pünktlich abgeholt werden muss.

Zweites Problem: Daniela Airo-Schille hat ihre Ausbildung zur Restaurantfachfrau nicht abgeschlossen. Katja Bies denkt pragmatisch. „Ich mache erst einmal Ihre Daten flott.“ Am Bildschirm kann Daniela Airo-Schille das verfolgen. Da wird eingetragen, was sie gut kann, zum Beispiel außer Deutsch auch Englisch, Französisch und Italienisch sprechen. Sie ist wortgewandt, das hat sie bei ihrer Arbeit in einem Callcenter bewiesen. Doch das reicht nicht. Die Gastronomie, in der sie bis 2001 tätig war, kommt aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in Frage. Ihr Ziel ist eine Tätigkeit im Bürobereich. Wer dort sucht, muss meist Buchhaltung beherrschen. Was tun? Katja Bies bietet einen Ausbildungsgutschein für Buchhaltung an. Sie bleibt trotz aller Widrigkeiten optimistisch. Daniela Airo-Schille arbeitet seit ihrem 18. Lebensjahr mit nur zwei Unterbrechungen von jeweils einigen Monaten. „Wenn jemand so viele Jahre im Beruf war, ist das schon was“, sagt die Beraterin. Allerdings ist sie auch realistisch: „Weil Sie keine Ausbildung haben, müssen Sie mehr Klinken putzen.“ Katja Bies schaut wieder auf den Monitor: „Wie steht es mit Reisebereitschaft?“ Die ist wegen des Kindes nicht vorhanden, der Suchradius wird auf 25 Kilometer eingeschränkt. Auch das mindert die Chancen. Dabei bietet gerade die Großregion Arbeitssuchenden vielfältige Beschäftigungsmöglichkeiten. Heidrun Schulz, Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland, sieht beispielsweise die europäischen Institutionen in Luxemburg als Anbieter für Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor, die sonst in der Region nicht angeboten werden. Für die grenzüberschreitende Vermittlung stehen in den Arbeitsagenturen spezielle Berater zur Verfügung.

Die Kantine („Tagessuppe ein Euro“) im Erdgeschoss steht Beratern und Kunden gleichermaßen offen. Wer dort Pause macht, kann schon einmal Zeuge von Beratungsgesprächen besonderer Art werden. Ein Paar sitzt sich an einem Tisch gegenüber. Er trinkt Kaffee, sie Limonade. Den entscheidenden Satz spricht sie so laut, dass er an allen umliegenden Tischen gut zu verstehen ist: „So geht es nicht weiter. Du brauchst auch einen Job“, sagt sie aufgebracht. Daniela Airo-Schille ist nun schon seit einigen Wochen auf der Suche. Sie telefoniert regelmäßig mit ihrer Ansprechpartnerin bei der Arbeitsagentur, schickt ihr E-Mails. Die Beraterin weiß jederzeit, was sie gerade unternommen hat, welche Bewerbungen sie geschrieben und abgeschickt hat. Katja Bies berät nicht nur fachlich, sie verfügt auch über die Gabe, Mut zu machen. Jüngste Erfolgsgeschichte: Eine 62-jährige Frau, die zehn Jahre lang Angehörige gepflegt hatte, wollte wieder zurück ins Berufsleben. Und sie hat es trotz des Alters geschafft. Jetzt sei sie, sagt Katja Bies, „Frontfrau“ in einem Gartenbaubetrieb und schmeiße den kompletten Bürobereich. Im Bewerbungsgespräch hat sie sich gegen eine viel jüngere Bewerberin durchgesetzt. Katja Bies: „Ich bin begeistert."

Die Freude in der dritten Etage setzt sich im Lift nach unten nicht fort. Ein Ehepaar mit einem kleinen Jungen schaut sorgenvoll und unterhält sich leise. Für die riesige Halle mit den Kunstobjekten haben sie keinen Blick. Und ihren Sohn interessiert nur eines: Wie funktioniert so ein Lift eigentlich?
 
Hintergrund
340 Beratungsgespräche werden in dem Haus in der Saarbrücker Hafenstraße täglich geführt: 53 Personen leisten Arbeitsvermittlung, Berufsberatung und Rehabilitationsberatung. Im Arbeitgeberservice kommen noch einmal 28 Personen hinzu; sie stehen meist in Telefonkontakt mit Arbeitgebern. 22.550 Quadratmeter Nutzungsfläche – Tiefgarage, Versorgungs- und Technikräume eingeschlossen – hat das fünfstöckige Haus mit dem weitläufigen Atrium, das ein wenig an ein modernes Hotel erinnert. 50 Prozent dieser Fläche nutzt die Agentur (einschließlich Berufsinformationszentrum), 40 Prozent das Jobcenter, zehn Prozent die Familienkasse. Geplant hat das Gebäude der Saarbrücker Architekt Hubertus Wandel. des
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