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Rosenmontagsumzug ist Höhepunkt: Heute geben Saar-Narren alles



Peter Lang und Karl Albert sind Meister der Diplomatie: zumindest bis zum heutigen Rosenmontag. Der eine ist Präsident der Karnevalsgesellschaft ,,Mir sin do“, die federführend den größten Rosenmontagsumzug Südwestdeutschlands in Saarbrücken- Burbach organisiert. Der andere steht an der Spitze des Neunkircher Karnevalsausschusses. Diesem gehören acht Karnevalsvereine an. Gleichzeitig ist Albert aber auch noch CDU-Fraktionsvorsitzender im Neunkircher Stadtrat, was ihm gerade auf dem Höhepunkt der ,,tollen Tage“ das Leben nicht gerade erleichtert. Denn beide Herren werden, je näher der Umzug mit geschätzten 150 000 Besuchern in Saarbrücken und 100 000 Gästen in Neunkirchen rückt, auffallend häufig von der lokalen Prominenz ,,beachtet“. Dabei geht es nur um eine Frage: ,,Wer darf auf die Ehrentribüne?“

Sehen und gesehen werden: Das ist die halbe Miete in der Fastnacht. Und wer für zwei, drei Stunden räumlich leicht erhöht über den ,,bürgerlichen Narren“ thronen darf, fühlt sich wohl sehr schnell auch wie ein kleiner König. Diesmal stürzt sich alles auf Neunkirchen. Denn von dort aus überträgt der SR den Umzug, 2014 ist wieder Saarbrücken dran. Doch das interessiert zumindest die Politiker nicht: 2013 wird gewählt. Da muss man von Neunkirchen aus gesehen werden. Auch viele Besucher verstehen sich hervorragend darin, in die Kameras zu winken. Schon lange vor dem Beginn des Umzugs kundschaften sie „professionell“ aus, wo der SR aufbaut.

Einen wie Heiner Harry (65) kann so schnell wohl nichts erschüttern. Er ist der ruhende Pol in der Vorbereitungs-Hektik. Die Neunkircher Karnevalisten nennen ihn gerne ,,Baron de Bonbon“, weil er schon jeweils ab Oktober des Vorjahres in riesigen Mengen all die Süßigkeiten ordert, die von den Motivwagen an die ,,Guzzjesjäger“ verteilt werden. Selbst der Samstag vor dem Umzug, wenn alle Vereine die Wagenladungen abholen, wird stets zu einem kleinen Fest: selbstverständlich mit dem ,,Baron“ am Grill. Dieser ist seit 45 Jahren dabei, kommt vom Traditionsverein ,,Die Plätsch“.

Heiner Harry kennt sie alle. Auch die verschiedensten Spezies von Besuchern, die den Zug säumen. Oder bis zum Ziel mit laufen, um möglichst alles ,,abzugrasen“, was es an Bonbons und anderen Spezialitäten so gibt. Harry bezeichnet sie gerne als ,,Zugvögel“. Dann gibt es da auch noch die ,,Schluckspechte“, die genau in dem Moment, in dem der Zug ihren Stellplatz erreicht, mit einer schnellen, klaren Geste per Hand in Richtung Prinzenwagen sowie an andere Motivwagen den Wunsch nach einem Schnäpschen signalisieren. Alkohol während des Umzugs ist jedoch mittlerweile nahezu tabu. Größeren Erfolg haben da schon Familien, die sich erhoffen, dass mal die eine oder andere Süßigkeit für die Sprösslinge abfällt.

Da gibt es zuweilen sogar ,,geheime Verabredungen“. Karl Albert, im Zivilberuf Direktor am Landesrechnungshof, packt schon vor der Abfahrt kleine Päckchen mit Süßigkeiten, die er persönlich verteilt. Zumal manche Eltern zuvor persönlich Bescheid geben, wo sie stehen werden. Dann kommen Papa oder Mama eben mal kurz zum Prinzenwagen. Wer auf dem Prinzenwagen mitfährt, erlebt zumindest auf dem ersten Kilometer keinen Luxus. Zwischen den 250 Kartons kann man sich kaum bewegen. Diese sind prall gefüllt mit den begehrten ,,Wurfgeschossen“, darunter zwei Tonnen Bonbons sowie 30 weitere Köstlichkeiten: Würstchen, Popcorn, Chips, eben allerlei Schmackhaftes.

