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Schlechte Noten für Schulessen im Saarland

Nach den Osterferien nimmt eine „Vernetzungsstelle Schulverpflegung Saarland“ ihre Arbeit auf. Sie soll für Qualitäts-Standards sorgen. Zur Zeit besteht bei jeder fünften Schule „dringender Veränderungsbedarf“.

Saarbrücken.
Das “Forschungsinstitut für Kinderernährung“ (FKE) hält die Qualität des Schulessens im Saarland für problematisch. Bei 20 Prozent der Schulen sehen die Dortmunder Experten „dringenden Veränderungsbedarf“. Nur 47 Prozent der untersuchten Speisepläne wiesen eine „befriedigende Zusammensetzung“ auf, 29 Prozent zeigten „wesentliche Abweichungen“ von den Empfehlungen der optimierten Mischkost.
Dies geht aus einer bisher unveröffentlichten Studie hervor, die das FKE im Jahr 2008 im Auftrag der saarländischen Landesregierung erstellte. Vorausgegangen war im April 2008 eine Bestandsaufnahme der Qualität des Schulessens. Das Kultusministerium gab die Prüfergebnisse gestern auf Nachfrage der Saarbrücker Zeitung bekannt. Gründe für die späte Veröffentlichung wurden nicht genannt. Ministeriums-Sprecherin Annette Reichmann verwies auf die nach dem FKE-Bericht sofort eingeleiteten Maßnahmen. Bereits im August 2008 habe man im Förderprogramm „Freiwillige Ganztagsschule plus“ Richtlinien für eine gesunde Mittagsverpflegung festgelegt und Fördergelder an die Einahltung gekoppelt. Außerdem werde nach den Osterferien eine „Vernetzungsstelle Schulverpflegung Saarland“ installiert.

Aufgabe sei, Schulen und Caterer zu beraten, aber auch für Einhaltung der Standards zu sorgen. Die Stelle wird von der Bundesanstalt für Gesundheit und Ernährung und dem Land mit 80 000 Euro finanziert und ist mit 1,5 Kräften ausgestattet. Zur Zeit 11.763 Schüler mittags in der Schule. Nur in 30 von 330 Schulen wird frisch gekocht, an 17 Schulen gibt es ausschließlich TK-Kost. In der Regel liefern Partyservice-Firmen, Pizzerien, Metzgereien, Caterer und Altenheime das Essen. Der Durchschnittspreis liegt bei 2,90 Euro.
Derweil hat die SPD-Landtagsabgeordnete Isolde Ries die Landesregierung kritisiert: Bereits seit acht Jahren gebe es Schulessen, es fehlten Kontrollen. Zu mehr staatlicher Ernährungs-Prävention hat gestern auch der Bayreuther Medizinprofessor Eckhard Nagel aufgerufen. Vor allem Kinder seien häufig mangelernährt, sagte das Mitglied des Deutschen Ethikrates. Nagel forderte eine bessere Schul-Ernährung und entsprechende entsprechende Gesetze. ce



Mangelware: Gesunde Schulkost


Isolde Ries (SPD) fordert verbindliche Regeln – Neue Vernetzungsstelle startet

Nur in 30 von 330 Schulen wird selbst gekocht. Wer kontrolliert die Qualität des Schulessens? Nach den Osterferien soll eine neue „Vernetzungsstelle“ für die Einhaltung von Ernährungs-Standards sorgen.


Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Saarbrücken. Übergewicht ist eine erlernte Krankheit. Wer sich heute falsch ernährt, wird ein kranker Erwachsener. 15 Prozent aller Kinder sind zu dick, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.: Jedes zehnte Kind deutscher Eltern, jedes fünfte Kind aus türkischen Familien. Für das Saarland liegen keine aktuellen Zahlen vor. Aber eine Untersuchung von 2003/2004 zufolge, die in der achten Klassenstufe an hiesigen Schulen durchgeführt wurde, waren etwa 22 Prozent der Mädchen übergewichtig. Das Gesundheitssystem ächzt unter ernährungsbedingten Erkrankungen (70 Mrd. Euro)., in den nächsten Jahren sollen rund 30 Mrd. Euro Mehrkosten entstehen. Weil dicke Kinder zu dicken, kranken Erwachsenen werden. Sind daran vielleicht auch die Schulen schuld?
Davon ist die SPD-Landtagsabgeordnete Isolde Ries überzeugt. Hartnäckig hat sie Angaben der Landesregierung über die Schulernährung eingefordert. Nun ist sie alarmiert. Denn nur in 30 von 330 Schulen, die Mittagessen anbieten, wird selbst gekocht. Der Rest behilft sich mit Caterern, Metzgereien, Partyservice-Lieferanten. Ries: „Oft wird das Essen morgens um 9 Uhr gebracht und über Stunden warmgehalten. Diese Pampe enthält keine Vitamine mehr, schmeckt nicht und sieht genau so aus.“ Besonders beunruhigt sie, dass 22 Schulen von Altenheimen beliefert werden: „Kaum vorstellbar, dass diese Küchen für die Schüler ein anderes Essen liefern. Dabei weiß man, dass Senioren anders ernährt werden müssen wie junge Menschen.“ Eine Aussage, die Christoph Bier von der Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung des Saarlandes e.V. (LAGS) bestätigt: ,,Senioren haben einen geringeren Energiebedarf bei gleichbleibendem Nährstoffbedarf, weshalb ihre Ernährung nährstoffdichter sein muss.“

