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Shoppen bis der Arzt kommt: Wo kaufsüchtige Saarländer Hilfe finden

Holger Schadt ist kaufsüchtig. Rund 73?000 Euro Schulden hatte der 36-Jährige aus Spiesen-Elversberg am Ende. Wie viel genau davon noch übrig ist, weiß er gar nicht; er ist in Privatinsolvenz. Schadt machte eine Therapie – und wurde wieder in den Alltag entlassen. Auf der Suche nach einer Selbsthilfegruppe rief er die Caritas an. Er solle doch vorbeikommen, sagte die freundliche Stimme am Telefon. Und dann saß Schadt allein zwischen Alkoholikern. „Die fanden, dass ich gar kein Problem habe“, sagt Schadt. Rund 120 Selbsthilfegruppen für Alkoholabhängige gibt es im Saarland. Für Kaufsüchtige gab es keine einzige. Schadt hat die Erste gegründet. „Dabei ist die Dunkelziffer wahrscheinlich sehr hoch“, sagt Ulrich Monzel, Psychologe an der AHG Klinik Münchwies. Studien zufolge seien etwa fünf Prozent der Bevölkerung gefährdet.

Schadt kaufte im Geschäft oder bestellte aus dem Katalog, später in Online-Shops. Fernseher, DVD-Player, Klamotten. Das Internet verstärkt die Gefahr der Kaufsucht, glaubt Schadt: „Es ist einfacher, schneller und geht auch nachts, wenn man wach wird.“ Das Gekaufte selbst war es gar nicht, was ihn befriedigte, vielmehr der Akt des Kaufens: Das Glücksgefühl wurde ausgelöst vom Klingeln des Paketboten oder sogar schon vom Bestätigungs-Button auf dem Computerbildschirm. Die Päckchen öffnete er am Ende gar nicht mehr. 20 Pakete pro Woche. Schadt stapelte sie, versteckte sie vor seiner Partnerin. Die bemerkte lange gar nichts von seiner Krankheit. „Süchtige sind die besten Lügner“, sagt er. Nach dem Aufstehen hatte er körperliche Entzugserscheinungen, war unruhig und zittrig.

Laut dem ICD 10, dem von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebenen Klassifikationssystem aller anerkannten Diagnosen, ist Kaufsucht offiziell gar keine Krankheit. Bloß eine Impulskontrollstörung, also eine Störung der Kontrolle, den Impuls, mehr zu kaufen als man braucht, zu unterdrücken. Eine Sucht definiert Monzel mit der psychischen Wirkung einer Sache auf den Betroffenen, dem wachsenden Verlangen nach mehr sowie klar erkennbaren Entzugserscheinungen. Und inwiefern der Betroffene trotz einer schädigenden Wirkung weitermacht. „Die Diskussion, wo die Kaufsucht hingehört, ist noch nicht zu Ende“, sagt er.

In Schadts Selbsthilfegruppe kann sich jeder anonym beraten lassen, der den Verdacht hat, dass sein Kaufverhalten über das normale Maß hinausgeht. Seit zwei Monaten ist die Gruppe aktiv: neben Schadt eine junge Auszubildende, ihre Mutter, ein Familienvater und ein älterer Krankenpfleger. Sie treffen sich alle zwei Wochen in der AHG Klinik.

„Akutbehandlungen sind bloß Bausteine. Die Patienten müssen auch wieder in den Alltag zurück“, sagt Beate Ufer von der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe im Saarland (KISS). Es gebe mehrere Studien, die belegen, dass Patienten, die nach einer Therapie eine Selbsthilfegruppe besuchten, seltener rückfällig wurden als andere Süchtige. Auf einen Platz in der Therapie wartet ein Patient meist mehrere Monate; gerade für die Wartezeit sind Selbsthilfegruppen wertvoll, findet Monzel. Im Jahr 2012 waren in der Klinik 20 Patienten mit Kaufsucht in Therapie. Dort lernen sie, verbrauchsorientiert einzukaufen. In den Laden geht es bloß mit einem fixen Bargeldbetrag und einem Taschenrechner. „Die Lösung für einen Alkoholiker ist, keinen Alkohol mehr zu trinken“, sagt Monzel. „Aber ein Kaufsüchtiger kann nicht einfach nicht mehr einkaufen gehen.“ Daher sei Ablenkung besonders wichtig, neue Hobbys etwa. Schadt hat seit einem Jahr eine Ablenkung: sein Söhnchen Noah.

Kontakt zu Holger Schadt (auch anonym): Tel. (01?76) 69?91?85?72, oder per E-Mail: kaufsucht.saar@yahoo.de.

Jenny Kallenbrunnen

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