Vor dem Umzug lässt ,,Baron de Bonbon“ an die Vereine fünf Tonnen Bonbons und drei Tonnen Schokoriegel verteilen. Was kaum einer weiß: Selbst der Prinzenwagen sowie die Motivwagen werden in Rekordzeit „gebaut“. Meist steht nur das Wochenende vor dem Umzug zur Verfügung. Denn Wagen kosten Miete. Hinter den Kulissen der Umzüge in Neunkirchen und Saarbrücken wirken Hunderte von Helfern mit, ohne die nichts ginge. Zumal die großen Umzüge zwar Imageträger für die Städte sind, aber ein Verlustgeschäft bleiben. 8000 Euro stellt die Stadt Neunkirchen im Haushalt als Unterstützung für den Rosenmontagsumzug bereit. Alleine könnte sie das Ereignis aber auch nicht stemmen.

Hinzu kommen viele kleine und durchaus auch größere Spenden: von Vereinsmitgliedern, Senatoren, Geschäftsleuten und anderen. In Saarbrücken sieht die Situation ähnlich aus. ,,Mir sin do“ Präsident Peter Lang, seit 13 Jahren in dieser Funktion und schon 23 Jahre als Karnevalist dabei, kalkuliert für den Zug durch Burbach eine Summe von über 25 000 Euro. Aus dem Haushalt der Landeshauptstadt kommen 11 700 Euro. Zuletzt haben sich die Kosten für die zahlreichen Sicherheitsmaßnahmen verdoppelt, erläutert Lang. Entlang der Strecke sind 380 Leute im Einsatz: das Deutsche Rote Kreuz mit zwei Zelten genauso wie über 20 Feuerwehrleute, 120 Polizisten, die direkt der Einsatzleitung unterstehen sowie Bereitschaftspolizisten und das THW.

7000 Euro haben die Organisatoren allein für Bonbons und Lutscher ausgegeben. Da der Rosenmontagszug keine Gewinne abwirft, müssen die Vereine auf anderem Weg dafür sorgen, dass Geld in die Kasse kommt. Haupteinnahmequelle sind die vielen Veranstaltungen. Ergänzt um Vereinsbeiträge sowie Spenden. Nachwuchssorgen gibt es derzeit noch nicht, sagt Peter Lang. Oft fragten Eltern an, ob ihr Nachwuchs mal vortanzen darf. Schwieriger sei es schon, gute Büttenredner zu finden. Eine Sorge treibt aber fast alle Vereine um: Die Besucherzahlen der Kappensitzungen gehen zurück.

Ein Grund ist wohl auch die ausufernde Zahl an Fastnachtsübertragungen im Fernsehen. Fast jeden Abend. Peter Lang, inzwischen 67, sieht den Rosenmontagszug in der Landeshauptstadt zumindest für die kommenden fünf Jahre als gesichert an. In Neunkirchen dürfte das ähnlich sein. Beide Standorte handeln auch nicht mehr wie Konkurrenten. So erklärt sich, warum die Neunkircher gelassen hinnehmen, dass ihr Umzug laut Statistik stets weniger Besucher hat als der in der Landeshauptstadt. Karl Albert lächelt: ,,Wir zählen bei der Zahl der Besucher eben die Köpfe, die Saarbrücker die Beine.“

HINTERGRUND

Der Rosenmontagsumzug in Saarbrücken-Burbach startet um 13.11 Uhr, in Neunkirchen um 14.11 Uhr. In der Landeshauptstadt werden nach Angaben der Veranstalter bis zu 100 Fußgruppen, Wagen, Kapellen, Garden und Majorettes erwartet. Größte Einzelgruppe mit rund 80 Tänzerinnen und Tänzern wird die Tanzschule Bootz-Ohlmann sein, die auch einen Festwagen stellt. In Neunkirchen sind nach Angaben der Veranstalter 41 Abteilungen mit 120 Gruppen und insgesamt 1596 Zug- Teilnehmern unterwegs. ts


Die Fotos von den Fastnachts-Umzügen und weitere Termine gibt's unter: www.sol.de/aktionen/2013/fastnacht2013/


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