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Saarlouiser Ehepaar zeigt Touristen die Region von ihrer schönsten Seite

Manche alten Gemäuer stecken an. Man infiziert sich mit dem Nachforschungs-Virus, der wiederum einen Dauer-Appetit auf Geschichte und Heimatkunde auslöst. So erging es wohl den Jaecks. 1989 zogen Gilbert (65) und Gabriele (62) in das vermeintlich älteste Saarlouiser Haus in der Grünbaumstraße. Zwei Padres, die Ludwig XIV. zu den Soldaten geschickt hatte, sollen es um 1685 bewohnt haben – also kurz nach der Stadtgründung. Heute beherbergt diese Traditions-Adresse eine Reiseagentur, die sich auf die Grenzregion spezialisiert hat. Sie gehört Gabriele Jaeck, die sie 1999 gründete und inzwischen rund 4000 Gäste im Jahr betreut. Neben anderen Reiseleitern beschäftigt sie ihren Mann, der vor zehn Jahren in Rente ging. Gilbert muss ganz schön ran. Er allein führt jährlich rund 120 Gruppen, insgesamt etwa 2000 Touristen. Wie kommt ein ehemaliger kaufmännischer Angestellter aus der Eisenindustrie- (Röchling) und Autozuliefererbranche (ZF) zu dieser Zweitberufung?

Gilbert, gebürtiger Franzose, zog 1974 mit dem „neugierigen Blick eines Fremden“ in die Heimatstadt seiner Frau, nach Saarlouis, in die angeblich „französischste Stadt“ des Saarlandes – und wollte das dann genau wissen. Er kniete sich rein in die Stadtgeschichte, wurde als Stadtführer engagiert. Als Gilbert dann in Altersteilzeit war, machte er 2002 eine Gästeführer-Ausbildung für das Saarland. Damals war er allerdings schon lange entflammt für das Reiseleiter-Business. Der Weg dorthin führte über Viareggio. Es ist die Heimat von Freunden, von ehemaligen Saarlouiser Eisdielen-Besitzern. Um sich mit deren Tochter Melanie, seinem Patenkind, verständigen zu können, büffelte Gilbert bei der VHS Italienisch. Zur Freude des Gründers der „Toscana Tours“ in Saarlouis, der ihn sofort anheuerte. In den 80ern begleitete Gilbert dann während seines Urlaubs regelmäßig Touren nach Italien. „Von den ersten Honoraren brachte er sich ausgefallene Hemden aus Florenz mit“, erinnert sich Gabriele.

Mittlerweile ist ihr Mann einer der ersten seit 2012 ausgebildeten IHK-zertifizierten Gästeführer der Großregion, einer der wenigen perfekt zweisprachigen. Denn Gilbert lebte bereits als Kind in Saarbrücken, sein Vater war französischer Bergbau-Angestellter. Nach der Rückkehr ins Süd-Elsass folgte ein Germanistik-Fernstudium in Nanterre und 1972 – die Liebe. In Basel, in einer Röchling-Niederlassung, lernten Gilbert und Gabriele sich kennen, 1973 gingen sie ins Saarland, wurden schnell Eltern, das Studium musste Gilbert abbrechen. „Aber man hatte gelernt, sich reinzuknien in Themen“, sagt er. Das blieb Credo bis heute. Bevor Gilbert Leute für das Unternehmen seiner Frau in die Schweizer „Welt der Uhren“ bringt – ein paar „Liebhaberfahrten“ finden jenseits der Grenzen der Großregion statt –, nimmt er denn auch an Uhrmacherseminaren teil. Fleiß zählt zu den wichtigsten Gästeführer-Qualifikationen. „Man muss sich mächtig was angelesen haben“, sagt Gilbert. Denn plötzlich frage einer mitten im Vortrag über die Chagall-Fenster in Metz nach dem Merziger Schriftsteller Gustav Regler. Um Touristen zu führen, braucht es noch weitere Charakterzüge: offen, freundlich, hilfsbereit sein. Und dann ist da noch etwas: „Man muss deutlich und langsam sprechen, sonst passt keiner mehr auf“, sagt Gilbert. „Man braucht eine angenehme Stimme.“ So viel zur Nähe zwischen Radiomoderator und Gästeführer.

