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Saarbrücker Wärmestube: Für viele Bedürftige wie eine zweite Heimat

Hans-Günter Grewenig (links) und Markus Straub in der Saarbrücker Wärmestube.

Hans-Günter Grewenig (links) und Markus Straub in der Saarbrücker Wärmestube.

Wie lebt man als Obdachloser? Wo findet man Unterkunft, etwas zu essen, jemanden, der zuhört, wenn man über das eigene Elend spricht? Man geht in die Wärmestube, auch bekannt als ,,Station Wurzellos“, in der Trierer Straße 64 in Saarbrücken. Ich bin mit Jürgen Gottschalk, 47, verabredet. Der Psychologe ist Leiter der Wärmestube, in der er mit Unterbrechungen seit neun Jahren arbeitet. Er erzählt, dass jeden Tag 60 bis 80 Menschen kommen: „Hier ist es warm im Winter. Hier gibt es etwas zu essen, für Kranke, die obdachlos sind und von Hartz IV leben. Aber auch für die, die keine Familie haben, zu Hause in ihrer Wohnung sitzen und nicht wissen, mit wem sie mal reden können. Man kennt sich. Es gibt Regeln. Hier darf keine Gewalt sein. Drogen sind verboten. Wer sich nicht daran hält, muss gehen. Aber das kommt selten vor. Hier kann man günstig leben. Unser Mittagessen kostet einen Euro.“

Gottschalk führt mich herum, vorne ein großer Aufenthaltsraum, blanke Holztische, links die Küche, rechts eine große Wand, an der die Vereinswimpel von Fußball-Bundesligavereinen hängen. Daneben sitzen zwei Männer, einer mit einer schwarzen Baskenmütze, und spielen Schach. Ich setze mich dazu, frage: „Warum sind Sie hier?“ „Weil ich sonst allein bin“, sagt der mit der Baskenmütze und erzählt, dass er 62 Jahre alt ist, Hans-Günter Grewenig heißt, von Beruf Fußpfleger ist und bis 1976 selbstständig war: „Dann ging ich pleite.

Ich war zwei Mal verheiratet, habe vier Kinder, habe Enkel und Urenkel. Ich bin Diabetiker. Ich habe Depressionen, bin ausgezogen, wollte den Kindern nicht zur Last fallen, lebe von Hartz IV. Da bekomme ich 391 Euro. 300 Euro Miete inklusive Nebenkosten zahlt die Arge.“ Ich frage weiter: „Was machen Sie, wenn Sie nicht in der Wärmestube sind?“ Er antwortet: „Dann bin ich allein. Ich spiele Klavier, Gitarre und Violine. Vielleicht kann ich ja mal irgendwo auftreten.“ Sein Gegenüber nickt: „Ich bin auch oft hier.“ Er heißt Markus Straub, ist 44 Jahre alt, ist Maschinenschlosser. „Aber seitdem geht nicht mehr viel.“ Er ist schwer krank, hatte 13 Schlaganfälle.

„Das ist vererbt, ich war teilweise gelähmt. Ich bin geschieden, hatte eine Freundin in Dudweiler. Das ist vorbei. Demnächst fahre ich nach Zwickau. Da habe ich eine Bekannte.“ Wovon lebt er, will ich wissen. „Ich habe Rente beantragt. Zur Zeit lebe ich noch von Hartz IV von 391 Euro im Monat, plus 370 Euro für die Miete inklusive Nebenkosten.“ Wie sieht er seine Zukunft? „Meine Zukunft ist problematisch wie meine Vergangenheit“, sagt er.

Wärmestuben-Chef Wolfgang Gottschalk kommt auf mich zu. Neben ihm eine korpulente Frau, die ich hinter dem Küchentresen gesehen habe. Gottschalk macht uns bekannt. Sie heißt Manuela Maul, ist 45 Jahre alt und als „Bürgerarbeiterin“ in der Küche angestellt: „Da kommen rund 970 Euro netto raus.“ Sie erzählt, dass sie geschieden ist, drei Kinder hat. Sie ist gelernte Metzgereiverkäuferin. „Ich arbeite gern hier. Doch wie lange läuft das noch?“ Am Jahresende laufe ihr Vertrag aus. „Hoffentlich geht es hier weiter“, sagt sie.

In der Küche steht ein großer schlanker Mann mit schwarzem Vollbart und schwarzen Haaren. Er heißt Reiko Wundersee, ist 43 Jahre alt, erzählt, dass er Offset-Drucker ist, in Berlin im Verlag für die Zeitung „Neues Deutschland“ gearbeitet hat, dann in Saarlouis für das Saarlouiser Journal, bis es eingestellt wurde. „Dann hatte ich verschiedene Jobs, im Innenausbau, war bei einer Drückerkolonne und Umzugshelfer.“

1998 und 1999 trampte er durch Europa, später arbeitete er „mal hier mal da“, lebte auch von Hartz IV. „2003 kam ich hierher in die Küche. Ich habe einen festen Vertrag, bekomme ungefähr 1000 Euro raus.“ Er hat zwei Töchter, die bei der Mutter leben. Sein Hobby: „Ich schreibe gerne. Gerade ist mein erstes Buch im Verlag Die Furt in Frankfurt/Oder erschienen. Es heißt ,Auf dem Holzweg’.“ Worum geht es in dem Buch? „Was man so erlebt. Es sind Gedichte und andere Wortkonstruktionen.“ Ich gehe noch mal ins Büro zu Jürgen Gottschalk, frage: „Wie viel Leute arbeiten hier?“ Fünf Bürgerarbeiter, sagt er. Ihre Verträge laufen Ende 2014 aus.

Jeder arbeitet 20 bis 30 Stunden in der Woche. Sechs sind fest angestellt. Die Wärmestube erhält 250 000 bis 300 000 Euro im Jahr vom Initiativkreis Wärmestube, zu dem das Diakonische Werk, der Caritasverband, katholische und protestantische Kirchengemeinden und Privatpersonen gehören.

„Natürlich werden wir auch von vielen Vereinen und Institutionen unterstützt. Sonst ginge das ja alles nicht“, sagt Gottschalk.

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