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Saar-Polizei gelingt Schlag gegen internationalen Einbrecher-Ring

Ein Poltern reißt Marta Müller aus dem Schlaf. Es ist eine Nacht im September 2012. Im Dunkeln erkennt die fast blinde Frau nur die Umrisse einer männlichen Gestalt. Mit einer Taschenlampe leuchtet die Gestalt das Bett der 70-Jährigen ab. Sie denkt, es ist ihr Mann Heinz. Schlaftrunken fragt sie: „Was willst du?“ Die Antwort: „Wasser.“ Marta Müller zeigt auf den Nachttisch: „Da steht eine volle Flasche.“ Sie dreht sich um – und schläft weiter. Etwas später jault ihr Hund auf. Dann ist es wieder ruhig. Die ganze Nacht lang. Am nächsten Morgen der Schock: Die Wohnung ist völlig durchwühlt, Schubladen sind herausgerissen, Schränke ausgeräumt. Das Bargeld ist weg – und Schmuck im Wert von rund 150?000 Euro.

„Es ist schrecklich. Das war der Einbrecher. Ich habe mit ihm gesprochen.“ Knapp zwei Jahre ist das Verbrechen jetzt her, doch Marta Müller (alle Namen geändert) kann diese Nacht bis heute nicht vergessen. Nervös sitzt sie mit Tochter Renate am Wohnzimmertisch ihres Hauses in Saarlouis. Die Rentnerin streicht sich über die goldenen Ringe an ihrer linken Hand, an jedem Finger steckt einer. Nur wenige Schmuckstücke haben die Einbrecher liegen lassen. „Die Diebe haben so viele Erbstücke gestohlen. Daran hingen so viele Erinnerungen. Und jetzt sind sie weg. Für immer.“ Marta Müller schüttelt fassungslos den Kopf.

Es ist eine unglaubliche Geschichte einer noch unglaublicheren Einbruchsserie, die das Saarland seit 2012 in Atem gehalten hat. Insgesamt 73 Einbrüche, so weiß man heute, gehen auf das Konto der Männer, die bei Familie Müller eingestiegen sind. Sie stahlen Bargeld, Schmuck und andere Sachen im Wert von mehreren Hunderttausend Euro.

Die Täter kamen immer nachts, immer brachen sie die Türschlösser auf, meist waren die Opfer im Haus. Doch: „Jetzt ist es vorbei. Wir haben ihn. Wir haben den Kopf der Bande endlich geschnappt“, sagt Carsten Molitor. Der 44-Jährige ist Leiter der saarlandweiten Ermittlungsgruppe „Wohnungseinbrüche“, die seit anderthalb Jahren mehrere Einbrecherbanden jagt. In Grenoble ging der Kopf der Bande, ein 40-jähriger Rumäne, der Polizei vor wenigen Tagen ins Netz. Er wurde seit einem Jahr mit internationalem Haftbefehl gesucht. Genau wie seine Kollegen, ein weiterer Rumäne, ein Kroate und ein Italiener. Inzwischen sitzen alle hinter Gittern. Zwei wurden im Sommer 2013 in Bergamo und Saarbrücken festgenommen. Mitglied Nummer vier fassten die Fahnder Anfang des Jahres in Marseille. Doch die vierköpfige Bande, die wegen des Einbruchs bei den Müllers den Spitznamen „Silberschatz“ erhielt, sei nur Teil eines größeren internationalen Netzwerks gewesen, erklärt Molitor. Auf deren Konto gehen insgesamt über 120 Einbrüche, unzählige Fälle von Hehlerei, Drogen- und Waffenhandel – und Zwangsprostitution. „Sie haben wirklich alles gemacht“, sagt Molitor.

Ein Schaubild im Dillinger Büro des Ermittlers vermittelt einen vagen Eindruck, was er damit meint. Etwa 15 Porträtbilder hängen da. Von jedem gehen ein oder mehrere Pfeile ab. Sie führen zu anderen Köpfen. Das Netzwerk. „Zumindest ein Teil davon“, erklärt Molitor. „In Wirklichkeit sind es fast drei Mal so viele Leute, die in dieser Geschichte mit drinhängen.“Lange Zeit tappte die Polizei im Dunkeln. „Das Netzwerk war gut organisiert, teilweise mit besten Kontakten ins Ausland“, sagt Molitor. Kaum habe die Kripo eine Spur gehabt, waren die Kriminellen wieder verschwunden. „Manche waren nur vier Wochen im Saarland und dann weg.“ Weg heißt: nach Rumänien, Serbien oder Frankreich.

