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Saarbrücker Grundschule startet landesweit einzigartiges Projekt: Kinder boxen Wut und Aggressionen weg

Deniz (links) und Lucien toben sich im neuen Wut-Mut-Raum am Boxsack aus. Die Neunjährigen kuscheln aber auch gerne in der Entspannungsecke.  Foto: Becker&Bredel

Deniz (links) und Lucien toben sich im neuen Wut-Mut-Raum am Boxsack aus. Die Neunjährigen kuscheln aber auch gerne in der Entspannungsecke. Foto: Becker&Bredel

„Aaaah!“ Mit einem lauten Schrei stürzen sich Deniz und Lucien auf den Boxsack. Links-rechts-links. Im Rhythmus schlagen die Neunjährigen mit großen roten Handschuhen abwechselnd zu, kurze Zeit später sind sie außer Puste. „Das macht Spaß“, finden die Drittklässler der Grundschule Weyersberg in Saarbrücken-Burbach. Einmal in der Woche dürfen sie sich im gestern offiziell eröffneten „Wut-Mut-Raum“ austoben, auf Matten turnen oder in der Traumstation bei sanfter Musik mit dem Stoffhund kuscheln.

Hinter dem Spaß für die Kinder steht ein Konzept, das so im Saarland einzigartig ist und das es bundesweit erst an einer Schule in Baden-Württemberg gibt, sagt Schulleiterin Julia Beer. Immer mehr Kinder – auch im Grundschulalter – zeigten auffälliges und herausforderndes Verhalten. Ihnen falle es schwer, ihre Gefühle wahrzunehmen und angemessen etwa mit Frust und Trauer umzugehen. Durch aggressives Verhalten störten sie den Unterricht . „Das stellt uns vor große Herausforderungen“, sagt Beer. Die Folge: Diese Kinder seien meist nicht mehr in der Lage, dem Unterricht zu folgen, was zu Schulversagen führen könne. Von der Problematik seien sozial schwache wie gut situierte Familien gleichermaßen betroffen.

„Wir wollen die Kinder stark machen, ihre Widerstandskraft fördern. Ihnen soll klar werden: Die Schule verlangt nicht nur Leistung, sondern sie fördert mich – ich bin wer, der auch mal durch eine Krise gehen kann“, sagt Beer. Wird ein Kind im Unterricht aggressiv und unzugänglich, wird es nun in den Wut-Mut-Raum geschickt, wo immer ein Lehrer anwesend ist. „Früher mussten wir im Extremfall Kinder nach Hause schicken. Im Wut-Mut-Raum dürfen sie sich austoben und beruhigen und nach Möglichkeit in ihre Klasse zurückkehren“, sagt Beer. Die Wut der Kinder könne sich so in Mut in ihre Fähigkeiten wandeln. Im Raum gibt es klare Regeln: Nie wird mit der nackten Hand geschlagen und nie ein anderes Kind.



Doch der Raum soll nicht nur auffälligen, sondern allen 480 Kindern der größten Grundschule des Saarlandes zugutekommen. „Es kann auch einem schüchternen Kind guttun, einmal auf den Boxsack zu schlagen und zu spüren, dass es Kraft hat und aus sich herausgehen kann“, sagt Beer. Dennoch gebe es für das Kollegium Grenzen. „Wir arbeiten nicht therapeutisch“, betont Beer. Allen Kindern könne ein Lehrer allein nicht helfen.

Fachlich beraten werden die Lehrer vom Landesinstitut für Präventives Handeln (LPH) in St. Ingbert und von der SHG-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kleinblittersdorf. Im Rahmen einer Doktorarbeit soll das auf drei Jahre angelegte Modellprojekt ausgewertet werden, damit es anderen Schulen als Vorlage dienen kann. Finanziert wird der Wut-Mut-Raum von der Globus-Stiftung mit 20 000 Euro. Das Bildungsministerium weist der Schule für das Projekt zehn zusätzliche Lehrerwochenstunden zu, die Stadt Saarbrücken als Schulträger stellt den Raum zur Verfügung. „Die Gesellschaft verlagert immer mehr Aufgaben in die Schulen. Diese übernehmen heute neben der Wissensvermittlung zunehmend auch Erziehungsaufgaben“, sagte Bildungsminister Ulrich Commerçon ( SPD ). Daher begrüße er es, wenn die Gesellschaft die Schulen dabei unterstütze.

Bei den Schülern kommt der Raum gut an: Lucien liegt auf dem Snoozlesack, einem mit Granulat gefüllten Sack. Das Granulat schwingt im Rhythmus der Musik, so dass auch Lucien die Bewegung spürt. Der nun abgedunkelte Raum wirkt wie eine Unterwasser-Traumwelt. Für die Gestaltung des neuen Raums dürfen auch die Schüler Wünsche äußern. Lucien hat schon einen: „ Helene Fischer über den Snoozlesack hören, wäre toll, die find' ich super!“



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