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Scholl-Latour wird 90 und spricht über seine Zeit im Saarland

Anruf bei Peter Scholl-Latour. Seine Assistentin ist dran. „Ach ja, Saarbrücker Zeitung. Weiß schon, für Sie hat er ja immer Zeit.“ Eine Reminiszenz an die Zeit, als er in Saarbrücken Volontär und Redakteur war. Sofort sprechen kann man ihn aber nicht. „Er ist heute Morgen gerade aus Syrien zurückgekommen und hat sich erstmal hingelegt. Dann meldet er sich.“ Scholl-Latour macht ein Nickerchen. Zwei Stunden später ruft er zurück.
Der Islam, so hat es einmal ein Kabarettist gesagt, habe drei Glaubensrichtungen: Sunniten, Schiiten – und Peter Scholl-Latour. Jedenfalls hat der Journalist das Bild der Deutschen von der arabischen Welt, aber auch von Asien und Afrika, nachhaltig geprägt. Ob im Fernsehen oder in seinen Bestsellern: Als „letzter Welterklärer“ („Der Spiegel“) gibt es wohl kaum eine Talk-Couch, auf der Scholl-Latour nicht schon saß.

In seinem mittlerweile legendären Nuscheln berichtet Scholl-Latour von der großen Politik. Er war überall und hat sie alle gekannt – vom Ajatollah Khomeini bis zum Vietcong-General Vo Ngyuen Giap. Stempel von 200 Staaten, von denen so mancher schon lange untergegangen ist, hat er in seinen Pässen. In ein paar Tagen kommt wohl ein neuer Stempel hinzu: Dann reist Scholl-Latour nach N’Djamena in den Tschad. „Ich muss wieder raus“, sagt er. Gerne würde er auch wieder ins Saarland kommen, aber „ich kenne ja keinen mehr. Meine Freunde von damals sind ja fast alle tot“. Vor drei Jahren war er in Homburg, um für die Siebenpfeiffer-Stiftung einen Vortrag zu halten. 750 Leute kamen, der Saalbau war so voll, dass eilig weitere Stühle hereingetragen werden mussten. Da war er 87 und das Gehen fiel ihm schon schwerer. Es war eher ein Schlurfen. Nichtsdestotrotz spulte er eineinhalb Stunden lang routiniert eine geschliffene Rede über den Arabischen Frühling ab.

Erst vor drei Wochen war er wieder im Libanon. „Wir wollten nach Damaskus, haben aber kein Visum bekommen“, erzählt Scholl-Latour in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg. Von hier aus sieht man den Funkturm, im Osten ahnt man den Fernsehturm am Alexanderplatz. An einer Wand hängt eine Kalligraphie aus China („Die hat mir der Bruder des letzten Kaisers gewidmet“), gegenüber der junge Napoleon in der Schlacht von Marengo. Viele seiner insgesamt 32 Bücher erzählen von Kriegen. Und schon die Titel lassen meist nichts Gutes ahnen. Ob „Der Wahn vom Himmlischen Frieden“ über China, „Allah, Blut und Öl“ oder „Afrikanische Totenklage“, „Welt aus den Fugen“ – Scholl-Latours Welt ist geprägt von Mord, Machtkämpfen und Verschwörungen. Damit landete er fast immer Bestseller. „Heute lässt sich kein Krieg mehr gewinnen“, sagt er. Die USA hätten das im Irak und in Afghanistan zu spüren bekommen. Von Pakistan nach Herrensohr im Saarland ist es für Scholl-Latour nur ein kleiner Schritt. In einer TV-Talkshow ereiferte er sich einmal über Mitglieder einer islamistischen Terrorzelle, die sich eine Zeit lang eben in Herrensohr traf. Die Mitglieder zählten zum Umfeld des 2007 verhafteten Daniel Schneider aus Neunkirchen, der mit der Sauerland-Gruppe Anschläge in Deutschland plante. „Herrensohr – das kenne ich gut. Nicht zu fassen.“

