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Saarbrücker Häftlinge spielen Liga-Fußball

Der Eingang der Justizvollzugsanstalt Lerchesflur in Saarbrücken.

Der Eingang der Justizvollzugsanstalt Lerchesflur in Saarbrücken.

„Auch ne Tasse Kaffee?“ Heiß dampft es aus der Kanne. Tiefschwarz, stark und bitter. Tut gut, so früh am Samstagmorgen. Dazu ein dickes Stück Marmorkuchen, grob mit stumpfer Klinge geschnitten. „Das soll auch ein bisschen Belohnung sein“, sagt Reinhard Taffner. Die vier Männer am Tisch murmeln Zustimmung, kehren die letzten Krümel von den Tellern und beginnen, aufzuräumen. Taffner wirft einen Blick auf die Mannschaftsaufstellungen und greift zum Hörer. Wer dort mit dem Vermerk Torhüter, Feldspieler oder Manager aufgeführt ist, dessen Namen gibt er an die Kollegen weiter. Wer nicht draufsteht, muss auf der Zelle bleiben. „Bestellen“ heißt das hier in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt Lerchesflur. Als Taffner auflegt, ist der Frühstückstisch längst aufgeräumt. Die Männer lehnen an der vergitterten Empore über der Sporthalle. „Herr S., Sie pfeifen dann das zweite Spiel.“ Herr S. nickt.

Vom Eierdieb bis zum Mörder

Außer Taffner, der hier als Lehrer arbeitet, sind sie alle verurteilte Verbrecher. „Vom Eierdieb bis zum Mörder“, sagt er später auf dem Hof. Seit 16 Jahren kümmert sich Taffner um die Jail-League, die Fußball-Liga der Justizvollzugsanstalt Lerchesflur. Spieltag ist der Samstag. Jeweils zwei Spiele. Wochenende für Wochenende. Manchmal dauert die Saison so über ein Jahr. Aber Zeit haben die meisten ja ohnehin genug. Auf dem Hof spielt die Sonne in den großen Spiralen aus Stacheldraht auf der Mauer. Sechs Meter hoch Beton, die das „Hierdrinnen“ vom „Dortdraußen“ trennen. Das sind die zwei Kategorien: drinnen und draußen.

Wer nie drin war, wird immer einer von draußen bleiben. Taffner schließt die erste Tür auf. Ein Schwall Gefangene ergießt sich blinzelnd auf den sonnigen Hof, hastig nesteln sie ihre Zigaretten aus den ballonseidenen Taschen, nehmen ein paar Züge. Aus der anderen Ecke des Hofs kommt noch eine Gruppe dazu. Die Mannschaften sind komplett. Früher war alles gemütlicher, sagen sie, doch seit die Anstaltsleitung die Zeitpläne umgestellt hat, ist die Zeit knapp bemessen für zwei Spiele. Schnell in die Trikots. Irgendwo fehlen noch Schienbeinschoner. Herr K. aus Taffners „Organisationskomitee“ bringt sie in die Kabine. Auch Taffner hat sich umgezogen, trägt jetzt die offizielle DFB-Schiedsrichter- Ausrüstung. Er pfeift das erste Spiel. Bad Boys gegen SRF, die Saarländische Russenfraktion. Während die SRF jede Position doppelt besetzt hat, haben die Bad Boys nur einen einzigen Auswechselspieler dabei. „Nachmelden geht nicht. Wer verschläft, hat Pech gehabt.

Das regeln die Mannschaften aber unter sich“, sagt Taffner. „Ja, das wird dann diskutiert“, ergänzt Herr K.. Als er „diskutiert“ sagt, muss er lachen. Es klingt so, als komme es bei diesen Diskussionen nicht unbedingt auf Eloquenz an. Das Spiel beginnt. Die SRF drängt, drückt, lässt den Bad Boys kaum Raum. Schuss um Schuss fliegt aufs Tor, nur rein will keiner. Mal steht ein Bein im Weg, mal der Pfosten, meist aber der Torhüter. Aber sie haben Zeit. Bei 40 Minuten Spielzeit und nur einem Auswechselspieler müssen die Bad Boys ja irgendwann einbrechen. „Wenn ich raus bin, nehm’ ich erst mal ab“, sagt Herr S. oben auf der Empore, mittlerweile ebenfalls in Schiedsrichter- Kluft. Er streichelt seinen Bauch und rückt die randlose Brille zurecht. „25 Kilo hab ich zugenommen. Man bewegt sich hier einfach so wenig.“ Es ist sein letzter Spieltag.