Die Jaecks waren, wie sie erzählen, Vorreiter in Sachen Grenzgängerei, lange bevor die Landespolitik dieses touristische Thema strategisch besetzte. Immer schon fuhren sie mit Saarland-Besuchern nach Meisenthal oder Sierck les Bains. Trotzdem hat Gilbert bei seiner jüngsten Weiterbildung noch eine Menge Neues gelernt, hauptsächlich über die Wallonie. „Römer im Saarland und in Trier kenne ich, doch die gemeinsamen keltischen Wurzeln in der Wallonie, die habe ich mir jetzt erst erschlossen. Dort gibt es sogar mehr Funde als hier.“ Die Ausbildung brachte aber vor allem eines: ein dicht geknüpftes Netz an Tipps und Infos für Touren von Kollegen, die sich in ihrer Region jeweils blendend auskennen: Wohin essen gehen? Wo Rast machen? Freilich gilt: „Man kann nicht in allem gut sein“, so Gilbert. „Das Thema Bunker und Erster Weltkrieg, das besetze ich nicht. Ich zeige am liebsten und am besten schöne Sachen.“

Woher kommen seine Gäste? Nicht aus der Großregion selbst. Die Jaecks führen überwiegend norddeutsche und ostdeutsche Kunden. Denn: „Ex-DDR-Reisende waren schon überall, nur im Saarland nicht. Für sie liegen wir hinter den sieben Bergen“, sagt Gabriele. Die ehemalige Sekretärin (Dillinger und Völklinger Hütte) entschied sich 1996 eher zufällig für ein Gästeführer-Seminar. Doch dann erwarb sie einen Gewerbeschein und hängte eine Ausbildung als Reiseveranstalterin dran, um Busse anmieten zu können.

Der potenzielle Saarland-Tourist ist also ihr Spezialgebiet. Vorlieben? Straßburg, Luxemburg und Mettlach seien „Dauerbrenner“. Nancy sei im Kommen. „Kleine, feine Sachen“ würden zunehmend nachgefragt, etwa historische Bauernhäuser entlang der Grenze im Saargau oder die Trüffelfahrt in die Truffière von St. Rémy. Was begeistert die Fremden? Russen gerieten völlig aus dem Häuschen, wenn sie an einem halben Tag drei Länder sehen können, erzählt das Paar. Für Verblüffung sorge zudem immer wieder, „wie grün es hier ist. Es gibt ja gar keine Industrie, sagen viele“, so Gilbert. Das liegt natürlich auch an den Jaecks. Denn die fahren die Touristen nicht etwa über die A6 zum Aussichtspunkt Cloef an der Saarschleife, sondern auf verschlungenen Pfaden über Wallerfangen, Ballern und Besseringen. Und dann sind da noch die Saarland-Image-Klischees, die man kaum mehr hören mag: „Die meisten loben die Aufgeschlossenheit der Menschen, das französische Flair“, sagt Gilbert. „Wenn wir durch die Saarlouiser Altstadt gehen, heißt es schon mal: ‚Und wann arbeiten die Leute hier?'“
 


Hintergrund

Qualifizierungsmaßnahmen für Touristiker in der Großregion: Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat im vergangenen Jahr eine zertifizierte Weiterbildung zum „Gästeführer für die Großregion“ ins Leben gerufen. Es ist Aufbau-Qualifizierung für ausgebildete Gästeführer und Reiseleiter. Im Februar 2013 bekamen die ersten 29 Teilnehmer aus allen sechs Teilregionen ihre Urkunden. Danach lässt sich aufbauend ein EU-Zertifikat erlangen.Die Großregion umfasst sechs Teilregionen in vier Ländern: Saarland, Lothringen, Luxemburg, Rheinland-Pfalz, Wallonie und Ostbelgien. Insgesamt wohnen dort 11,3 Millionen Menschen. Jährlich besuchen 12,4 Millionen Gäste die Großregion, es gibt 276 000 Betten. Der Saarland-Tourismus macht jährlich 1,3 Milliarden Euro Umsatz, hat 32 000 Beschäftigte und 2,3 Millionen Übernachtungen pro Jahr. ce
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