Mit dem Einbruch bei Marta Müller, der 65. Fall der Gruppe, wie man heute weiß, kam Bewegung in die Ermittlungen. Zwei Tage nach der Tat gingen Marta Müller und ihre Tochter mit Polizisten über einen Flohmarkt in Saarlouis. Dort fanden sie einige Schmuckstücke. „Ich hätte sie unter Tausenden wiedererkannt“, sagt Renate Müller. Der Verkäufer erklärte, die Ware von einem Gold-Händler aus dem Saarland bekommen zu haben. In dessen Laden fanden die Beamten weitere Stücke. Namen rückte er nicht raus. „Dafür warnte er die Einbrecher“, sagt Molitor.

Der Kopf der Bande türmte. Die Übrigen machten zunächst weiter. „Aber ohne ihn waren sie aufgeschmissen. Er hat die Einbrüche geplant, die Türen geöffnet und die Waren verkauft.“ Ein Teil der Viererbande schloss sich dem größeren Netzwerk an, das im Raum Frankfurt auch zig Parkautomaten aufgebohrt hatte.

Die Spezialeinheit blieb ihnen auf der Spur. Sie fanden heraus, dass die Automatenknacker Kontakte zu Kriminellen in Bous hatten, die die Polizisten seit längerem observierten. Sie verdächtigten diese, in der Nachbarschaft einige Häuser ausgeraubt zu haben. Später zeigte sich, dass der Mieter des Hauses, ebenfalls ein Rumäne, der Kopf des Groß-Netzwerks war. „Ihn nannten alle nur den Brigade-Chef.“ Er war der Kontakt zu Hintermännern in seiner Heimat. Mit seiner Freundin beschaffte er Drogen und Waffen, organisierte Einbrechertrupps und Fluchtfahrzeuge, verkaufte die Waren auf dem Schwarzmarkt. „Als wir genug Beweise hatten, schlugen wir zu“, sagt der Dillinger Hauptkommissar. Das war im Juni 2013. Eine Razzia mit 280 Beamten im Saarland und in Hessen. „So eine große Aktion hat es wohl noch nie im Saarland gegen eine Einbrecherbande gegeben.“ Fast alle Mitglieder des Netzwerks wurden geschnappt. Es war erledigt. Und mit der Verhaftung des 40-jährigen Rumänen vor wenigen Tagen sind nun alle führenden Köpfe in Haft. Freude kommt bei Carsten Molitor aber nicht auf. „Es gibt derzeit noch acht weitere solcher Netzwerke im Saarland.“ Auch würden die Opfer ein Leben lang unter den Verbrechen leiden, die die Polizei nicht verhindern konnte.

Eine von ihnen ist Marta Müller. Ihr Haus gleicht inzwischen einer Festung. Mit dicken Gitter-stäben an den Fenstern und einem Sicherheitsschloss an der Tür. In allen Zimmern sind Bewegungsmelder angebracht. Doch sicher fühlen sich die heute 72-Jährige und ihre Familie nicht mehr. Sie kontrolliert jede Nacht mehrmals, ob die Türen und Fenster verschlossen sind. „Ich liege stundenlang wach und horche, ob sich was im Haus bewegt“, erzählt die fast blinde Frau – jedes Knacken lässt sie hochschrecken: „Ist es wieder soweit?“

Auf einen Blick

Die Ermittlungsgruppe „Wohnungseinbrüche“ der Saar-Polizei wurde am 21. Januar 2013 gegründet. Anlass war ein rapider Anstieg von Einbrüchen binnen eines Jahres von weniger als 2000 auf über 2400 Fälle. Noch immer ist die Gefahr nicht gebannt. „Das ist Wahnsinn, was hier gerade passiert“, sagt Carsten Molitor, Leiter der Gruppe. Das Saarland sei deshalb bei Kriminellen beliebt, weil es ein Transitland ist. Die Nähe zu Frankreich, Luxemburg und auch Belgien und Holland mache es für Verbrecher leicht, sich schnell abzusetzen und im Ausland ihre Beute zu verkaufen. Die Aufklärungsquote der Saar-Polizei bei Einbrüchen lag 2012 nur bei 10,8 Prozent. 2013 lag sie mit knapp 16 Prozent über der deutschlandweiten Quote von 15,7 Prozent. „Darauf sind wir stolz“, sagt Molitor.pbe ?

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