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Saarbrücker Tafel hat mit 4500 Kunden die Belastungsgrenze erreicht

Das Anwesen Im Etzel 6 ist groß. Groß wie der Andrang, der dort herrscht. Groß wie die Probleme der Menschen, die dorthin kommen. Bei der Saarbrücker Tafel ist viel los. Ehrenamtliche machen alles klar für den Nachmittag. Dann kommen Kunden . Viele, und doch nur ein Bruchteil der Klientel. 150 Menschen machen sich allein an diesem Dienstag auf den oft weiten Weg. Wenn sie zehn Euro für Bus, Bahn und Spende ausgeben, muss sich das lohnen. Diese Menschen werden nicht richtig satt von Hartz IV, Grundsicherung oder Sozialhilfe. Beträge, so mickrig, dass sich jeden Tag alles um jeden Euro, jeden Cent, jede noch so kleine Anschaffung dreht.

 

Erst muss eintreffen, was die Kunden brauchen. Das Klappschild vor der Einfahrt des roten, lang gestreckten Hauses schafft die Lücke zum Durchkommen. „Wir erwarten in Kürze einen Lastwagen. Bitte hier nicht parken. Danke!“ Was der Lkw bringt, macht arme Menschen satt in dieser Stadt. Mehr als die 4500, die es im Moment sind, können es nicht werden. Vorerst jedenfalls. Die Ehrenamtlichen sind am Limit. Mit Leuten und Lastwagen. Noch mehr können sie an sechs Tagen die Woche nicht mehr bei Saarbrücker Geschäften abholen und verteilen. Zwei Zettel neben dem Kundeneingang zeigen, dass die Tafel seit Mai an der Belastungsgrenze arbeitet. Täglich. Auf Deutsch und Arabisch steht da: „Bis auf Weiteres können keine weiteren Berechtigten aufgenommen werden.“

 

Tafel-Sprecherin Vera Loos hat nur kurz Zeit, bis sie raus muss zum Helfen. „Schreiben Sie, dass wir hier alles ehrenamtlich machen.“ Noch hat sich das nicht bei jedem herumgesprochen. Mitunter ist der Ton rau, wenn nicht da ist, was erhofft war. Ein Telefonbimmeln, neuer Stress. Der Tafelvorsitzende Uwe Bußmann hebt ab. Eins der Tafel-Kühlautos hatte einen Unfall. Blechschaden, noch fahrbereit. Immerhin.

 

Wer, wie die Saarbrücker Tafel, als Verein eine dorfgroße Menschenmenge mit Lebensmitteln versorgt, ist auf jedes Auto, jede helfende Hand angewiesen. Trotz solcher Initiativen wie die Saarbrücker Tafel wachsen die Spannungen zwischen denen, die kaum über die Runden kommen. Darunter sind Menschen, die 40 Stunden in der Woche arbeiten und dennoch Wohngeld brauchen. Sie sagen, die angespannte Situation habe auch etwas mit den Flüchtlingen zu tun.

 

Hat sie? Zunächst zu den Zahlen der Saarbrücker Tafel. 500 der 4500 Menschen in der Stadt, die der Verein mit Lebensmitteln versorgt, sind Flüchtlinge. Essen sie sozusagen anderen Armen die letzten Reste weg? Das sieht der Vorsitzende der Tafel nicht so. Er und seine Leute teilen nicht ein nach Hiesigen und Hinzugekommenen. Und das sei auch anderswo in Deutschland bei Tafeln nicht so.

 

Für Bußmanns Leute zählt der Anspruch, den jemand nachweisen kann. Die Hartz-IV-Dokumente, die Grundsicherungsbescheide oder was sonst Einkünfte auf diesem Niveau belegt. Der Tafel-Chef kennt die Verbitterung von Menschen nur zu gut, die nach vielen Jahren an und unter der Armutsgrenze „die Ellbogen ausfahren“, wenn noch Konkurrenz kommt.

 

Bußmann weiß aber auch vom Entsetzen, der Verbitterung des gefeuerten und bis dahin gut situierten Ingenieurs. Eines Mannes, der nach Jahrzehnten, in denen er das System mit seinen Beiträgen am Laufen hielt, schon nach einem Jahr Arbeitslosigkeit auf Hartz IV abstürzt – und jetzt auf verbilligte Lebensmittel wartet.

 

Bei der Tafel trifft er auf Leute, die schon immer zu wenig verdienen und „aufstocken“ müssen. Das sind heute die, denen morgen nach den Hungerlohn-Jahren im Alter nur die Grundsicherung bleibt. Gerade in Saarbrücken und in der Umgebung ist diese Massenarmut programmiert. „Wir haben ein Verteilungsproblem in diesem Land. Zuallererst einmal von oben, wo ganz wenigen fast alles gehört“, sagt Bußmann. Damit weitere Opfer, die unten angelangt sind, wenigstens zur Tafel gehen können, braucht sie noch Helfer, vor allem Fahrer – und Spenden. Denn derzeit hat der Verein nicht einmal das Geld, seinen Ehrenamtlichen den Hin- und Rückweg zu bezahlen.

 

Weitere Infos über Fördermöglichkeiten gibt es bei der Tafel unter (06 81) 9 38 95 50.

 

 

Meinung:

Das ist eine Schande

Von SZ-Redakteur Frank Kohler

Dass es die Saarbrücker Tafel gibt, ist für Tausende Menschen in der wichtigsten und größten Stadt des Landes ein Segen. Aber es ist eine Schande für unser reiches Land, dass Männer und Frauen, Kinder und Alte ohne diese Lebensmittel nicht über die Runden kämen. Sobald Wirtschaftsforscher vom „robusten Arbeitsmarkt“ schwärmen, klingt das für Menschen wie Hohn, die sich mit Hartz-IV oder als Aufstocker durchs Leben kämpfen. Denn ihnen ist nach Jahrzehnten ohne Job oder mit Magerlöhnen am Ende nur noch eins gewiss. Die Grundsicherung. Armut bis zum Schluss. Das lebenslange Herumrechnen mit dem Allernötigsten zehrt an den Nerven. Es lässt Betroffene die Ellbogen gegen jene ausfahren, die auch nicht mehr haben. Die Ehrenamtlichen von der Tafel haben Recht, wenn sie mehr Fairness fordern. Und sie liegen richtig, wenn sie diesen Appell vor allem an die Politiker richten, die Massenarmut in diesem reichen Land erst ermöglichen. Diese Politiker machen den Regionalverband zu einem der größten Sozialämter Deutschlands. Zu einer Region, in der Menschen ohne die Tafel hungern müssten.
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