Für Ries steht fest: Die Qualität des Schulessens ist grundsätzlich mangelhaft. Und zwar deshalb, weil es keine Standards und keine Kontrollen gebe. Sie fordert verbindliche Vorgaben, einen Stopp der gesundheitsschädlichen Koch-Autonomie. Der könnte bald kommen. Nach den Osterferien wird es eine neue „Vernetzungsstelle Schulverpflegung Saarland“ geben. Ausgestattet mit 1,5 Stellen (80.000 Euro), finanziert von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, mitgetragen vom Land. Angebunden wird sie bei der LAGS, die Steuerung übernimmt Katja Prinz vom Umweltministerium. Sie schildert Ziele und Aufgaben wie folgt: Verbesserung der Nahrungsmittelqualität, Integration regionaler Produkte, Schulungen. „Wir werden mit 1,5 Kräften nicht in allen Schulen probe-essen können“, sagt Prinz. „Aber wir werden Strukturen schaffen, die Transparenz ermöglichen. Wir wollen überzeugen, nicht verdonnern.“ Einen ersten Schritt sieht sie getan: Das Kultusministerium habe in seinem Förderprogramm „Freiwillige Ganztagsschule plus“ für eine gesunde Mittagsverpflegung Bedingungen formuliert. Die lauten: mindestens 45 Minuten Pause, Benennung eines für die Speisepläne Verantwortlichen, Anwendung der Qualitäts-Richtlinen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).
Also: Viele Vollkornprodukte, täglich Rohkost und Salat, wenig Fleisch, frisches Obst, Raps- und Olivenöl. Auf Anhieb nicht das, was Kinder als superlecker empfinden. Das weiß Doris Berstecher, Köchin an der Waldorfschule Altenkessel, nur zu gut: „Vor allem die Geschmacksnerven der älteren Schüler sind anders trainiert.“ Die Waldorfschule wird von der LAGS als vorbildlich eingestuft, was auch die Lehrer nicht zu schätzen wissen. Nur ein Viertel des Kollegiums, schätzt Berstecher, nimmt am Mittagessen teil. Desinteresse der Pädagogen, das beobachtet auch der Chef der Landeselternvertretung Gymnasien, Joachim Klesen. Zudem eine Abwehr der Eltern: „Das gemeinsame Essen hat noch keine Tradition. Es wäre wichtig, das Schul-Mittagessen positiv zu besetzen.“



Meinung

Schulen müssen viel lernen Von SZ-Redakteurin Cathrin Elss-Seringhaus

Ganztags-Angebote werden zunehmen. Insofern ist Schulkost kein Rand- oder Luxusproblem, sondern Schul-Alltag. Eine gesunde Verköstigung muss demnach zur Mindestausstattung zählen wie ein Computerraum.
Dieser Wandel vom Lern- zum Lebensort ist für Schulen ungewohnt, ein harter Prozess. Man sollte sie nicht an den Pranger stellen, wenn ihre Bistros noch nicht optimal funktionieren. Sie müssen noch viel lernen. Die Vernetzungsstelle wird es ihnen erleichtern. Selbst wenn die Stelle bei Verstößen keine Durchgriffs-Kraft hat, bleibt sie ein begrüßenswertes Signal dafür, dass das Thema Schulernährung bei der Landesregierung angekommen ist.
Wenn Eltern und vor allem Pädagogen im Schul-Mittagessen nicht mehr länger eine lästige Unterrichtszeit-Ausdehnung sehen, dürfte sich die aktuelle Schulkost-Malaise verlieren. Weil alle darauf drängen werden, das Schulessen kulinarisch und atmosphärisch aufzuwerten.

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