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Saar-Vampir Graf Drakeli macht Furore

Graf Drakeli (im Sessel) in seinem düsteren Wohnzimmer, links ein Radio mit SR3-Logo (Szenenbild aus einem Werbespot, den der SR demnächst im Fernsehen zeigt).

Graf Drakeli (im Sessel) in seinem düsteren Wohnzimmer, links ein Radio mit SR3-Logo (Szenenbild aus einem Werbespot, den der SR demnächst im Fernsehen zeigt).

Hochwald. Der Vampir ist ziemlich nett. Freundlich begrüßt er den Besucher per Handschlag und macht keinerlei Anstalten, am Hals des Gastes nach Nahrung zu suchen. „Graf Drakeli“, wie er sich nennt, wohnt offiziell in einem Schloss, das bei näherer Betrachtung aber eher an ein schlichtes Reihenhaus im Raum Saarlouis erinnert. Von dort aus schickt er sich an, die Hörer der Saarlandwelle beim SR mit seinen Abenteuern zu bespaßen. Das macht er so gut, dass aus dem saarländischen Blutsauger, der seine kleinbürgerliche Herkunft aus einem Dorf im Hochwald nicht leugnen kann, mittlerweile ein kleiner Star geworden ist.

Graf Drakeli, Phantom und Phänomen in einer Person, hat sich in nicht mal einem Jahr als „freier Mitarbeiter“ beim SR schon einen Sarg voll Ruhm erworben. Seine Fangemeinde, die Mittwochmorgens (neue Sketche) und auch an anderen Tagen (Wiederholungen) am Radio lauscht, wächst wöchentlich. Als alter Grantler beleuchtet er dann im breiten moselfränkischen Dialekt die Tücken des Alltags eines ganz normalen Vampirs aus dem Saarland, der nur seine Arbeit machen will – und dabei immer wieder an den Marotten der Dorfgemeinschaft verzweifelt.

Als die SZ ihn besucht, hat er vor allem eine Sorge: dass er unerkannt bleibt und in Frieden seinem nächtlichen Treiben frönen kann, ohne dass ihn Nachbarn, Verwandte und Bekannte ständig nach seinem blutigen Gewerbe fragen. Denn ein Vampir, dem man tagsüber kumpelhaft auf die Schultern hauen kann, dem man in der Kneipe mit Tomatensaft zuprostet und das voll witzig findet, nein: Das-will-er-nicht! Drakeli möchte Privat-Vampir bleiben, ein anonymer „Märchionkel“ aus der Provinz, der digital die Comedy-Szene aufmischt. Dem aber gleichwohl langsam dämmert, dass er gerade dabei ist, ein Stück saarländische Kulturgeschichte zu schreiben.

Als Graf Drakeli im März 2012 erstmals auf Sendung ging, war es ein Experiment, denn Moselfränkisch versteht man südlich des saarländischen Äquators, also unterhalb der „Watt-datt“-Linie St. Wendel, Schmelz und Saarlouis, nicht immer perfekt. Doch die gruseligen Geschichten des gutmütigen Vampirs älterer Bauart, der seiner Stimme nach schon die dritten Spitzzähne haben muss, kamen grandios an bei den Hörern von SR3. Der zuständige SR-Redakteur Eberhard Schilling schwärmt von einem „Volltreffer“, den der Sender gelandet habe. Das stimmt, weil auch Graf Drakeli getroffen hat, nämlich einen Nerv vieler Saarländer, die in den skurrilen Episoden aus dem Hochwald einen Hauch ihrer Mentalität und ihres Heimatgefühls wiederfinden.

Und die zuweilen Tränen lachen, wenn der Graf (in dem Sketch „Blutspende“) etwa empört feststellen muss, dass ein junger Mitarbeiter des Roten Kreuzes bei ihm anruft, um für eine Blutspende-Aktion in der örtlichen Kirche zu werben. Ein Vampir, der Blut spendet? Und dann noch in einer Kirche, wo Kreuze hängen? Das wäre ja, als würde der Papst evangelisch. Sowas macht Drakeli fassungslos, das ärgert ihn kolossal, und deshalb raunzt er in den Hörer: „Dau hasch disch vawählt! Dau hasch disch sowas von vawählt, wie sich noch niemools jemmes verwählt hott uff de ganz Welt.“
Es ist diese dialektische Art des Sprechens (in doppeltem Wortsinn: innere Widersprüchlichkeit und Plattdeutsch), es ist die anheimelnde Sprachmelodie des Hochwalds, die Graf Drakeli zu einem besonderen Exemplar regionaler Kulturgeschichte macht. Sein bissiger Vampir-Humor würde vermutlich auch auf Bayerisch oder Sächsisch funktionieren. Aber im Saarland, wo jeder jeden kennt, klingt der Erzählton der Storys besonders sympathisch. Der Erfolg gibt Drakeli Recht, obwohl: So ganz schien er dem eigenen Braten nicht zu trauen. Vorsichtig wie Igel beim Sex tastete er sich in die Öffentlichkeit, es war SR-Redakteur Schilling, der ihn durch sanftes Zureden dazu bewegen konnte, seine nächtlichen Streifzüge akustisch mit Apple Logic Pro aufzumischen und dem SR exklusiv zur Verfügung zu stellen. Drakeli stellte dabei zwar Bedingungen, doch die konnte Schilling ohne Zähneknirschen akzeptieren: Der Vampir bleibt anonym, das ist ihm ganz besonders wichtig. Denn „es ist das Unbekannte“, so erzählt er der SZ, „das die Fantasie der Leute beflügelt“. Drakeli sei vor allem interessant, weil die Bilder beim Zuhören im Kopf entstehen. Und natürlich auch, weil nichts zauberhafter ist als ein Geheimnis. Graf Drakeli, darauf legt er großen Wert, darf deshalb nicht gemalt oder gezeichnet werden. Es würde der Figur schaden, sie „blutleer“ machen.

Ungeachtet der öffentlichen Scheu seines neuen Comedy-Stars hat der SR indes die Zeichen der Zeit erkannt und begonnen, das Produkt „Graf Drakeli“ zu vermarkten. Es gibt bereits Klingeltöne für das Handy, Kaffeebecher, Schürzen, Strampler und T-Shirts, die im SR-Shop oder per Internet zu erwerben sind. Zugleich wächst die Zahl nicht nur jugendlicher Fans, die sich des Nachts bei einer Runde Rotwein um Radio oder Rechner versammeln und amüsiert den Missgeschicken des grantelnden Grafen lauschen. Klar, dass manche dabei in Fahrt kommen und der süßen Tischnachbarin augenzwinkernd zuraunen: „Pass uff, eisch beißen deisch!“


Hintergrund
Seit März 2012 ist „Graf Drakeli“ bei SR3 tagaktiv, meist Mittwochmorgens zwischen sechs und acht Uhr. Wiederholungen werden die ganze Woche über ins Programm gestreut, sodass auch Mittags- und Abends-Hörer in den Genuss kommen. Vor ihrer SR-Karriere war die Figur bereits auf der Homepage www.maerchionkel.de zu hören, die der Vater des Vampirs betreibt. In über 40 Sketchen hat der Graf schon einiges erlebt, vor allem bei Telefonaten mit Behörden und Organisationen, die wenig Verständnis für das Treiben eines Blutsaugers haben. Wie lange der Vampir nachts im saarländischen Hochwald herumfliegen will, steht noch nicht fest. bb
SR3-Podcast oder
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