L125 Neunkirchen Richtung Saarbrücken-Johannisbrücke Kreuzung Neunkirchen-Sinnerthal Vollsperrung, Bauarbeiten bis 01.05.2018, eine Umleitung ist eingerichtet Die Sperrung erfolgt aufgrund von Sanierungsarbeiten am Brückenbauwerk und der Fahrbahn im Bereich "Plättches Dohle" (18.04.2017, 10:58)

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Saar-Bandenchef kassierte sogar Kindergeld seiner Opfer

In diesem Haus in Hüttigweiler wurden ausländische Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen untergebracht.

In diesem Haus in Hüttigweiler wurden ausländische Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen untergebracht.

Die Fassade des Hauses in der Schwabenstraße in Hüttigweiler ist heruntergekommen. Die Rollläden hängen teilweise schräg in den Fenstern. Zwei Türen zur Straße hin stehen offen. Das Gebäude wirkt an diesem Donnerstagmittag verlassen. Doch: Im Wintergarten mit der zerbrochenen gelben Fensterscheibe hängt Wäsche. Viel Wäsche. Es sind die Kleidungsstücke einer Großfamilie, 13 Bulgaren, mehrere Mütter, Väter und sogar kleine Kinder. Sie leben hier seit vielen Monaten, sagen Anwohner. Angeblich ohne Heizung und warmes Wasser. Plötzlich wird es laut. Denn aus einer der Türen treten ein junger Mann und zwei Frauen heraus. Es sind Mitarbeiter des Ordnungsamtes und eine Dolmetscherin. Hinter ihnen gehen einige der Bulgaren. Sie sind aufgeregt. ihnen wurde gerade erklärt, dass sie die Wohnung verlassen müssen.

Die Bulgaren, die unter menschenunwürdigen Umständen in der Schrottimmobilie leben mussten, wurden – so die Ermittlungen des Dezernates Menschenhandel beim Landespolizeipräsidium – von ihrem Boss und Arbeitgeber schamlos ausgebeutet. Am frühen Donnerstagvormittag setzten die Fahnder den mutmaßlich kriminellen Machenschaften des 51 Jahre alten Deutsch-Türken Ü. aus Schiffweiler ein zumindest vorläufiges Ende. Ein Haftbefehl des Amtsgerichts Saarbrücken wurde gegen ihn vollstreckt. Seine Ehefrau (35) und eine 60-jährige Nachbarin aus Schiffweiler wurden ebenfalls festgenommen. Ein Richter bestätigte später die Haftbefehle gegen beide Frauen. Auf Baustellen in Offenburg und Waiblingen (Baden-Württemberg) wurden fast zeitgleich ein Rumäne (36) aus Neunkirchen und ein 46 Jahre alter Deutsch-Türke, ein Cousin von Ü., mit Adresse in Saarbrücken dingfest gemacht. Beide gelten als Vorarbeiter ihres Chefs aus Schiffweiler, der als „faktischer Geschäftsführer“ mindestens einer Firma aus der Stahl- und Baubranche eingestuft wird. Die Gesellschaftsanteile an der Firma werden seiner zweiten Frau zugeschrieben. Unter dem gemeinsamen Dach in Schiffweiler lebte bis gestern angeblich auch die erste Frau des Geschäftsmannes, der nach SZ-Informationen wegen Flucht-, Verdunkelungs- und Wiederholungsgefahr in Untersuchungshaft wanderte. Dort saß er übrigens früher schon längere Zeit, wurde 2006 wegen millionenschweren Sozialabgabenbetrugs und illegaler Beschäftigung zu drei Jahren Haft verurteilt.

Damals hatte er hauptsächlich türkische Arbeiter zu Hungerlöhnen als Eisenflechter (Baustahlarmierer) illegal beschäftigt. Jetzt stammen seine Opfer vorwiegend aus Bulgarien und Rumänien. Für Staatsanwalt und Polizei ist Unternehmer Ü., der angeblich auch mit bekannten saarländischen Baufirmen Geschäfte machte, der Kopf einer „kriminellen Vereinigung“ – einer Bande gewerbsmäßiger Menschhändler und Betrüger, die hilflose Arbeiter und deren Familien schamlos ausbeutete und sogar beim Jobcenter sowie der Kindergeldkasse eiskalt abkassierte.

Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen wurden die Arbeiter in ihrer Heimat mit falschen Versprechungen – teilweise mit ihren Frauen und Kindern – ins Saarland gelockt. Die Männer, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, wurden an Baustellen für Billiglöhne eingesetzt, teilweise schwarz bezahlt. In vielen Fällen meldete der Chef seine Leute, die oft an sechs Tagen die Woche zwölf Stunden schuften mussten, als Geringverdiener beim Jobcenter an, um Sozialleistungen (Mietzuschüsse) für sie zu beantragen. Die Rumänen und Bulgaren wurden bei Behördengängen vom Chef oder dessen Vertrauensleuten begleitet. Nach SZ-Informationen hat etwa das Jobcenter in Neunkirchen nach der Vorlage fingierter Arbeitsverträge weit mehr als 100 000 Euro auf angebliche Konten der Arbeiter , über die der Hauptbeschuldigte verfügt haben soll, überwiesen. Auch bei Bankterminen soll Ü. seine Arbeiter begleitet haben und sich Vollmachten besorgt haben. Noch dreister lief wohl die Masche mit dem Kindergeld . Der Deutsch-Türke stellte mit den Daten der Arbeiter die Anträge und gab angeblich als Bankverbindung ein von ihm kontrolliertes Konto an. Als nach Monaten die Zahlungen stockten, wurde sogar ein Anwalt bemüht.

Dreh- und Angelpunkt der kriminellen Machenschaften war wohl ein Haus in der Schulzenstraße in Schiffweiler, der bisherigen Residenz des Unternehmers. Gegen sechs Uhr am Morgen fuhr dort eine Kolonne von Polizeiautos vor. „Die ganze Straße war voll. So etwas habe ich hier noch nicht erlebt“, sagt eine Anwohnerin. Im Haus lebte der Mann, von dem die Polizei kürzlich erst ein Telefonat mit einem Geschäftspartner aufzeichnete. Der wollte wissen, wieso er denn wieder krumme Geschäfte mache. Er sei doch schon im Knast gewesen. Ü. soll geantwortet haben, er habe versucht, aufzuhören, könne aber nicht – und gehe das Risiko ein.

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