L125 Neunkirchen Richtung Saarbrücken-Johannisbrücke Kreuzung Neunkirchen-Sinnerthal Vollsperrung, Bauarbeiten bis 01.05.2018, eine Umleitung ist eingerichtet Die Sperrung erfolgt aufgrund von Sanierungsarbeiten am Brückenbauwerk und der Fahrbahn im Bereich "Plättches Dohle" (18.04.2017, 10:58)

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Seelenschmerz statt Nostalgie

Seit Oktober läuft der Totalausverkauf wegen Insolvenz. Am 28. Februar ist Schluss für die hiesigen Filialen in St. Ingbert, Neunkirchen und Saarbrücken. 148 Beschäftigte stehen auf der Straße – oft nach über 30 Jahren Betriebszugehörigkeit. Sie verlieren mehr als ihren Arbeitsplatz.

Schon seit Wochen tragen die Schaufensterpuppen keine Perücken mehr, dafür sackartige rote Nachthemden: kahlköpfige Kranke in geplünderter Deko-Leere. Barmherzigerweise sind die Schaufenster der Saarbrücker Sinn Leffers Filiale keine mehr. Chaotisch mit Rabatt-Schildern zugekleistert, haben sie sich in Plakatwände verwandelt, die nur von einem künden: der Not eines Totalausverkaufs. Längst ist hier nicht mehr Sinn am Zug. Die Vermarktung des Warenbestandes der 22 Sinn-Filialen, die bundsweit schließen müssen, hat die Firma Gordon Brothers übernommen. In 25 Häusern läuft die Verkaufs-Show weiter – mit weniger Personal. Auch in Trier. In Saarbrücken hat man derweil die Musik abgeschaltet, die Toiletten sind defekt und dichtgemacht worden. Die oberen drei Etagen liegen im Dunkeln - gespenstische Verkaufsräume für leere Kleiderständer, Regal-Gerippe und leere Vitrinen: Auch die Möbel müssen raus. Seit November wurde das Haus von oben nach unten „entkernt“.

Mittlerweile ist das Reste-Angebot des imposanten 6500-Quadratmeter-Hauses so geschrumpft, dass es auf einer Etage im Erdgeschoss Platz findet. Die ehemalige Strumpfabteilung hat in drei Ständern Platz. „Wir bedienen schon lange nicht mehr. Wir räumen nur noch um und auf,“ sagt Annegret Z. (56). Offensichtlich fleißig und tapfer. Von den Verwüstungen, die die Kunden anrichten sollen, keine Spur. Denn was ist für Annegret das Schlimmste in dieser Alptraum-Endphase? „Die Kunden.“ 38 Jahre war sie bei Sinn. Jetzt fremdelt sie. Weil die Klientel gewechselt hat. Wie die Hottentotten benähmen sich manche. „Wir sagen nichts mehr“, sagt auch Rosi B. (55), „Soll ich mich vielleicht noch verprügeln lassen?“ Der Sicherheitsdienst sei längstens gekündigt. Vor allem samstags beobachtet sie Forbacher Gangs: „Dann ist Party, man braucht was Neues zum Anziehen.“ Galgenhumor hilft. Auch, wenn in den Umkleidekabinen niedergetrampelte Ware als Teppichboden dient. Kürzlich hätte eine Kollegin davon ein Foto gemacht. Es sollte an die Presse gehen, unter der Überschrift: „Sinn Leffers, ein renommiertes Haus.“ Zynismus schützt bekanntlich vor Schmerz.

Das Foto kam nie in der Redaktion an. Zum Treffen im Saarbrücker Gewerkschaftshaus (Verdi) erscheint nur eine einzige Verkäuferin: Betriebsrätin Barbara Reyinger (55) aus St. Ingbert ist als einzige bereit, ihren Namen zu nennen. Wer Arbeit suche, müsse vorsichtig sein, meint sie. Verdi-Gewerkschaftssekretär Günter Bauer hat eine andere Erklärung: „Die Verbundenheit mit dem Unternehmen ist ungeheuer.“ Und das, obwohl eine Schließung selten so viele „Problemfälle“ wie diese produziere. 50 Prozent der 148 Beschäftigten sind seiner Schätzung älter als 50 Jahre alt: seit Monaten arbeitslos gemeldet, ohne Aussicht auf einen neuen Job, zu jung, um die Rente zu beantragen. Gerti M. (54) hat acht Bewerbungen geschrieben. Sie scheut direkte Vorstellungs-Vorstöße, seit sie gehört hat, wie man in Geschäften auf der Bahnhofstraße mit Kolleginnen verfährt: „Wir können den Namen Sinn nicht mehr hören, sagen die. Jeden Tag suche jemand anders Arbeit. Muss man sich das anhören?“

Wutgeschrei würde man erwarten. Schimpfkanonaden über missbrauchte Loyalität. Schließlich hat die Belegschaft 2006 und 2008 wieder einem Sanierungs-Tarifvertrag zugestimmt, hat auf Einmal-Zahlungen, Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet – bei einer Beschäftigungsgarantie bis 31.12. 2009. Alles Makulatur. „Bei einer Insolvenz werden die Beschäftigten zu Freiwild“, sagt Bauer. Doch so was erwähnt nur er. Eine Einzige, Jüngere, spricht über Geldsorgen, ihren Mann, der ausgerechnet jetzt zum Pflegefall wurde. Wo lassen alle anderen Frauen ihre Existenzangst?

Die Phase der tränenreichen Ausbrüche hätten alle längst hinter sich, erklärt Barbara Reyinger die Gefasstheit. Zukunfts-Angst trägt hier nicht die Fratze des Konsumverzichts und sozialen Abstiegs, sondern tritt insbesondere bei den Singles als Horrorgestalt der Leere auf. „Topflappen häkeln ist nichts für mich“, meint Monika W. (54). „Ich bin seit 40 Jahren berufstätig – und plötzlich wartet niemand mehr auf mich.“ Sie will was Ehrenamtliches anfangen, oder in VHS-Kursen „was für den Kopf tun“. Sie zählt den schwindenden Tages-Vorrat tröstlicher Sinn-Gemeinschaft: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Was kommt nach dem 28. Februar? „Wir verlieren nicht unsere Arbeit, sondern eine Familie,“ sagt Barbara Reyinger.

Das erzeugt Seelenschmerz. Für sentimentale Erinnerungen an bessere Unternehmens-Zeiten schrumpft der Gefühls-Platz. Nostalgie bleibt den Kunden vorbehalten. Sie bauen Sinn verbal ein Denkmal, sprechen über anständige Ware zu anständigen Preisen, Top-Beratung, hochwertige Fachabteilungen, die gediegene, ruhige Atmosphäre, den Super-Kuchen im Café. Krokodilstränen! Meint Rosi B. Manche „Stammkunden“ suchten das Café heute noch, obwohl es Jahre geschlossen hat. Oder sie fragten nach der Marke Boss, die Sinn nie geführt hat. Dann weise sie die Leute schon mal zurecht: „Von der Bluse, die Sie vor 20 Jahren hier gekauft haben, konnten wir nicht überleben.“ Danach steht Rosi wieder wie alle ihre Kolleginnen mit soldatischen Pflichtgefühl inmitten einer Rudi’s Resterampe. „Wir sind Profis!“, sagt Barbara Reyinger. Das Personal hat dem Haus die letzte Ehre erwiesen. Ob es in Würde sterben darf, entscheiden die Kunden.
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