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Saarländer ist der Herr der Phantombilder

Saarbrücken. Was steht heute Nachmittag an? „Wir basteln uns einen schönen, bösen Türken.“ Günter Dennemärker (53) macht ganz gern mal einen Scherz. Lockerungsübungen sind Teil seines Jobs: Er ist Phantombildersteller. Dennemärker kennt die Anspannung seiner „Kunden“, die neben ihm am Computer sitzen und die Ansage machen. Die meisten fürchten sich vor einem „falschen“ Phantombild. Doch es gilt: „Ein Phantombild allein ist niemals hinreichend für eine Verurteilung. Es liefert nur eine Hinführung zum potenziellen Täter“, sagt Dennemärker.

Bis zu 30 Schichten über das erste Grundporträt

Die meisten Menschen fürchteten außerdem, sich zu blamieren, wenn sie die Bildschirm-Vorlage zu oft veränderten. Das Heranpirschen bereitet Dennemärker das eigentliche Vergnügen: das Übermalen, Verwerfen, die Neustarts und Rückführungen. Bis zu 30 Schichten legt Dennemärker über das erste Grundporträt, das er sich nach einer ersten Schilderung des Tathergangs aus einer zentralen digitalen Kartei aller Bundesländer holt. 3500 virtuell erstellte Gesichter sind im Bestand. Dennemärker verwandelt sie mit Hilfe seines interaktiven Computerbildschirms in Echt-Menschen. Porentiefe, Grau-Anteil der Haare, Rotanteile der Haut – alles lässt sich variieren. „Ich bin das Werkzeug für den Zeugen“, erklärt Dennemärker und verwandelt sich in einen virtuellen Schönheitschirurgen ohne ästhetischen Auftrag. „Aging“ oder Verjüngung erreicht er mit minimalen Eingriffen: Lippen werden von prall auf schmal gezoomt, die Augenlider sacken ab. Man erlebt, wie Pusteln oder Hamsterbäckchen wachsen oder wie sich Doppelkinn-Speckröllchen „verflüssigen“. Ohren schrumpfen und blähen sich wieder auf.

Zielsetzung: 75- bis 100-prozentige Übereinstimmung

Alles nur Computer-Hokuspokus? Nein. Dennemärker zeichnet viel selbst, sorgt mit einem Spezial-Bleistift auf dem interaktiven Bildschirm für akribische Feinarbeit. Grelle grüne Linien setzt er auf die Bildschirm-Oberfläche. Sie werden in das Porträt integriert. 90 Minuten dauert eine Phantombild-Erstellung im Schnitt, die gesamte Sitzung ist oft doppelt so lang. Die Zielsetzung lautet, eine 75- bis 100-prozentige Übereinstimmung von Phantombild und Täter zu erreichen. Auf 100 Bilder kommen zehn Aufklärungen, schätzt er. Eine exakte Statistik existiert nicht. Sein spektakulärster Identifizierungs-Fall? Als 2007 ein Posträuber vor dem Fahndungsdruck eines nahezu perfekten Phantombildes kapitulierte: Er stellte sich, nachdem das Bild veröffentlicht worden war. Seit 1997 arbeitet Dennemärker beim Personenerkennungsdienst der Kriminaltechnik, dem Dezernat 36 des Landeskriminalamtes in der Saarbrücker Graf-Johann-Straße. Bis vor zwei Jahren war er der einzige „Phantombildersteller“ des Saarlandes, dann kam ein Kollege hinzu. Bis zum Unpersönlichen nüchtern wirkt sein kleines Büro, sehr nahe rücken ihm die Zeugen, eine ungemein intime Atmosphäre entsteht. 120 bis 160 Phantombilder entstehen pro Jahr. Außerdem erstellt Dennemärker rund 700 Wahllichtbildvorlagen: Sie ermöglichen eine Art Gegenüberstellung mit Hilfe von Foto-Serien, die ähnlich aussehende Menschen zeigen. Wie kam Dennemärker zu dieser Aufgabe? Nicht, weil er immer schon Künstler werden wollte. Vielmehr stand mit 18 der Traumberuf fest: Polizist. Es folgte eine Ausbildung beim Bundesgrenzschutz. In Bonn war Dennemärker für den Objektschutz zuständig, für die Überwachung des Bundekanzleramtes.



Erleichternde, entlastende Wirkung

Es folgte Botschafts-Schutz in Prag und Moskau. Dabei übernahm er sogenannte Sicherheits-Dokumentationen mit dem Fotoapparat. So geriet ihm viel Politprominenz vor die Linse: Thatcher, Breschnew, Giscard d’Estaing. Bis heute pflegt er privat die Fotografier-Leidenschaft. 1985 kam Dennemärker in die Heimat zurück, in den Innendienst, die Fototechnik, dokumentierte Exhumierungen und Obduktionen. Durchpeitschen ist nicht sein Ding. Dennemärker strahlt Ruhe aus – und Optimismus.

Er erzählt von der erleichternden, entlastenden Wirkung seiner Arbeit: Vergewaltigungsopfer verließen mitunter pfeifend sein Büro: „Wenn das Phantombild erstellt ist, können die Menschen den Täter aus ihrem Gedächtnis entlassen.“ Dennemärker weiß um die labile Seelenlage der Zeugen, die eine schier endlose Frage-Antwort-Prozedur auf sich nehmen. Dreieinhalb Stunden saß beispielsweise Stephanie P. neben ihm, eine junge Angestellte eines Piercing-Studios. Ein ausländisch wirkender, dunkelhäutiger Typ hat sie beraubt. 30 Euro befanden sich in der Kasse, ein lächerlicher Betrag, der in umgekehrt proportionalem Verhältnis steht zum Schrecken und zur Verunsicherung nach einem Verbrechen, so banal oder harmlos es sich für Unbeteiligte auch ausnimmt. „Mit dem Phantombild kämpfen wir gegen den Prozess des Vergessens“, sagt Dennemärker. Am liebsten sind ihm „tagesfrische“ Zeugen: „Jeder Tag, jede Stunde kostet ein paar Prozent Erinnerungsvermögen.“ Je schneller ein Phantombild erstellt werde, umso höher die Trefferquote. Der Rest sind zeichnerische Treffsicherheit, Erfahrung, Einfühlung, psychologisches Geschick, Intuition.

Vor allem aber: Menschlichkeit. Drängeln oder Vorwürfe („Daran muss man sich doch erinnern!“) gibt es in Dennemärkers Repertoire nicht. Er taut 87-jährige Frauen auf, die noch nie zuvor in ihrem Leben einen Comnputer gesehen haben. Er überredet türkische Frauen, beruhigt Saarbrücker Juweliere und bändigt die Phantasie achtjähriger Kinder. Phantombilderstellung, ein Job für Kommunikations-Künstler.

Hintergrund

Phantombilder werden immer dann erstellt, wenn es – außer dem Aussehen des Täters – keine weiteren Anhaltspunkte für eine Fahndung gibt (Kfz-Kennzeichen, Fingerabdrücke). Auch wenn die Polizei von Wiederholungstaten ausgeht, wird meist ein Phantombild angefertigt. Nicht nur nach Raub- und Sexualdelikten, sondern auch nach Straftaten wie Diebstahl. Das Bild wird dann ins Polizei-Intranet gestellt. Ob ein Phantombild in den Medien veröffentlicht wird, entscheidet der Staatsanwalt. ce

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