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Schüsse in der Schulbank: 1871 schoss Saarbrücker Gymnasiast auf zwei Mitschüler

Mit einem Revolver attackierte der damals 18-Jährige seinen Mitschüler in der Unterrichtspause.

Mit einem Revolver attackierte der damals 18-Jährige seinen Mitschüler in der Unterrichtspause.

Julius Becker lädt seinen Revolver in der Mittagspause: Schießpulver, Papier, Bleigeschoss, dann die Zündhütchen. Es soll kein normaler Schultag werden für den 18-jährigen Saarbrücker. Er will Rache üben an seinem Banknachbarn Gustav Eybisch. Rache für Schmähungen, Spottgedichte, für eine scheußliche Kreidezeichnung an einer Wand des Saarbrücker Gymnasiums (heute: Ludwigsgymnasium).

In der Pause nach der ersten Stunde des Nachmittagsunterrichts erhebt sich Julius Becker wortlos von seinem Platz in der hinteren Bankreihe. Er nimmt seine Waffe und zielt auf den Kopf des neben ihm sitzenden Gustav Eybisch.

Opfer überleben die Schüsse
Sechs Mal zieht er den Abzug durch. Eybisch bricht zusammen. Zwei Kugeln treffen den in der ersten Reihe sitzenden Primaner Adolph Brandt. Beim letzten Schuss versagt der Revolver. Panik macht sich breit, der Rest der Klasse flüchtet zur Tür. Becker setzt sich neben den blutenden Eybisch und sagt: „Geht und ruft die Polizei!“

Vor 146 Jahren, lange vor den schrecklichen Ereignissen von Littelton, Winnenden und Erfurt, war Saarbrücken der Schauplatz einer grausamen Bluttat an einer Schule. Am 25. Mai 1871 schoss der Gymnasiast Julius Becker auf zwei seiner Mitschüler. Beide Opfer überlebten die Schüsse trotz schwerster Kopfverletzungen.

Die Tat im damals einzigen Gymnasium im Saarland, dem heutigen Ludwigsgymnasium, sorgte überregional für Schlagzeilen.

Becker war Mobbingopfer
Peter Wettmann-Jungblut, Historiker und Archivar des Saarländischen Landesarchivs, hat über den Fall geforscht. „Die Aktenlage zu Julius Becker ist dürftig. Die Prozessakten sind alle am Ende des Zweiten Weltkrieges verbrannt“, sagt Wettmann-Jungblut.

Jahresberichte der Schule und die Prozessberichte aus alten Zeitungen sind seine wichtigsten Quellen. Sie geben Auskunft über das Vorleben des späteren Schützen. Laut Wettmann-Jungblut kämpfte dieser vergebens um die Anerkennung seiner Lehrer und Mitschüler. Der Historiker beschreibt ihn als „Einzelgänger mit einer unübersehbaren narzisstischen Persönlichkeitsstörung“.

Mit seinen Mitschülern am Gymnasium, das damals in der heutigen Friedenskirche in der Wilhelm-Heinrich-Straße untergebracht war, kam der Sonderling Becker nicht gut klar. Offenbar war er oft dem Spott seiner Klassenkameraden ausgesetzt - ein Mobbingopfer, das höchstwahrscheinlich auch gern selbst auf Konfrontationskurs ging. Mit seinem späteren Opfer Gustav Eybisch soll sich Becker öfter geschlagen haben.

Schütze kam leicht ans seine Waffe
Bei einem Saarbrücker Büchsenmacher besorgte sich Becker zwei Wochen vor der Tat einen Revolver samt Munition, damals selbst für einen Minderjährigen kein Problem. Laut Historiker Wettmann-Jungblut wurden hierzulande erst 1922 erste Gesetze erlassen, die den Besitz und das Führen von Schusswaffen regelten.

Nach dem Amoklauf ließ sich Becker widerstandslos verhaften. In seinen Taschen fand die Polizei einen Dolch und zwei an Eybisch gerichtete Zettel. „Scheinheiliger Schuft! Verleumder! Alles vergeblich! Wir stehen am Ende!“, stand darauf. Bei Vernehmungen gab Becker an, er habe den ihm „verfeindeten“ Eybisch, nicht aber Adolph Brandt erschießen wollen.

Das Urteil: Freispruch
Am 15. November 1871 wurde Julius Becker darauf in Saarbrücken der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft klagte ihn wegen versuchten Mordes an Eybisch und des versuchten Totschlags an Brandt an. Julius Becker widerrief vor dem Geschworenengericht sein Geständnis.

Sein Verteidiger, der Saarbrücker Anwalt und Politiker Heinrich Boltz, plädierte auf vorübergehende Unzurechnungsfähigkeit. Mehrere Gutachter und Zeugen sagten für und gegen den jugendlichen Täter aus. Lehrer wollten an ihm „närrisches Verhalten“ und eine „Art der Sinnesverwirrung“ beobachtet haben.

Mitschüler schätzten Becker vor Gericht zwar als „Sonderling“ ein, hatten aber nie eine Geistesstörung bei ihm bemerkt. Für Schuldirektor Hollenberg war sein Motiv eine klare Sache: „Abgrundtiefer Hass gegen Eybisch.“

Spuren verlaufen im Sande
Julius Becker verließ den Gerichtssaal als freier Mann. Das Gymnasium besuchte er nicht weiter. 1876 wurde er in die damals noch neue Rheinische Provinzial Irrenanstalt Merzig eingeliefert. Aufenthalte in Anstalten in Pforzheim, Bendorf, Pützchen und Andernach folgten.

Nach 1905 verliert sich Beckers Spur. Wann und wo er starb, weiß auch der Historiker Peter Weltmann-Jungblut nicht.

Mit Verwendung von SZ-Material (Florian Rech; 21.05.15).

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