Scholl-Latour ist der Sohn eines im Saarland geborenen und in Lothringen aufgewachsenen Arztes, schon früh blickte er über den eigenen Tellerrand. Seine elsässische Mutter („eine Frau mit viel Courage“) entkam als Jüdin knapp der Deportation. Scholl-Latour ging im schweizerischen Fribourg in ein Jesuitenkolleg. Seine Eltern wollten ihn nicht in Deutschland haben: Nach den Nürnberger Rassegesetzen galt er als „Mischling ersten Grades“. Lange hielt Scholl-Latour es nicht an einem Platz aus. Die Zeit als Regierungssprecher im Saarland, WDR-Fernsehdirektor oder „Stern“-Chefredakteur blieben Episoden. Was blieb waren seine Reisen in die Krisengebiete der Welt, wo er sich richtig wohl fühlte. Sein größter Scoop war der Flug mit dem iranischen Revolutionsführer Khomeini aus dem Exil nach Teheran.

Seinen 85. Geburtstag hatte Scholl-Latour noch im Saarland gefeiert. Seinen 90. an diesem Sonntag wird er in Berlin begehen. Nicht, ohne dabei an seine alte Heimat zu denken: „Grüßen Sie alle, die mich im Saarland noch kennen.“
  „Das war die saarländische Freude“ Scholl-Latour erinnert sich im SZ-Gespräch an seine Anfänge im Saarland

Die journalistische Karriere von Peter Scholl-Latour begann Ende der 40er Jahre bei der Saarbrücker Zeitung. Diese Zeit ist ihm bis heute in guter Erinnerung. Mit Scholl-Latour sprach SZ-Redakteur Jörg Wingertszahn.

 
Herr Scholl-Latour, was ist Ihnen von Ihrer Zeit im Saarland besonders in Erinnerung geblieben?
Scholl-Latour: Vor allem die sehr fröhliche und angenehme Zeit, die ich bei der Saarbrücker Zeitung verbracht habe. Wir waren natürlich alle noch sehr jung, die meisten von uns waren Volontäre. Und wir haben viel Spaß gehabt. Ich habe gleichzeitig noch studiert und bin zwei Mal die Woche nach Paris an die Universität gefahren.

Wann war das genau?
Scholl-Latour: Ich habe 1948 angefangen und bin 1950 außenpolitischer Redakteur geworden. Zu der Zeit habe ich auch mit meinem großen Reisen angefangen. Die Saarbrücker Zeitung war dabei immer mein fester Bezugspunkt.

Und Ihre Zeit als Regierungssprecher im Saarland?
Scholl-Latour: Das war im Grunde genommen eine sehr lockere Zeit. Wir waren ja gespalten in Ja-Sager und Nein-Sager, auch in der Redaktion. Aber wir haben untereinander einen sehr kameradschaftlichen Umgang gepflegt. Wir haben uns oft abends getroffen und was zusammen getrunken. Das war die saarländische Freude.

Wie beurteilen Sie das Saarland heute?
Scholl-Latour: Ich habe neulich per Zufall im Fernsehen die „Narrenschau“ gesehen. Das hat mir gut gefallen. Ich war ganz erstaunt, wie witzig es gemacht war. Und vor allem hat mir Frau Kramp-Karrenbauer als Putzfrau imponiert, wie sie auf echt saarländisch aufgetreten ist, mit dem Dialekt und alles. Und da hatte sie einen sehr schönen Spruch: Ich bin ja jetzt Putzfrau im Landtag und wenn wir jetzt Französisch als zweite Landessprache einführen, dann bin ich die femme de manège (lacht herzlich).

Was halten Sie denn von dem Plan mit der Zweisprachigkeit?
Scholl-Latour: Wenn das verwirklicht werden könnte, finde ich das gut. Wir brauchen ja im Saarland ein bisschen Sondercharakter. Und was die Luxemburger können, werden die Saarländer ja wohl auch können.
Im Saarland gab es auch viel Kritik an den Plänen, weil Englisch zu kurz kommen könnte.
Scholl-Latour: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Englisch kann man auch nebenbei lernen. Ich bin auch perfekt auf Deutsch und Französisch und spreche trotzdem gut Englisch. Einem normal intelligenten Menschen ist es gegeben, auch noch Englisch zu lernen.

Wie werden Sie Ihren 90. Geburtstag verbringen?
Scholl-Latour: Ich habe hier in Berlin einen Verlag, und der Verlag wird für mich eine Feierlichkeit veranstalten. Helmut Schmidt wird ein Grußwort schreiben. Das wird bestimmt sehr nett.
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