In wenigen Wochen darf er raus. Irgendwann geht die SRF dann doch in Führung. Die Spieler der Bad Boys schleppen sich schon kurz nach der Pause über den Platz, wissen sich oft nur mit Fouls gegen die konditionelle Übermacht zu wehren. Taffner greift durch, zeigt die erste gelbe Karte. Herr R. notiert sie in der Aufstellung. Gelbe Karte, eine Briefmarke. Hier wird in Briefmarken gerechnet. 60 Cent je Marke, bis zu 35 Euro in Briefmarken darf jeder Gefangene im Monat besitzen. Am Ende der Saison bezahlt Taffner mit all den gesammelten Marken die große Abschlussfeier. Foulen zum Wohle der Allgemeinheit. „Wenn die Post nicht immer aufschlagen würde“, sagt Herr R.. Manchmal ähnelt das Klagen drinnen dem von draußen dann doch. Aber die Strafen zeigen Wirkung. „Eigentlich geht alles ganz fair zu“, sagt Herr K.: „Früher war es schlimmer. Da wurde auch mal ein Bein gebrochen.“ Doch kaum jemand wagt es noch, ein Sportverbot zu riskieren. Zeitvertreib gehört zum Kostbarsten in einer Welt, in der Zeit nur dazu da ist, zu vergehen. Plötzlich kommt Unruhe auf der Empore auf.

Die Bad Boys haben das Spiel irgendwie noch gedreht, liegen 6:5 in Führung und retten die auch über die Zeit. Die SRF-Spieler schauen finster drein, gegenseitige Vorwürfe schwirren noch durch die Kabine, als der FC Abtal und die Underdogs schon auf dem Feld stehen. Der Tabellenführer und Titelverteidiger gegen den Letzten. „Das wird zweistellig“, sagt einer. Ein anderer hält dagegen. Herr C. verliert gleich zu Beginn den Ball. „Oh, der feine Herr“, johlt es von der Empore. Sein Prozess hatte wochenlang die Medien beschäftigt und die Mitgefangenen haben bei so etwas ein gutes Gedächtnis. Sind eben doch nicht alle gleich hinter Gittern.

Zwei andere Spieler träumten draußen sogar kurz von einer Karriere als Fußballer, haben Regionalliga und höher gespielt. Lange ist es her. Kommt auf der Lerchesflur ein Neuer an, den irgendjemand irgendwann mal draußen hat Fußball spielen sehen, macht das schnell die Runde. Gute Fußballer sind selten. Hinter Gittern noch mehr als draußen. Innerhalb der Liga darf deshalb nur im Winter und Sommer gewechselt werden. Die starken Mannschaften sollen nicht noch stärker werden. Ob dann auch Geld oder andere Gefälligkeiten gezahlt werden? Taffner kann es nicht genau sagen. Ausschließen lässt es sich nicht. Verhindern noch weniger.

Frau und Kind warten draußen

Weshalb die Jungs hier sind, bleibt meist offen. Niemand erzählt von seinen falschen Entscheidungen. Auch nicht von seinen richtigen. Manchmal dringt ein bisschen von draußen nach drinnen, wenn Herr K. von Frau und Kind erzählt, die ganz bestimmt auf ihn warten. Er ist gerade zum zweiten Mal im Gefängnis. Während der FC Abtal schon zur Pause klar führt und am Ende mit 18:5 gewinnt, wird auf der Empore gefachsimpelt. Über Fußball natürlich, das Essen aus der Küche oder die Politik der Anstaltsleitung. Und für einen Augenblick scheint es, zwischen den Pokalen, Wimpeln und vergilbten Mannschaftsfotos vergangener Jahre wie ein ganz normales Vereinsheim. Wären da nicht die schweren Gitter vor Fenstern und Türen. Mahnend, dass all das dann doch nie normal sein kann. „Man arrangiert sich damit“, sagt Herr K.: „Aber Alltag?“ Er greift mit beiden Händen an den beige lackierten Stahl. „Nein. Alltag wird das hoffentlich nie.“

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